Archive for March, 2007

Letter from Munich 309

Friday, March 30th, 2007

Letter from Munich – the Joseph Affair – 309

EINE DEUTSCHE FASSUNG STEHT WEITER UNTEN. (German translation below – German language character set required for correct display.)

Dusseldorf, 30 March 2007

(Republication of an earlier letter)

Dear Mr. Graf, dear friends,

We were discussing democracy. Andrea, who had not said anything for some time, suddenly spoke up, “A student in one of my university English classes here in Munich asked me the other day what I thought the greatest difference between Germany and America is.”

Andrea can be so shy and almost withdrawn at times that it’s hard to imagine her as a teacher in a classroom. “I told that student,” she went on quietly, “that I thought there were two basic differences, which actually have been discussed quite often by a number of different people.”

She ran her hand a little nervously over her hair, which she was wearing severely pulled back into a ponytail, in style reminiscent of America in the 1950’s. She looked at us with an intense expression through her horn-rimmed glasses. “The first difference is that, as a rule, in Germany everything is forbidden unless it is expressly permitted; whereas in the United States the reverse is generally true: everything is permitted unless it is forbidden. And many people believe this is one of the sources of the inexhaustible energy and the sometimes overwhelming power and creativity of American society – and perhaps of the whole English-speaking world in general. That world is not nearly as obsessed with rules and hierarchy and it is not nearly as leadenly serious as the German often world is.”

“You’re right about one thing,” said a student named Carlos. “Those hoary old truisms have been around for so long that it’s time to give them a decent burial.”

Andrea looked at the rest of us for moral support. “The second difference,” she said, “is that in America people actually believe that their politicians and government officials, even the police, are working for them – whether that’s completely true or not is another question, but people believe it. In Germany on the other hand, people seem to act and think as if the reverse were true, as if they were still subjects and not citizens, as if they were working for the politicians and the civil servants. There are even strict laws against offending or insulting public officials, laws that would be laughed out of court in America.”

With a kind of quiet dignity she lifted her hand and adjusted her glasses, which had begun to slip down her nose. “Kurt Biedenkopf, prime minister of the German state of Saxony, once said that if he were in America, he could sue the media for millions of dollars for publishing and broadcasting the story that the child Joseph was murdered by neo-Nazis in the town of Sebnitz in Saxony. The truth is, though, that in America the media would describe him as a corrupt, old tyrant who did everything he to could see to it that his officials covered up the real cause of the boy’s death and who is now doing everything to maintain his iron grip on power – and who cheats his own government by not paying a fair rent for his state-owned home. And there would be nothing that Biedenkopf could do about such comments. However, you could never say such things about him in Germany, where an exaggerated respect for authority is still the rule.”

As always, I was utterly shocked by such comments. I would never describe Kurt Biedenkopf as “a corrupt, old tyrant who did everything he could to see to it that his officials covered up the real cause of (Joseph’s) death and who is doing everything now to maintain his grip on power – and who cheats his own government by not paying a fair rent for his state-owned home.” That is simply not true. It cannot be true. No matter what people say. No matter how many investigating committees the SPD wants to set up in the parliament in Saxony in order to look into what Biedenkopf has done.

“When the U.S. government finally sent Al Capone to prison,” said Carlos, “it wasn’t for murder or bootlegging or selling drugs or running prostitution rings, it was for income tax evasion.” He laughed. “Maybe if they can’t get Biedenkopf for fraud or obstruction of justice, they can get him for not paying his rent.”

I was more than shocked at such a remark. I was outraged. I may be just a stupid old man, but I believe Kurt Biedenkopf – “King Kurt” as he likes to be called by the good people of Saxony – is a great and good man. I really believe that. Really.

Sincerely yours,

Robert John Bennett

Ernst-Gnoss-Strasse 22

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Düsseldorf, den 30 März 2007

(Wiederveröffentlichung eines früheren Briefes)

Sehr geehrter Herr Graf, sehr geehrte Freunde,

Wir besprachen Demokratie. Andrea, die eine ziemlich lange Zeit nichts gesagt hatte, plötzlich erklärte, „Ein Student von einem meiner Englischkurse an der Uni hier in München hat mich vor ein paar Tagen darüber gefragt, was meiner Meinung nach der größte Unterschied zwischen Deutschland und Amerika sei“.

Manchmal kann Andrea so schüchtern und fast verschlossen sein, dass es schwierig ist, sie als Lehrerin in einem Klassenzimmer zu sehen. „Ich sagte diesem Studenten“, fuhr sie leise fort, „dass ich zwei grundlegende Unterschiede sah, über die man schon oft diskutiert hat, in anderen Orten und zu anderen Zeiten.“

Ein bisschen nervös streichte sie mit der Hand über den Pferdeschwanz, den sie im amerikanischen Stil der 50er-Jahre trug, und mit einem ernsten Gesichtsausdruck schaute sie uns durch ihre Hornbrille an. „Der erste Unterschied ist, dass normalerweise in Deutschland alles vorboten ist – außer es ist erlaubt; in den Vereinigten Staaten dagegen ist das Gegenteil der Fall, im Allgemeinen: alles ist erlaubt – außer es ist verboten. Und viele Leute glauben, dass das eine der Quellen der unerschöpflichen und der manchmal überwältigenden Kraft und Kreativität der amerikanischen Gesellschaft ist – und vielleicht ist es auch so, wo es um die ganze englischsprachige Welt geht. In dieser Welt sind die Leute weder mit Regeln und Hierarchie so besessen, noch bleiben sie immer wieder so tödlich ernst, wie es in der deutschsprachigen Welt oft der Fall ist.“

„Du hast Recht mindestens damit, dass Du sagtest, man hat diese Unterschiede schon oft diskutiert“, sagte ein Student namens Carlos. „Diese uralten Binsenweisheiten sind schon so lange gängig, dass es an der Zeit ist, dass man sie einfach anständig bestattet“.

Andrea schaute mich und die anderen an, als ob sie moralische Unterstützung suchte. „Der zweite Unterschied“, sagte sie, „ist dies: In Amerika glauben die Leute wirklich, dass ihre Politiker und Beamte, und sogar die Polizei, arbeiten für sie – ob das wirklich wahr ist, das ist eine andere Geschichte, aber die Leute glauben es. In Deutschland dagegen scheinen die Leute zu denken und zu tun, als sie glaubten, das Gegenteil sei wahr. Sie scheinen zu tun, als sie immer noch Untertanen wären, und nicht freie Bürger. Und es gibt alle diesen strengen Gesetze, nach denen es verboten ist, bei Beamten Anstoß zu erregen oder sie zu beleidigen. In Amerika würden die Leute diejenigen, die solche Gesetze durchsetzen wollten, mit Hohnlachen aus dem Gerichtssaal jagen“.

Ruhig und würdevoll erhob sie Hand und rückte die Brille zurecht, die angefangen hatten, an ihrer Nase herunterzurutschen. „Kurt Biedenkopf hat einmal gesagt, dass er, wenn er in Amerika wäre, die Medien auf Schadenersatz in Höhe von Millionen von Dollar verklagen könnte, weil sie die Geschichte veröffentlicht und verbreitet haben, dass das Kind Joseph von Neonazis in Sebnitz ermordet worden war. Die Wahrheit ist aber, dass in Amerika die Medien Biedenkopf als einen korrupten, alten Tyrann bezeichnet würden, der alles getan hat, um dafür zu sorgen, dass seine Beamte die echte Ursache des Todes von dem Kind Joseph vertuschen würden und der jetzt alles tut, um seinen eisernen, umklammernden Griff an der Macht beizubehalten – und der seine eigene Regierung darin betrügt, dass er keine faire Miete für sein in Staatsbesitz nachgestelltes Haus bezahlt. Wenn irgendjemand in Amerika so etwas sagen würde, könnte Biedenkopf nichts dagegen tun. Aber in Deutschland, wo es immer noch das Obrigkeitsdenken herrscht, könnte man das nie sagen“.

Wie immer war ich durch solche Bemerkungen total schockiert. Ich würde niemals Biedenkopf als „einen korrupten, alten Tyrann bezeichnen, der alles getan hat, um dafür zu sorgen, dass seine Beamte die echt Ursache des Todes von dem Kind Joseph vertuschen würden und der jetzt alles tut, um seinen eisernen, umklammernden Griff an der Macht beizubehalten – und der seine eigene Regierung darin betrügt, dass er keine faire Miete für sein in Staatsbesitz nachgestelltes Haus bezahlt“. All das ist einfach nicht wahr. Das kann nicht wahr sein. Egal was die Leute sagen. Egal wie viele Untersuchungsausschüsse die SPD im sächsischen Landestag einrichten will, um alles unter die Lupe zu nehmen, was Biedenkopf getan hat.

„Als die amerikanische Regierung Al Capone endlich ins Gefängnis schickte“, sagte Carlos, „war es nicht wegen Mordes oder Schmuggels oder des Verkaufen von Drogen oder des Führens von Ringen von Prostituierten. Al Capone wurde ins Gefängnis wegen Steuerhinterziehung geschickt“. Er lachte. „Vielleicht wenn Biedenkopf nicht Betrug oder den Versuch, die Justiz zu obstruieren, den Behörden büßen muss, wird er wegen der Nichtzahlung der Miete bestraft werden“.

Ich war durch eine solche Bemerkung mehr als schockiert. Ich war darüber aufs Höchste entrüstet. Vielleicht bin ich nur ein dummer, alter Mann, aber ich glaube, dass Kurt Biedenkopf – oder „König Kurt“, wie es ihm gefällt, von den guten Leuten Sachsens genannt zu werden – ein guter und großer Mann ist. Wirklich glaube ich es. Wirklich.

Mit freundlichen Grüßen

Robert John Bennett

Ernst-Gnoss-Strasse 22

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Letter from Munich 308

Friday, March 23rd, 2007

Letter from Munich – the Joseph Affair – 308

EINE DEUTSCHE FASSUNG STEHT WEITER UNTEN. (German translation below – German language character set required for correct display.)

Dusseldorf, 23 March 2007

(Republication of an earlier letter)

Dear Mr. Graf, dear friends,

Rolf looked as if he were going to explode with laughter when he walked into the room. “Have you heard the latest development?” he said to Alexandra. “Do you see? Do you see what happens in Europe when anyone tries to criticize the authorities, or even call into question something they’ve done? And under these circumstances do you still think someday it can be proven that the government tainted the investigation of the murder of the boy Joseph by interfering with it and covering up any signs of a crime?”

Alexandra wanted to know what “latest development” he was talking about.

“Biedenkopf,” he said, naming the most prominent prime minister among the heads of Germany’s eastern states, and speaking as if he were almost out of breath with excitement. “I’m talking about Kurt Biedenkopf.” Rolf’s grin seemed to broaden. “Some idiot of a Social Democrat newspaper publisher in Dresden complained some weeks ago that Biedenkopf was living in government-owned housing and paying too little rent.”

“What is his rent?” I asked.

“He’s paying DM 1857 (about 856 US dollars or 595 British pounds) a month,” Alexandra replied. “And for that he gets a modern, well-appointed government-owned house in Dresden’s luxury neighborhood with 150 square meters (1614 square feet) of living space. Including heating costs. Plus the services of a full-time cook and cleaning lady. His annual income is DM 400,000 (185,000 US dollars or 128,000 British pounds). Like the prime ministers of all German states, he’s expected to pay for his own housing.”

“Not a bad deal,” a young student said. “My parents pay DM 2000 a month for my small one-bedroom flat near the university in Munich, plus utilities. And I have to do my own cooking and cleaning.”

“So what’s your ‘latest development,’ Rolf?” Alexandra asked.

Rolf was still beaming. “Biedenkopf commissioned a report on the whole matter. He asked his own chief of staff to have the whole question of his housing looked into and on Wednesday the report came back.” Rolf paused for effect. “Biedenkopf isn’t paying too much rent, the report said; he’s paying too LITTLE. And he should get some money back!”

“Incredible,” said Alexandra.

“Some people say things look bad for Biedenkopf,” the student said, with some bitterness in voice. “But I think he’s on a roll. I read in Die Welt yesterday that Biedenkopf is just back from America, where he met with Steven Spielberg.”

Alexandra smiled, a little wearily. “The other day I was looking at one of the pages on the website of the Government of Saxony (www.sachsen.de). On the left side of that page there is a list of the ‘great personalities’ of Saxony, including figures such as Bach, Leibniz, Wagner, and – I am not making this up – Kurt Biedenkopf. I suppose now Biedenkopf wants Spielberg to make a movie of his heroic life,” she added with uncharacteristic cynicism. “Maybe call it ‘Biedenkopf’s List,’ or something. Among other things, it could show how our brave Kurt courageously defended ‘his people’ against charges of right-wing extremism. Biedenkopf did that, of course, by having the murder of the boy Joseph as thoroughly investigated as the question of his own rent was investigated – only in the Joseph Affair, Biedenkopf’s authorities ‘discovered’ that the crazy parents simply made up the whole story.”

“Yeah,” said the student, “the parents and tens of eyewitnesses.”

Rolf’s smile was impregnable. “Biedenkopf has nothing to worry about. As he said this week, quoting our beloved former Chancellor Helmut Kohl, ‘Die Hunde bellen, aber die Karawane zieht weiter.’ The dogs bark, but the caravan moves on.”

“Oh my God,” someone whispered.

Sincerely yours,

Robert John Bennett

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Düsseldorf, den 23 März 2007

(Wiederveröffentlichung eines früheren Briefes)

Sehr geehrter Herr Graf, sehr geehrte Freunde,

Rolf sah aus, als ob er vor Lachen fast platzen könnte, als er in das Zimmer eintrat. „Weißt Du schon das Neueste?“ sagte er zu Alexandra. „Jetzt verstehst Du? Verstehst Du, was in Europa passiert, wenn man versucht, die Behörden zu kritisieren, oder sogar irgendetwas infrage zu stellen, was sie getan haben? Übrigens unter diesen Umständen, in Bezug auf Dein Lieblingsthema, glaubst Du immer noch, dass man eines Tages wird beweisen können, dass die Regierung die Ermittler eingeschüchtert hat, als diese den Mord von dem Kind Joseph untersucht haben; und glaubst Du immer noch, mein Schatz, dass man wird jemals beweisen können, die Regierung hat diese Untersuchung beeinträchtigte und Anzeichen eines Verbrechens vertuscht?“

Alexandra wollte wissen, welches „Neueste“ er meinte.

„Biedenkopf,“ sagte er fast atemlos, als ob er zu aufgeregt war, um normal zu sprechen. „Ich spreche von Kurt Biedenkopf“. Rolfs Grinsen schien sogar breiter zu werden. „Irgendein Idiot von sozialdemokratischem Verleger in Dresden hat sich vor ein paar Wochen darüber beschwert, dass Biedenkopf in einem Haus wohnt, das der Regierung gehört und dass die Miete, die er zahlt, zu niedrig ist.“

„Und wie hoch ist seine Miete“, fragte ich.

„Er zahlt DM 1857 pro Monat,“ antwortete Alexandra. „Und dafür bekommt er ein modernes, gut ausgestattetes, in Staatsbesitz nachgestelltes Haus von 150 Quadratmeter, im noblesten Dresdener Stadtviertel. Und natürlich geht es um eine Warmmiete. Dazu bekommt er auch einen Koch und eine Putzfrau. Sein jährliches Einkommen ist DM 400,000. Natürlich wie alle Ministerpräsidenten Deutschlands es tun, sollte er seine eigene Haus entweder kaufen oder mieten.“

„Er hat kein schlechtes Geschäft gemacht“; sagte ein junger Student. „Meine Eltern bezahlen DM 2000 pro Monat für meine relativ kleine Wohnung in der Nähe der Münchner Universität, ohne Heizkosten. Und ich selbst muss kochen und alles putzen“.

„Also, was ist Dein ‚Neueste’, Rolf?“ fragte Alexandra.

Rolf strahlte uns immer noch an. „Biedenkopf hat vor ein paar Wochen seinen Staatskanzleiminister, Georg Brüggen, beauftragt, einen Bericht über die ganze Sache abfassen zu lassen. Am Mittwoch wurde der Bericht veröffentlicht.“ Rolf hielt inne, vielleicht des Effekts wegen. „Biedenkopfs Miete ist nicht zu niedrig, nach dem Bericht, sie ist zu HOCH, und Biedenkopf sollte Geld zurückbekommen!“

„Unglaublich“; sagte Alexandra.

„Es gibt Leute, die sagen, Biedenkopfs Aussichten sind nicht so heiter,“ sagte der Student, vielleicht etwas verbittert. „Aber ich glaube, er hat eine Glückssträhne. Ich habe gestern in „Die Welt“ gelesen, dass Biedenkopf ist letzte Woche sogar nach Amerika gereist und dort mit Steven Spielberg gesprochen.“

Alexandra lächelte, etwas müde. „Vor ein paar Tagen“, sagte sie, „habe ich eine Internetseite der sächsischen Regierung angeschaut (www.sachsen.de). Links auf dieser Seite stand eine Liste der ‚großen Persönlichkeiten’ Sachsens, Menschen wie Bach, Leibniz, Richard Wagner und – ich erfinde dies nicht – Kurt Biedenkopf. Wahrscheinlich will Biedenkopf, dass Spielberg eine Filmbiographie über ihn drehen“, fügte sie hinzu, mit einem Zynismus, der uncharakteristisch für sie war. „Vielleicht könnte der Titel dieses Filmes ‚Biedenkopfs Liste’ oder so etwas lauten. Unter anderem, wird der Film wahrscheinlich zeigen, wie unser mutiger Kurt ‚sein Volk’ heldenhaft verteidigte, gegen Beschuldigungen, dass sie Rechtsextremisten sind. Aber natürlich hat Kurt ‚sein Volk’ eigentlich dadurch verteidigt, dass er den Mord Josephs genauso gründlich untersuchen ließ, wie er im Fall seiner eigenen ‚Mietaffäre’ ermitteln ließ. Nur, dass in der Affäre Joseph, haben Biedenkopfs Behörden ‚entdeckt’, dass die ‚verrückten’ Eltern die ganze Geschichte einfach erfunden haben“.

„Ja“, sagte der Student, „die Eltern und eine Menge Augenzeugen.“

Rolf hat das Lächeln eines unüberwindbaren Gegners. „Biedenkopf sollte sich gar keine Sorgen machen. Wie er letzte Woche sagte, als er die Wörte von unserem lieben ehemaligen Bundeskanzler Helmut Kohl zitierte, ‚Die Hunde bellen, aber die Karawane zieht weiter’.

„Mein Gott“, flüsterte irgendjemand.

Mit freundlichen Grüßen

Robert John Bennett

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Letter from Munich 307

Friday, March 16th, 2007

Letter from Munich – the Joseph Affair – 307

EINE DEUTSCHE FASSUNG STEHT WEITER UNTEN. (German translation below – German language character set required for correct display.)

Dusseldorf, 16 March 2007

(Republication of an earlier letter)

Dear Mr. Graf, dear friends,

“Not ANOTHER million,” laughed Alexandra. “Surely you’re making that up.”

“I’m not. I’m serious,” I said to her. “The former treasurer of Helmut Kohl’s party has just admitted there is another one million German marks that apparently represent campaign contributions that were not legally accounted for. He has no idea where the money came from.”

“Sometimes I don’t know whether to laugh or cry,” she replied, “when I consider the current state of politics in Germany.”

“But it’s really no more corrupt than anywhere else?”

She looked at me as if I were a hopeless case. “Whether it is or not is beside the point. If you were to steal money from someone, I doubt that anyone would excuse you simply because other people steal money all the time.”

She looked at each of us in turn, as if inviting us to think more carefully. “Political and social corruption in Germany may be no worse than anywhere else.” Looking at me, she added, “It’s probably no worse than it is in America.” Then, leaning forward slightly, she said with an intensity I have not often heard in her voice, “But the difference between Germany and America – perhaps between all of Europe and America – is that in America no group and no individual are considered above the law.”

“And the press is freer and more aggressive in America,” a young student interjected.

“And the press is freer and more aggressive in America,” Alexandra repeated. “That’s true. But I think the essential point is that in Germany and some other European countries ‘the great ones,’ like Helmut Kohl or Kurt Biedenkopf or Edmund Stoiber consider themselves ‘more equal’ than other people. And most Germans, whether they are conscious of it or not, agree. Most Germans believe that if the crimes that Kohl or Biedenkopf or Stoiber have committed were really thoroughly investigated and those men were charged and prosecuted for what they have done, the whole political and social order would begin to come apart. Most Germans believe that if ‘those up above’ can somehow plausibly present themselves as upright and honest, no matter how fictional that presentation may be, then they must be believed and taken at their word. That’s why no major political scandal in Germany since the end of World War Two has ever been thoroughly investigated. That’s why every parliamentary investigating committee, every district attorney, and every journalist – especially the ones in the German state-controlled media – are weak and ineffectual when it comes to investigating a major political scandal. And often even a minor one.”

A woman in the group started to object, but Alexandra went on, “And in the present political climate, when right-wing extremists hold extraordinary power – unofficially of course – in certain parts of the country, this odd German attitude can lead even to violent crimes that are never satisfactorily investigated.”

“Alexandra,” someone commented gently, “I think you’re obsessed with the death of the boy Joseph in Saxony.”

“I am obsessed with injustice,” she replied, just as gently. “I am obsessed with a murder that is covered up by the authorities, because they are under political pressure from above. I am obsessed with a family that is still harassed and threatened because they tried to tell the truth about the circumstances of their child’s death.”

If it were possible to express a sigh in writing, I suppose I would do that now. Obviously Alexandra is obsessed with these things. But to say that great men like Kohl, Biedenkopf, and Stoiber – who know far more than a simple old man like me – are guilty of ‘crimes,’ well, that seems to me to be simply going too far. I would never say such things. Surely Kohl, Biedenkopf and Stoiber, like all German politicians, are really good at heart, aren’t they?

Sincerely yours,

Robert John Bennett

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Düsseldorf, den 16 März 2007
(Wiederveröffentlichung eines früheren Briefes)

Sehr geehrter Herr Graf, sehr geehrte Freunde,

„NOCH eine Million?“ und Alexandra lachte. „Das hast du dir doch nur ausgedacht, oder?“

„Nein. Es stimmit,“ sagte ich. „Der ehemalige CDU- Schatzmeister Kiep hat zugegeben, es gibt noch eine Million D-Mark, die scheinbar Wahlkampfspende sind, deren Quelle er nicht erklären kann, und die illegal zu sein schein. Er hat keine Ahnung woher dieses Geld stammt.“

„Manchmal weiß ich nicht, ob ich lachen oder heulen soll“, erwiderte sie, „als ich den jetzigen Zustand der deutschen Politik betrachte.“

„Aber sie ist nicht korrupter als anderswo, oder?“

Sie schaute mich an, als ob ich ein hoffnungsloser Fall wäre. „Es ist nicht wichtig, ob es anderswo korrupter ist, oder nicht. Wenn du aus der Kasse stehlen würdest, ist das immer noch ein Verbrechen, oder? Es wäre egal, wie viele andere Menschen dasselbe tun“.

Sie sah uns alle nacheinander an, als ob sie uns auffordete, über alles etwas gründlicher nachzudenken. „Politische und soziale Korruption in Deutschland ist vielleicht nicht schlimmer als anderswo“. Sie sah mich einen Augenblick an und fügte hinzu, „Sie ist wahrscheinlich nicht schlimmer als in Amerika.“ Sie beugte sich ein bisschen vor und mit einer Intensität, die ich nicht oft in ihrer Stimme gehört habe, sagte, „Aber der Unterschied zwischen Deutschland und Amerika – vielleicht zwischen ganz Europa und Amerika – ist dies, dass in Amerika keine Gruppe, kein Individuum als eine über dem Gesetz stehende Gruppe oder als einen über dem Gesetz stehenden Menschen betrachtet werden kann“.

„Und in Amerika ist die Presse freier und aggressiver“, warf ein junger Student ein.

„Ja, und in Amerika ist die Presse freier und aggressiver,“ wiederholte Alexandra. „Das stimmt. Aber ich glaube, das Wesentliche ist dies, dass in Deutschland und in anderen europäischen Landern ‚die da oben’, wie zum Beispiel Helmut Kohl oder Kurt Biedenkopf oder Edmund Stoiber, sich als ‚gleicher’ betrachten; sie glauben, sie sind ‚gleicher’ als andere Menschen. Und die meisten Deutschen, ob sie es wissen oder nicht, sind derselben Meinung. Die meisten Deutschen glauben, wenn die Verbrechen, die Kohl oder Biedenkopf oder Stoiber begangen haben, echt gründlich untersucht und diese Menschen deswegen angeklagt und verfolgt würden, was sie getan haben, dann würde die ganze politische und soziale Ordnung anfangen zusammenzubrechen. Die meisten Deutschen glauben, wenn ‚die da oben’ sich nach außen hin anständig und ehrlich geben können, und all das plausibel scheint, so erfunden und fiktiv es auch sein mag, dann müssen alle ‚denen da oben’ glauben und sie beim Wort nehmen. Das ist der Grund dafür, dass in Deutschland kein großer Skandal seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs jemals gründlich untersucht wurde. Das ist der Grund dafür, dass jeder Untersuchungsausschuss, jeder Staatsanwalt und jeder Journalist – insbesondere diejenige, die bei den staatlich kontrollierten Medien tätig sind – sind schwach und machtlos, wo es sich um die Untersuchung eines großen politischen Skandals handelt. Und oft auch um die Untersuchung eines kleinen Skandals“.

Eine Frau, die dabei war, began, einen Einwand zu erheben, aber Alexandra fuhr fort, „Und in dem jetzigen politischen Klima, wo Rechtsradikale außergewöhnliche Macht haben – ganz inoffiziel natürlich – in gewissen Teilen des Landes, kann diese seltsame deutsche Einstellung schließlich zu Gewalttäten führen, die niemals richtig untersucht werden.“

„Alexandra,“ bemerkte irgendjemand fast zärtlich, „ich glaube, du bist vom Tod Josephs, vom Tod dieses armen Kindes in Sachsen, eigentlich besessen“.

„Ich bin davon besessen, was ich mir unter Gerechtigkeit vorstelle“, erwiderte sie genaus so zärtlich und leise. „Ich bin davon besessen, dass die Behörden einen Mord vertuscht haben, weil sie unter politischen Druck von ‚denen da oben’ standen. Ich bin davon besessen, dass Josephs Eltern und Schwester immer noch schickaniert und bedroht und gefährdet werden, weil sie versucht haben, die Wahrheit über die Umständen des Todes des Kindes zu sagen“.

Wenn es möglich wäre, einen Seufzer schriftlich zu machen, glaube ich, dass ich das jetzt tun würde. Meiner Meinung nach ist es klar, dass Alexandra von dieser Sache fast völlig besessen ist. Und zu sagen, dass große Menschen wie Kohl, Biedenkopf und Stoiber – die viel mehr wissen, als ein alter Mensch wie ich wissen kann – zu sagen, dass diese großen Menschen ‚Verbrechen’ begangen haben, na ja, das scheint mir zu weit zu gehen. Ich würde nie solche Meinungen äußern. Ich würde sie sogar nie denken. Kohl, Biedenkopf und Stoiber, wie alle deutschen Politiker, sind doch im tiefsten Herzen gut, oder?

Mit freundlichen Grüßen

Robert John Bennett

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Letter from Munich 306

Friday, March 9th, 2007

Letter from Munich – the Joseph Affair – 306

EINE DEUTSCHE FASSUNG STEHT WEITER UNTEN. (German translation below – German language character set required for correct display.)

Dusseldorf, 9 March 2007

(Republication of an earlier letter)

Dear Mr. Graf, dear friends,

Alexandra in a suit that Chanel might have designed: simple, elegant, and Alexandra speaking to us the same uncomplicated and cultivated manner: “I would like to read to you one more short passage from an article that I mentioned once before, from ‘Die Zeit’ one of Germany’s most prestigious journals.”

“Another explosive commentary on the Joseph Affair, I suppose,” said Gunther, doing his best to yawn convincingly.

“Indirectly, yes,” Alexandra replied, “but it has something more directly to do with the current state of journalism in Germany. ‘Helmut Kohl’s slush fund system, and the way it was analyzed by the media,’ wrote Bruno Schirra recently, ‘is a shining example of the media’s penchant for self-deception. Every day, throughout the length and breadth of the land, after the latest storm of headlines, you could hear journalists being celebrated for the outstanding role they had played in uncovering the affair. What was lost in the tumult, though, was the fact that it wasn’t at all the laborious and painstaking efforts of the journalists that exposed the so-called Kohl System. It was stolid government officialdom, . . . tax investigators and district attorneys, whose files practically fell into the laps of our surprised national hacks’.“

Gunther was trying to remove a small piece of lint from his Brooks Brothers necktie as he commented, “And so you, no doubt, think that if German journalists deceived themselves about Kohl and his slush fund, and their role in exposing the whole affair, they’re deceiving themselves in a slightly different way now, where the death – or murder, as you insist on calling it – of the boy Joseph is concerned.”

You had to know Alexandra well, in order to hear the contempt underlying the tone of voice in which she spoke. “No,” she said, “I won’t say ‘are deceiving,’ because as far as their concerned it’s all in the past. But yes, I admit it. I believe the journalists in this country deceived themselves mightily when they investigated the Joseph affair.”

Gunther had given up on the necktie. He folded his arms and stared at Alexandra. “For God’s sake, woman, why? Bribery? Oh no, you think they’re all just a pack of lazy bastards, don’t you?”

Alexandra seemed to take some comfort in the fact that he was so irritated. “Not necessarily laziness,” she replied quietly, “and not bribery either. Let me read you something else Schirra wrote: ‘German journalists don’t have to be bribed; they’re proud of just being invited along for the ride; they’re content with being treated as if they had power and influence’. Talk about freedom of the press”, she laughed. “Under the circumstances, no German journalist in his right mind is going to try to find out what really happened to Joseph. They’re quite happy with whatever the district attorney and the various government ‘experts’ feed them.”

“Alexandra, why don’t you just stop? Or, as the Americans say, give it a rest.”

“Never.” Another smile, rather grim this time, as she referred by name to Saxony’s prime minister, who she apparently thinks has tried to have the embarrassing affair covered up and forgotten: “No one will ever forget what Biedenkopf has done.”

Sometimes I think Alexandra is just a little paranoid. But what do I know?

Sincerely yours,

Robert John Bennett

Ernst-Gnoss-Strasse 22

40219 Dusseldorf

Germany

Telephone: +49 211 586 4847

Mobile: +49 152 0285 4626

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Düsseldorf, den 9 März 2007

(Wiederveröffentlichung eines früheren Briefes)

Sehr geehrter Herr Graf, sehr geehrte Freunde,

Alexandra in einem Kostüm, das Chanel vielleicht hätte entwerfen können: schlicht, elegant, und sie sprach mit uns auf dieselbe einfache und kultivierte Art und Weise: „Ich möchte Ihnen eine kurze Passage aus einem Artikel vorlesen, den ich schon einmal erwähnt habe, aus der Zeitschrift ‚Die Zeit’.“

„Noch eine brisante Erläuterung zur Affäre Joseph, nehme ich an“, sagte Gunther, als er sein Möglichstes tat, ein überzeugendes Gähnen zu schaffen.

„Indirekt, ja“, erwiderte Alexandra, „aber es handelt sich eigentlich um den jetzigen Zustand des Journalismus in Deutschland. ‚Denn Helmut Kohls schwarzes Kontensystem’, schrieb Schirra, ‚und dessen Aufarbeitung in den Medien ist nichts anderes als ein Paradebeispiel medialen Selbstbetrugs. Kaum war das tägliche Schlagzeilengewitter vorbei, wurde landauf, landab gejubelt, welche herausragende Rolle die Journalisten bei der Aufdeckung der Affäre gespielt hätten. Was dabei unterging: Es waren gar keine Journalisten, die in mühevoller Kleinarbeit das System des Helmut Kohl enthüllten. Es waren biedere Beamte, . . . Steuerfahnder und Staatsanwälte, deren Akten der überraschten Journaille quasi in den Schoß fielen’.“

Gunther bemühte sich, eine Fussel von seiner Brooks-Brothers-Kravatte zu entfernen, als er bemerkte, „Da du denkst, dass die deutsche Journalisten sich getäuscht haben, wo es um Kohl und sein schwarzes Kontensystem und um ihre Rolle in der Enthüllung der ganzen Affäre geht, dann muss du jetzt glauben, diese Journalisten täuschen sich auf eine etwas andere Art und Weise, wo es um den Tod des Kindes Joseph geht, oder, wie Sie darauf bestehen, ihn zu nennen: seinen Mord.“ Er lächelte. „Habe ich Recht?“

Ich glaube, man muss Alexandra ziemlich gut kennen, um die Geringschätzung in ihrem Tonfall zu erkennen, als sie antwortete, „Nein, ich sage nicht, ‚sie sind dabei, sich zu täuschen’, weil, was die Journalisten betrifft, all das in ferner Vergangenheit geschehen ist. Es ist für sie nicht mehr relevant. Aber ja, ich gebe es zu. Ich glaube, die Journalisten in diesem Land haben sich in sehr hohem Maße getäuscht, als sie die Affäre Joseph untersuchten“.

Inzwischen hatte Gunther aufgehört, an seiner Kravatte zu arbeiten. Jetzt verschränkte er die Arme und starrte Alexandra an. „Um Gottes willen, Alte, warum? Bestechung? Ach nein, du glaubst, alle Journalisten sind einfach eine Bande fauler Bastarde, oder?“

Ich hatte fast den Eindruck, dass es Alexandra mit einer Art Befriedigung erfüllte, dass er so verärgert wirkte. „Es muss nicht unbedingt Faulheit sein“, erwiderte sie leise, „und auch nicht eine Bestechung. Ich will noch etwas vorlesen, das Schirra schrieb: ,Der deutsche Journalist braucht nicht bestochen zu werden, er ist stolz, eingeladen zu sein, er ist schon zufrieden, wie eine Macht behandelt zu werden’. Da erzähl mir noch einer was von Pressefreiheit in Deutschland“, sagte sie mit einem zarten Lächeln. „Unter diesen Umständen, wird kein deutscher Journalist im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte sich bemühen, sich darüber zu informieren, was mit Joseph wirklich geschehen ist. Sie alle sind mit den Märchen ganz zufrieden, mit denen der Staatsanwalt und die verschiedenen ‚Gutachter’ sie füttern“.

„Alexandra, bitte, hör jetzt mal auf damit – oder, wie die Amerikaner sagen – lass es ausruhen“.

„Niemals“. Noch ein Lächeln, aber diesmal ein irgendwie grimmiges Lächeln. „Niemand wird das je vergessen, was Biedenkopf getan hat. Dafür werde ich sorgen“.

Manchmal fällt es mir ein, dass Alexandra vielleicht ein bisschen paranoid sein könnte. Aber was weiß ich eigentlich?

Mit freundlichen Grüßen

Robert John Bennett

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Letter from Munich 305

Thursday, March 1st, 2007

Letter from Munich – the Joseph Affair – 305

EINE DEUTSCHE FASSUNG STEHT WEITER UNTEN. (German translation below – German language character set required for correct display.)

Dusseldorf, 2 March 2007

(Republication of an earlier letter)

Dear Mr. Graf, dear friends,

“Selective morality?” said Horst-Eberhard. “Such a thing doesn’t exist. No country, no society, no newspaper, no individual can decry injustice in one area and remain indifferent to it in another. In the end, a choice has to be made. Either you are critical of every injustice or you become indifferent to every injustice – and suffer the consequences.”

“Oh, not in Europe, not in Germany,” said Waltraud. “We can do what we want.”

If Old Testament prophets still existed, I suppose they would smile as Horst-Eberhard smiled: solemnly, as if observing human affairs from a great distance or a great height, with a certain compassion for the folly of human beings. But if ancient prophets used to sometimes thunder with outrage and indignation as well, Horst-Eberhard responded calmly, with a kind of immeasurably profound gravity, “Certain elements of the German press and the German public are incensed at the way Helmut Kohl’s party has gotten away with murder: nearly no one has been called to account for the millions in campaign contributions that were used to influence German elections, keep Kohl and his henchman in power, and pervert the course of German and European history for sixteen years. The same individuals and organizations are also affronted by the unwillingness of any German district attorney to investigate the destruction of an estimated 1.3 million pages of government documents in the Chancellor’s office in Bonn, the night before Kohl left office. The documents would have been used to investigate charges of corruption and bribery during the Kohl administration.”

Now it was Waltraud who smiled, and with what looked very much like a certain satisfaction.

“For years,” Horst-Eberhard went on, “Kohl’s party and its allies functioned as a kind of shadow government in Germany, a gray eminence, the real power behind what appeared to be a legitimately functioning democracy. And the party still functions that way in states like Saxony and Hesse, where everyone pretends things are running normally, and always have. In Saxony, the authorities are made to understand that they must reach a conclusion that the boy Joseph was not murdered by neo-Nazis, but instead died of an accident. In Hesse, the house of two highly regarded African-American jazz musicians is broken into and ransacked, and Nazi and racist graffiti are sprayed on the walls. The neighbors of course hear nothing, and on April 11 Germany’s ‘3 Sat’ television channel reports in its ‘Kulturzeit’ program that the police have determined the crime may not have been committed by right-wing extremists at all. Indeed, the police hint darkly, they think the crime may have been carried out by one of the victims himself. In Germany, whenever possible, you blame the victim of a racist attack, unless he or she is a member or representative of one of the ruling elites. And in Germany, if rape were to be part of a racist attack, you would of course blame the woman, or at least ‘hint darkly’ that it was really her own fault after all.”

Horst-Eberhard sighed, as if the accumulated weight of centuries were bearing down on him. “The problem is that in Germany, investigative journalism is synonymous with ‘muckraking.’ And as Bruno Schirra, writing recently in ‘Die Zeit’ pointed out, in this country muckraking is considered somehow ‘disreputable, offensive, and indecent.’ Or as a respected German newspaper editor, Hans Leyendecker, quoted in the same article, expressed it, ‘for a considerable number of German reporters, investigative journalism and research means finding a telephone number without having to ask your secretary for it.’ “

Sincerely yours,

Robert John Bennett

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Düsseldorf, den 2 März 2007

(Wiederveröffentlichung eines früheren Briefes)

Sehr geehrter Herr Graf, sehr geehrte Freunde,

„Selektive Moralität?“ sagte Horst-Eberhard. „So etwas existiert nicht. Kein Land, keine Gesellschaft, keine Zeitung, kein Mensch kann eine große Ungerechtigkeit in einem Bereich als unsittlich verwerfen aber dann, wenn eine solche Ungerechtigkeit in einem anderen Bereich gefunden wird, gleichgültig bleiben. Schließlich müssen Sie eine Wahl treffen. Entweder Sie kritisieren jede große Ungerechtigkeit oder Sie werden letztendlich jeder solchen Ungerechtigkeit gegenüber gleichgültig – und dann werden Sie die Folgen tragen müssen.“

„Nein, das gilt weder für Europa noch für Deutschland“, sagte Waltraud. „Wir können alles tun, was wir wollen“.

Wenn Propheten aus dem Alten Testament immer noch existierten, glaube ich, dass sie lächeln würden, genauso wie Horst-Eberhard lächelte, mit irgendeiner Gravität, als ob er alle menschlichen Angelegenheiten von einem großen Abstand oder sehr hohen Aussichtspunkt aus beobachtete, voller Mitleid mit der Torheit der Menschen. Aber wenn die Propheten der Antike pflegten manchmal auch mit Empörung und Entrüstung andonnern, erwiderte Horst-Eberhard gelassen, mit einer Art unermesslich tiefsinniger Ernsthaftigkeit, „Gewisse Elemente der deutschen Medien und der deutschen Öffentlichkeit sind darüber erzürnt, dass die CDU sich alles erlaubt hat: Fast niemand ist zur Rechschaft über die Spenden in Höhe von Millionen von D-Mark gezogen worden, Spenden, die verwendet wurden, um Wahlergebnisse zu beeinflussen, um Kohl und seine Handlanger an der Macht zu halten und um den Lauf der deutschen und europäischen Geschichte zu pervertieren, sechzehn Jahre lang. Diese Elemente der Medien und der Öffentlichkeit sind auch über die Tatsache schockiert, dass kein Staatsanwalt es untersuchen will, dass etwa 1,3 Millionen Seiten von computerisierten Regierungsakten des Bundeskanzleramts vernichtet worden sind, in der Nacht, bevor Kohl sein Amt niedergelegt hat. Man hätte diese Akten verwenden können, um die Korruption und die Bestechungsfälle zu untersuchen, die der Meinung vieler Menschen nach während Kohls Amtszeit sehr verbreitet waren.“

Jetzt war es Waltraud, die lächelte, und angeblich mit einer gewissen Zufriedenheit.

„Jahre lang“, fuhr Horst-Eberhard fort, „fungierten die CDU/CSU als eine Art Schattenregierung in Deutschland, als eine graue Eminenz, als die echte Macht hinter dem, was eine legitim funktionierende Demokratie zu sein schien. Und immer noch fungiert die CDU so in Ländern wie Sachsen und Hessen, wo alle tun, als ob alles seit eh und je normal läuft. In Sachsen zum Beispiel lässt man die Behörden verstehen, dass sie zu dem Schluss kommen müssen, dass ein Kind nicht von neo-Nazis ermordet worden ist, sondern dass er bei einem Unfall starb. In Hessen treten Einbrecher in ein Haus zweier geschätzten afroamerikanischen Jazzmusiker ein und plündern es; auf die Wände werden nazistische und rassistische Graffiti gesprüht. Die Nachbarn hören natürlich nichts, und am 11. April berichtet man über 3 Sat, in der Sendung ‚Kulturzeit’, dass die Polizei festgestellt habe, dass das Verbrechen möglicherweise nicht von Rechtsradikalen begangen wurde. Ja, die Polizei deutet es sogar finster an, dass vielleicht eins der Opfer selbst das Verbrechen begangen habe. In Deutschland, wenn es möglich ist, gibt man dem Opfer eines rassistischen Angriffs die Schuld, außer es Mitglied einer der herrschenden Eliten ist. Es ist, als ob, wenn eine Vergewaltigung ein Element eines rassistischen Angriffs wäre, man der Frau die Schuld an der Vergewaltigung geben würde, oder als ob man ‚finster andeuten’ würde, dass die Frau selbst die Vergewaltigung ausgelöst haben muss“.

Horst-Eberhard seufzte, fast als ob die Last der Jahrhunderte ihm schwer auf der Seele liegte. „Das Problem ist, dass in Deutschland der Enthüllungsjournalismus mit ‚Muckraking’ gleichbedeutend ist. Und wie Bruno Schira es in einem Artikel in der Zeitschrift ‚Die Zeit’ hingewiesen hat, in diesem Land gilt ‚Muckraking’ immer noch als ‚anrüchig’. Oder wie Hans Leyendecker, Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung, sich zu diesem Thema äußerte: einige Journalisten scheinen zu glauben, ‚Recherche’ bedeutet, ‚dass man ohne Hilfe der Sekretärin eine Telefonnumer findet’ “.

Mit freundlichen Grüßen

Robert John Bennett

Ernst-Gnoss-Strasse 22

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