Letter from Munich – the Joseph Affair – 321
EINE DEUTSCHE FASSUNG STEHT WEITER UNTEN. (German translation below – German language character set required for correct display.)
Dusseldorf, 29 June 2007
Dear Mr. Graf, dear friends,
(Continuation of a letter to a friend:)
— It can be seen that the district attorney’s office and the police made every effort to investigate the Kantelberg-Abdullas and to interrogate witnesses in order to try to prove that they were lying. It seems as if the district attorney’s office and the police were concentrating only on that effort. As far as the alleged perpetrators of the crime are concerned just a very slight effort to investigate is evident. It is natural to wonder why that should be so. In this context it is natural also to think of what the MDR broadcast stated: that one of the three suspects had a good alibi. It would be good to know something about the others. Did they too have an alibi?
— The district attorney’s office confiscated everything that the Kantelberg-Abdullas had, which deal with Joseph’s death. These items have apparently never been returned, and one cannot help wondering why?
— The district attorney’s office, as already mentioned, threatened to charge the family with dissemination of false accusations, but this threat was never carried out. What was the reason, if the district attorney and the people of Sebnitz were so convinced of – and so outraged by – what they claimed was a lie on the part of the Kantelburg-Abdullas? Surely the district attorney wasn’t afraid to have the whole affair aired in open court, was he? And if he wasn’t, then what really was the reason for his decision? A feeling of mercy and compassion? If that was the reason, then we have to ask why no one in recent years has helped the Kantelberg-Abdullas, instead of directing what seems to be a kind of campaign of economic and social persecution against them.
Continued next week.
Sincerely yours,
Robert John Bennett
Ernst-Gnoss-Strasse 22
40219 Dusseldorf
Germany
Telephone: +49 211 586 4847
Mobile: +49 152 0285 4626
E-Mail: rjbennett@post.harvard.edu
Kantelberg-Abdulla E-Mail: majoskant@t-online.de
Websites: http://blogs.law.harvard.edu/MunichLetters
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Since many recipients of this letter may read German more easily than they read English, the following is the author’s translation of the above letter. Please note that word-processing programs outside of German-speaking countries may not display all of the letters of the German alphabet correctly.
Alle Briefe aus München sind abrufbar:
http://blogs.law.harvard.edu/MunichLetters
Düsseldorf, den 29. Juni 2007
(Wiederveröffentlichung eines früheren Briefes)
Sehr geehrter Herr Graf, sehr geehrte Freunde,
(Der vollständige deutsche Text des oben erwähnten Briefes:)
Lieber Ralf,
danke für die E-Mail. Zunächst einmal: Also, warum schreibe ich dieses Blog weiter? Warum lässt mich diese ganze Geschichte einfach nicht mehr los? Ich glaube, es gibt zahlreiche Gründe dazu, und wenn es Sie interessiert, trotz meiner fehlerhaften Deutschkenntnisse, habe ich eine ziemlich lange Liste dieser Gründe ausgedacht, wie folgt:
— Um mit dem psychologisch brennendsten und sonderbarsten Grund zu beginnen, muss ich mich auf ein Buch des französischen Schriftstellers Antoine de Saint-Exupéry beziehen, „Terre des hommes.“ Am Ende dieses Buches schreibt Saint-Ex eine Passage über „Mozart assassiné“ – Mozart ermordet, im geistigen Sinne des Wortes „ermordet.“ Ich glaube, es gibt in uns allen ein bisschen „Mozart ermordet.“ Mit anderen Worten, kann etwas Wertvolles in allen Menschen versteckt werden, was die Wechselfälle des Lebens im Laufe der Zeit zerstören. Normalerweise passiert das, als wir Kinder oder sehr junge Menschen sind, und es verschwindet aus unserem Gedächtnis. Einige von uns aber denken immer an dieses „etwas Wertvolles.“ Infolgedessen, um zu versuchen ein in unseren Leben nicht wieder gutzumachendes Unrecht oder Schaden, doch gutzumachen, wollen wir entweder anderen Menschen helfen so etwas in ihren Leben zu vermeiden, wenn möglich, oder fühlen wir uns manchmal gezwungen, immer wieder zu versuchen einen Fall von „Mozart ermordet“ aufzuklären oder aufklären zu lassen.
— Wo es um den Fall Joseph geht, das, was mir zunächst im Jahre 2000 auffiel, war die Art und Weise, wie es für Kurt Biedenkopf und den Oberbürgermeister von Sebnitz beschlossene Sache war, von Anfang an, dass Joseph nicht ermordet worden war. Ich fragte mich, wie sie das sagen konnten und wie sie das Ergebnis der Ermittlung wissen konnten, bevor die Ermittlung fertig gestellt wurde.
— Später, als ich die Abschriften des polizeilichen Verhöres der Zeugen lies, wo diese Zeugen ihre eidesstattlichen Erklärungen zurücknahmen, gab es Hinweise – meiner Meinung nach – dass diese Zurücknahmen, mindestens in gewissen Fällen, die Folge des Druckes der Polizei gewesen sein konnten. Natürlich war es sehr dumm von den Kantelberg-Abdullas für diese Erklärungen zu zahlen. Ich fragte mich aber, ob es wirklich möglich war, dass jede Erklärung gefälscht wurde oder dass die meisten Zeugen die Erklärungen wirklich unterschrieben haben, ohne den Inhalt zu wissen. In der Akte gibt es ein richterliches Dokument, wo die Richterin bestätigt hat, dass sie zu dem Zeitpunkt diesen Zeugen glaubte. Also war es nicht möglich, habe ich gedacht, dass diese Zeugen die Wahrheit in ihren ursprünglichen eidesstattlichen Erklärungen gesagt haben?
— Meiner Meinung nach, lässt es sich kaum bestreiten, dass die Stimme des Zeugen, die man in Ihrer MDR-Sendung hören konnte, sich ganz glaubwürdig anhörte, als er das beschrieb, was er angeblich im Freibad sah, als Joseph starb.
— Außerdem, wo es um polizeiliche Verhöre geht, denkt man an den Artikel aus der New York Times, den ich Ihnen schon erwähnt habe, wo ein amerikanischer Journalist die Art und Weise beschreibt, wie die Polizei – in diesem Fall in Japan – zahlreichen Menschen Geständnisse abgepresst haben, Menschen, die völlig unschuldig waren. Es ist klar, in diesen und anderen Fällen, wo Menschen sich isoliert fühlen, kann die Polizei problemlos auf sie Druck ausüben.
— Man denkt auch an all die deutschen Nachrichtensendungen, wo man darüber berichtet hat, wie die Polizei in den neuen Bundesländern rechtsextremistische Prügel, Schläger und andere Verbrechen oft komplett ignoriert und verharmlost hat, sogar als die Opfer um Hilfe dringend baten. Man denkt auch an all die Berichte daeüber, dass eine ganze Anzahl der Polizei in den neuen Bundesländern rechtsextremistische Sympathisanten sind, genauso wie man denkt an die zahlreichen solchen Berichte über die Bundeswehr – zum Beispiel, über das Bundeswehrgeschwader „Mölders“, von dem die „Kontraste“-Sendung der vergangenen Woche noch einmal berichtete. (Das Bundeswehrgeschwader „Mölders“ existiert immer noch, den Journalisten von „Kontraste“ nach, weil dieser Name von den rechtsorientierten Mitglieder der CDU unterstützt wird. Die deutschen rechtlichen-öffentlichen Fernsehsender haben so oft über diese rechtsgerichteten CDU-Mitglieder berichtet, dass es fast überflüssig zu sein scheint, das noch einmal zu erwähnen.)
— Die Existenz dieser weit rechts stehenden CDU-Mitglieder, Polizisten und Soldaten erinnert einen auch an das berüchtigte Problem mit Neonazis, die immer wieder in den neuen Bundesländern auftauchen, und sehr oft in Sachsen.
— Neulich haben verschiedene Journalisten über den Sumpf der Korruption geschrieben, der im sächsischen Innenministerium und Justiz gefunden wurde. Man weiß nicht, wann diese Korruption begonnen hat, aber trotzdem stellt man sich die Frage, „Wenn gewisse Leiter der CDU in Sachsen – Kurt Biedenkopf und der Oberbürgermeister von Sebnitz, zum Beispiel – nicht akzeptieren wollten, dass Josephs Tod von Rechtsradikalen verursacht wurde, wäre es nicht sehr leicht gewesen sein, diesen Wunsch zur Staatsanwaltschaft und Polizei zu kommunizieren, natürlich auf die subtilste Art und Weise?“
— Es gab selbstverständlich keine Verschwörung, wo es um den Fall Joseph geht. Es war nur eine Frage, die Wünsche, die die leitenden Politiker hatten, an die richtigen Beamten zu vermitteln. Eine solche Handlungsweise kann besonders effektiv sein, in einer Gesellschaft wie diese, wo Hierarchie und Ordnung so wichtig sind, und wo man immer wieder versucht, die Wünsche der Vorgesetzten zu erahnen und zu erfüllen. Diese Tendenzen könnten sogar stärker sein, in einem Bundesland, wo die Menschen relativ wenig Erfahrungen mit echter Demokratie haben, und wo sie mehr als sechs jahrzehntenlang in zwei verschiedenen Diktaturen lebten, geschweige denn auch in einem Kaiserreich, vor diesen Diktaturen.
— In der MDR-Sendung vom 9. Juni, erwähnte man einen Professor, der lehrt, dass der Fall Joseph ein Beispiel dafür ist, wie die Medien manipulieren und manipuliert werden können. Man könnte genauso gut die Ansicht vertreten, dass dieser Fall ein Beispiel dafür ist, wie der Staat seine Beamten und Behörden und auch die Medien manipulieren kann, um das Publikum zu Gefühlen gegen eine Familie anzustiften.
— Der Hass und die Verunglimpfung, die von den Menschen von Sebnitz an die Familie Kantelberg-Abdulla gerichtet wurden und werden, Hass und Verunglimpfung, die der MDR am Ende der Sendung beschrieb, sind vielleicht die Folge solcher Anstiftung. Sonst ist solcher Hass schwer zu verstehen, abgesehen von der Tatsache, dass Menschen ihre Opfer oft besonders hassen, wenn diese Opfer Recht mit ihren Behauptungen haben und wenn die Menschen wissen, dass sie diesen Opfern unrecht taten.
— In solchen Fällen aber ist es Opfer wie Familie Kantelberg-Abdulla fast unmöglich, sich durchzusetzen, falls sie selbst Fehler gemacht haben; zum Beispiel, falls sie Zeugen für ihre Erklärungen bezahlt haben. Die meisten Menschen sind bereit zu glauben, dass, wenn diese Familie solche Fehler machte, oder wenn ein Teil davon, was die Kantelberg-Abdullas, falsch ist, dann muss alles, was sie sagen, eine Lüge sein.
— Man sieht, dass die Staatsanwaltschaft und die Polizei jede nur mögliche Anstrengung unternommen haben, die Familie Kantelberg-Abdulla zu ermitteln und die Zeugen zu verhören, um zu versuchen zu beweisen, dass diese gelogen haben. Es scheint, als ob die Staatsanwaltschaft und die Polizei sich nur auf diese Aufgabe konzentriert haben. Nur die kleinsten Anstrengung, um die angeblichen Täter zu ermitteln, ist bis jetzt sichtbar. Man fragt sich warum, und in diesem Zusammenhang denkt man auch daran, was die MDR-Sendung erklärte, nämlich, dass einer der drei Verdächtigen ein gutes Alibi hatte. Man möchte irgendetwas über die anderen wissen. Kurz gesagt, hatten diese auch ein Alibi?
— Die Staatsanwaltschaft hat alles beschlagnahmt, was die Familie Kantelberg-Abdulla hatte, das von Josephs Tod handelte. Anscheinend wurden diese Gegenstände nie zurückgegeben. Man kann nicht umhin zu fragen, warum?
— Die Staatsanwaltschaft, wie schon erwähnt, hat der Familie mit einer Anklage wegen der Verbreitung falscher Anschuldigungen gedroht, aber diese Anklage wurde nie erhoben. Was war der Grund dazu, wenn die Staatsanwaltschaft und die Bevölkerung von Sebnitz davon überzeugt und darüber empört sind, dass die Familie gelogen hat? Es kann nicht sein, dass die Staatsanwaltschaft Angst davor hatte, die ganze Affäre offen vor Gericht herauszubringen, oder? Also wenn nicht, was dann war tatsächlich der Grund zu dieser Entscheidung? Ein Sinn für Erbarmen? Wenn das der Grund war, müssen wir uns fragen, warum niemand in den letzten Jahren der Familie geholfen hat, statt das durchzuführen, was eine Art von ökonomischer und gesellschaftlicher Verfolgung zu sein scheint.
Auf jeden Fall ist all das selbstverständlich kein Beweis dafür, dass Joseph ermordet und die ganze Sache vertuscht wurde, aber die Fragen bleiben und für immer bleiben werden, jedenfalls für mich, weil ich glaube, dass niemand letzten Endes die Wahrheit über diesen Fall wissen wird.
Oder möglicherweise sind all dies nur die unzusammenhängenden Ideen eines Mannes, der in seiner eigenen Realität lebt, wie der Mensch, der im MDR-Bericht erwähnt wurde. Man kann diese Möglichkeit nicht völlig ausschließen, oder?
Das aber, was ich ganz bestimmt weiß, ist, dass man weder all diese Fragen noch die Geschichte von Joseph vergessen sollte, weil es sich in gewisser Hinsicht hier um jenen außergewöhnlichen Teil von uns allen handeln könnte, den wir im tiefsten Herzen haben, jenen Teil von uns, der echt menschlich und schöpferisch ist, jenen Teil, der insbesondere zum jetzigen Zeitpunkt die Gefahr läuft, „Mozart assassiné“ zu werden.
Mit freundlichen Grüßen
Robert
Ende des zitierten Briefes.
Fortsetzung nächste Woche.
Mit freundlichen Grüßen
Robert John Bennett
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