Letter from Munich 320

Letter from Munich – the Joseph Affair – 320

EINE DEUTSCHE FASSUNG STEHT WEITER UNTEN. (German translation below – German language character set required for correct display.)

Dusseldorf, 22 June 2007

Dear Mr. Graf, dear friends,

(Continuation of a letter to a friend:)

— It is also impossible to forget all those German news broadcasts about the way the police in eastern Germany frequently ignore or play down beatings and other crimes committed by right-wing extremists. It is impossible to forget other reports that a large number of police in eastern Germany are right-wing sympathizers, in the same way that numerous such reports about the German armed forces cannot be forgotten – reports, for example, about the air force’s “Moelders” squadron, named after one of Hitler’s ace fighter pilots. (The well-regarded news program “Kontraste” reported once again recently that the squadron’s name has not yet been changed, despite a barrage of criticism, because it is supported by right-wing members of the conservative CDU, one of Germany’s two leading political parties. German public television has so often reported about these CDU members that it is almost superfluous to mention them again here.)

— The existence of these right-wing CDU members, police, and military personnel brings to mind the notorious problem of the neo-Nazis who repeatedly make their presence felt in eastern Germany, and very often in Saxony, where the boy Joseph died.

— Recently various journalists have written about the “swamp” of corruption that has been found in the interior ministry and judiciary in Saxony. No one knows when this corruption began. However, the question presents itself: “If certain leaders of the all-powerful CDU – Kurt Biedenkopf and the Mayor of Sebnitz, for example – did not wish to accept that Joseph’s death was caused by right-wing extremists, would it not have been very easy for them to very subtly communicate this wish to the district attorney’s office and the police?”

— Certainly there was no conspiracy, where the Joseph case is concerned. It was only a question of communicating the wishes of leading politicians to the right civil servants. That way of dealing with a problem can be especially effective in a society like this one, where hierarchy and order are so important and where people try hard to guess the wishes of their superiors – and then to fulfil those wishes. These tendencies may even be stronger in one of the new German states, where people have relatively little experience of democracy and where they had to under two different dictatorships for more than six decades, not to mention in an empire before that.

— In the Mitteldeutscher Rundfunk broadcast of June 9, a professor was mentioned who teaches that the Joseph case is an example of the way the media can manipulate and be manipulated. However, it could also be argued that that this case is an example of the way the state can manipulate its civil servants and the media in order to incite public feeling against a family.

— The hatred and vilification that the people of Sebnitz directed against the Kantelberg-Abdullas – and still direct against them – and which was described at the end of the Mitteldeutscher Rundfunk broadcast are perhaps the consequences of such incitement. Otherwise such hatred is difficult to understand, except for the fact that people often feel a special hatred for their victims, when the victims are in the right and when people know they have treated their victims unjustly.

— In such cases, though, it is nearly impossible for victims like the Kantelberg-Abdullas to assert themselves if they themselves have made a mistake: for example, if they have paid witnesses for their testimony. Most people are ready to believe that if this family made a mistake like that, or if a part of what the Kantelberg-Abdullas have said is false, then everything they have said must be a lie.

Continued next week.

Sincerely yours,

Robert John Bennett

Ernst-Gnoss-Strasse 22

40219 Dusseldorf

Germany

Telephone: +49 211 586 4847

Mobile: +49 152 0285 4626

E-Mail: rjbennett@post.harvard.edu

Kantelberg-Abdulla E-Mail: majoskant@t-online.de

Websites: http://blogs.law.harvard.edu/MunichLetters

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Since many recipients of this letter may read German more easily than they read English, the following is the author’s translation of the above letter. Please note that word-processing programs outside of German-speaking countries may not display all of the letters of the German alphabet correctly.

Alle Briefe aus München sind abrufbar:

http://blogs.law.harvard.edu/MunichLetters

Düsseldorf, den 22. Juni 2007

Sehr geehrter Herr Graf, sehr geehrte Freunde,

(Der vollständige deutsche Text des oben erwähnten Briefes:)

Lieber Ralf,

danke für die E-Mail. Zunächst einmal: Also, warum schreibe ich dieses Blog weiter? Warum lässt mich diese ganze Geschichte einfach nicht mehr los? Ich glaube, es gibt zahlreiche Gründe dazu, und wenn es Sie interessiert, trotz meiner fehlerhaften Deutschkenntnisse, habe ich eine ziemlich lange Liste dieser Gründe ausgedacht, wie folgt:

— Um mit dem psychologisch brennendsten und sonderbarsten Grund zu beginnen, muss ich mich auf ein Buch des französischen Schriftstellers Antoine de Saint-Exupéry beziehen, „Terre des hommes.“ Am Ende dieses Buches schreibt Saint-Ex eine Passage über „Mozart assassiné“ – Mozart ermordet, im geistigen Sinne des Wortes „ermordet.“ Ich glaube, es gibt in uns allen ein bisschen „Mozart ermordet.“ Mit anderen Worten, kann etwas Wertvolles in allen Menschen versteckt werden, was die Wechselfälle des Lebens im Laufe der Zeit zerstören. Normalerweise passiert das, als wir Kinder oder sehr junge Menschen sind, und es verschwindet aus unserem Gedächtnis. Einige von uns aber denken immer an dieses „etwas Wertvolles.“ Infolgedessen, um zu versuchen ein in unseren Leben nicht wieder gutzumachendes Unrecht oder Schaden, doch gutzumachen, wollen wir entweder anderen Menschen helfen so etwas in ihren Leben zu vermeiden, wenn möglich, oder fühlen wir uns manchmal gezwungen, immer wieder zu versuchen einen Fall von „Mozart ermordet“ aufzuklären oder aufklären zu lassen.

— Wo es um den Fall Joseph geht, das, was mir zunächst im Jahre 2000 auffiel, war die Art und Weise, wie es für Kurt Biedenkopf und den Oberbürgermeister von Sebnitz beschlossene Sache war, von Anfang an, dass Joseph nicht ermordet worden war. Ich fragte mich, wie sie das sagen konnten und wie sie das Ergebnis der Ermittlung wissen konnten, bevor die Ermittlung fertig gestellt wurde.

— Später, als ich die Abschriften des polizeilichen Verhöres der Zeugen lies, wo diese Zeugen ihre eidesstattlichen Erklärungen zurücknahmen, gab es Hinweise – meiner Meinung nach – dass diese Zurücknahmen, mindestens in gewissen Fällen, die Folge des Druckes der Polizei gewesen sein konnten. Natürlich war es sehr dumm von den Kantelberg-Abdullas für diese Erklärungen zu zahlen. Ich fragte mich aber, ob es wirklich möglich war, dass jede Erklärung gefälscht wurde oder dass die meisten Zeugen die Erklärungen wirklich unterschrieben haben, ohne den Inhalt zu wissen. In der Akte gibt es ein richterliches Dokument, wo die Richterin bestätigt hat, dass sie zu dem Zeitpunkt diesen Zeugen glaubte. Also war es nicht möglich, habe ich gedacht, dass diese Zeugen die Wahrheit in ihren ursprünglichen eidesstattlichen Erklärungen gesagt haben?

— Meiner Meinung nach, lässt es sich kaum bestreiten, dass die Stimme des Zeugen, die man in Ihrer MDR-Sendung hören konnte, sich ganz glaubwürdig anhörte, als er das beschrieb, was er angeblich im Freibad sah, als Joseph starb.

— Außerdem, wo es um polizeiliche Verhöre geht, denkt man an den Artikel aus der New York Times, den ich Ihnen schon erwähnt habe, wo ein amerikanischer Journalist die Art und Weise beschreibt, wie die Polizei – in diesem Fall in Japan – zahlreichen Menschen Geständnisse abgepresst haben, Menschen, die völlig unschuldig waren. Es ist klar, in diesen und anderen Fällen, wo Menschen sich isoliert fühlen, kann die Polizei problemlos auf sie Druck ausüben.

— Man denkt auch an all die deutschen Nachrichtensendungen, wo man darüber berichtet hat, wie die Polizei in den neuen Bundesländern rechtsextremistische Prügel, Schläger und andere Verbrechen oft komplett ignoriert und verharmlost hat, sogar als die Opfer um Hilfe dringend baten. Man denkt auch an all die Berichte daeüber, dass eine ganze Anzahl der Polizei in den neuen Bundesländern rechtsextremistische Sympathisanten sind, genauso wie man denkt an die zahlreichen solchen Berichte über die Bundeswehr – zum Beispiel, über das Bundeswehrgeschwader „Mölders“, von dem die „Kontraste“-Sendung der vergangenen Woche noch einmal berichtete. (Das Bundeswehrgeschwader „Mölders“ existiert immer noch, den Journalisten von „Kontraste“ nach, weil dieser Name von den rechtsorientierten Mitglieder der CDU unterstützt wird. Die deutschen rechtlichen-öffentlichen Fernsehsender haben so oft über diese rechtsgerichteten CDU-Mitglieder berichtet, dass es fast überflüssig zu sein scheint, das noch einmal zu erwähnen.)

— Die Existenz dieser weit rechts stehenden CDU-Mitglieder, Polizisten und Soldaten erinnert einen auch an das berüchtigte Problem mit Neonazis, die immer wieder in den neuen Bundesländern auftauchen, und sehr oft in Sachsen.

— Neulich haben verschiedene Journalisten über den Sumpf der Korruption geschrieben, der im sächsischen Innenministerium und Justiz gefunden wurde. Man weiß nicht, wann diese Korruption begonnen hat, aber trotzdem stellt man sich die Frage, „Wenn gewisse Leiter der CDU in Sachsen – Kurt Biedenkopf und der Oberbürgermeister von Sebnitz, zum Beispiel – nicht akzeptieren wollten, dass Josephs Tod von Rechtsradikalen verursacht wurde, wäre es nicht sehr leicht gewesen sein, diesen Wunsch zur Staatsanwaltschaft und Polizei zu kommunizieren, natürlich auf die subtilste Art und Weise?“

— Es gab selbstverständlich keine Verschwörung, wo es um den Fall Joseph geht. Es war nur eine Frage, die Wünsche, die die leitenden Politiker hatten, an die richtigen Beamten zu vermitteln. Eine solche Handlungsweise kann besonders effektiv sein, in einer Gesellschaft wie diese, wo Hierarchie und Ordnung so wichtig sind, und wo man immer wieder versucht, die Wünsche der Vorgesetzten zu erahnen und zu erfüllen. Diese Tendenzen könnten sogar stärker sein, in einem Bundesland, wo die Menschen relativ wenig Erfahrungen mit echter Demokratie haben, und wo sie mehr als sechs jahrzehntenlang in zwei verschiedenen Diktaturen lebten, geschweige denn auch in einem Kaiserreich, vor diesen Diktaturen.

— In der MDR-Sendung vom 9. Juni, erwähnte man einen Professor, der lehrt, dass der Fall Joseph ein Beispiel dafür ist, wie die Medien manipulieren und manipuliert werden können. Man könnte genauso gut die Ansicht vertreten, dass dieser Fall ein Beispiel dafür ist, wie der Staat seine Beamten und Behörden und auch die Medien manipulieren kann, um das Publikum zu Gefühlen gegen eine Familie anzustiften.

— Der Hass und die Verunglimpfung, die von den Menschen von Sebnitz an die Familie Kantelberg-Abdulla gerichtet wurden und werden, Hass und Verunglimpfung, die der MDR am Ende der Sendung beschrieb, sind vielleicht die Folge solcher Anstiftung. Sonst ist solcher Hass schwer zu verstehen, abgesehen von der Tatsache, dass Menschen ihre Opfer oft besonders hassen, wenn diese Opfer Recht mit ihren Behauptungen haben und wenn die Menschen wissen, dass sie diesen Opfern unrecht taten.

— In solchen Fällen aber ist es Opfer wie Familie Kantelberg-Abdulla fast unmöglich, sich durchzusetzen, falls sie selbst Fehler gemacht haben; zum Beispiel, falls sie Zeugen für ihre Erklärungen bezahlt haben. Die meisten Menschen sind bereit zu glauben, dass, wenn diese Familie solche Fehler machte, oder wenn ein Teil davon, was die Kantelberg-Abdullas, falsch ist, dann muss alles, was sie sagen, eine Lüge sein.

— Man sieht, dass die Staatsanwaltschaft und die Polizei jede nur mögliche Anstrengung unternommen haben, die Familie Kantelberg-Abdulla zu ermitteln und die Zeugen zu verhören, um zu versuchen zu beweisen, dass diese gelogen haben. Es scheint, als ob die Staatsanwaltschaft und die Polizei sich nur auf diese Aufgabe konzentriert haben. Nur die kleinsten Anstrengung, um die angeblichen Täter zu ermitteln, ist bis jetzt sichtbar. Man fragt sich warum, und in diesem Zusammenhang denkt man auch daran, was die MDR-Sendung erklärte, nämlich, dass einer der drei Verdächtigen ein gutes Alibi hatte. Man möchte irgendetwas über die anderen wissen. Kurz gesagt, hatten diese auch ein Alibi?

— Die Staatsanwaltschaft hat alles beschlagnahmt, was die Familie Kantelberg-Abdulla hatte, das von Josephs Tod handelte. Anscheinend wurden diese Gegenstände nie zurückgegeben. Man kann nicht umhin zu fragen, warum?

— Die Staatsanwaltschaft, wie schon erwähnt, hat der Familie mit einer Anklage wegen der Verbreitung falscher Anschuldigungen gedroht, aber diese Anklage wurde nie erhoben. Was war der Grund dazu, wenn die Staatsanwaltschaft und die Bevölkerung von Sebnitz davon überzeugt und darüber empört sind, dass die Familie gelogen hat? Es kann nicht sein, dass die Staatsanwaltschaft Angst davor hatte, die ganze Affäre offen vor Gericht herauszubringen, oder? Also wenn nicht, was dann war tatsächlich der Grund zu dieser Entscheidung? Ein Sinn für Erbarmen? Wenn das der Grund war, müssen wir uns fragen, warum niemand in den letzten Jahren der Familie geholfen hat, statt das durchzuführen, was eine Art von ökonomischer und gesellschaftlicher Verfolgung zu sein scheint.

Auf jeden Fall ist all das selbstverständlich kein Beweis dafür, dass Joseph ermordet und die ganze Sache vertuscht wurde, aber die Fragen bleiben und für immer bleiben werden, jedenfalls für mich, weil ich glaube, dass niemand letzten Endes die Wahrheit über diesen Fall wissen wird.

Oder möglicherweise sind all dies nur die unzusammenhängenden Ideen eines Mannes, der in seiner eigenen Realität lebt, wie der Mensch, der im MDR-Bericht erwähnt wurde. Man kann diese Möglichkeit nicht völlig ausschließen, oder?

Das aber, was ich ganz bestimmt weiß, ist, dass man weder all diese Fragen noch die Geschichte von Joseph vergessen sollte, weil es sich in gewisser Hinsicht hier um jenen außergewöhnlichen Teil von uns allen handeln könnte, den wir im tiefsten Herzen haben, jenen Teil von uns, der echt menschlich und schöpferisch ist, jenen Teil, der insbesondere zum jetzigen Zeitpunkt die Gefahr läuft, „Mozart assassiné“ zu werden.

Mit freundlichen Grüßen

Robert

Ende des zitierten Briefes.

Fortsetzung nächste Woche.

Mit freundlichen Grüßen

Robert John Bennett

Ernst-Gnoss-Strasse 22

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