Archive for January, 2007

Letter from Munich 300

Friday, January 26th, 2007

Letter from Munich – the Joseph Affair – 300

EINE DEUTSCHE FASSUNG STEHT WEITER UNTEN. (German translation below – German language character set required for correct display.)

Dusseldorf, 26 January 2007

(Republication of an earlier letter)

Dear Mr. Graf, dear friends,

“Singing in the Munich subways is apparently a punishable offense,” Annette said to us. “At least that’s what one passenger claimed this week, after two young Americans suddenly began playing their guitars and singing – with enchanting voices – in the middle of a crowded subway car outbound from the city center.”

She had a worldly-wise – and slightly world-weary – expression on her face, as if she were about to ask, “But what else would you expect from the German bureaucracy?” Instead of that, however, she said, “I don’t normally use public transportation, but I was in town with my two little grandsons, who are still young enough to find riding the subway a great adventure. I had given my driver the afternoon off, and we were on our way out to one of the children’s favorite restaurants in Arabella Park. All at once, the subway car was filled with these lovely sounds – clear, almost bell-like, accompanied by the nearly angelic sounds of those simple stringed instruments.”

She seemed to revel in the memory for a moment. “The reaction of the other passengers I can only describe as absolutely teutonic. They froze. Not as if they were shocked, really, but as if they had received an input of data that their brains simply could not process. Then one large, elderly, calcified Bavarian recovered enough to try to take control of the situation by growling loudly over the music, ‘Aber es ist verboten!’ “

Annette’s smile was radiant. “A woman sitting in the next bank of seats shouted back – a little too loudly and with a hint of something like panic in her voice, as if she were doing something that demanded great courage – ‘For God’s sake, we live in a democracy!’ “

Again that world-weary expression. “And I thought to myself, well, that still may be true, but what kind of a democracy is it really? A young boy dies in Saxony and the parents and their lawyer collect eye-witnesses and other evidence which is never objectively evaluated, which is instead seized by the state as proof to be used in charging the parents with ‘incitement to false suspicions.’ “

For a moment her eyes followed the flight of two swans that could be seen through the large livingroom window that looked out over Starnberger See. “The parents have never been charged, of course. The government can’t risk that because then too many of the questions surrounding the child’s death would be forced into the open. But the ‘proof’ the government seized from the parents has never been returned. Instead, we are treated to events such as a brief report on German state television last week that began with the moderator obliquely rebuking the parents for carrying out their own investigation – apparently Germany is not yet quite democratic enough to allow such a thing. Then we were treated to yet another one-sided report – decorated with the trappings of objectivity – about the so-called impossibility of the boy being murdered by Neonazis. But in that report, no opposing views were offered, none of the eyewitnesses that the parents brought forward was ever interviewed, the parents’ attorney was not heard from, no professional who disputes the way the autopsy was conducted and the results evaluated ever appeared in the program, nor were the parents themselves allowed to express their views.”

Once again I didn’t know what to say. People like Annette are much more intelligent than I am. I’m just a simple, elderly American language teacher. What do I know of things like evidence, autopsies, and charges of murder by Neonazis – or about politics in a place like Saxony?

Sincerely yours,

Robert John Bennett

Ernst-Gnoss-Strasse 22

40219 Dusseldorf

Germany

Telephone: +49 211 586 4847

Mobile: +49 152 0285 4626

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Kantelberg-Abdulla E-Mail: majoskant@t-online.de

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Since many recipients of this letter may read German more easily than they read English, the following is the author’s translation of the above letter. Please note that word-processing programs outside of German-speaking countries may not display all of the letters of the German alphabet correctly.

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Düsseldorf, den 26. Januar 2007

(Wiederveröffentlichung eines früheren Briefes)

Sehr geehrter Herr Graf, sehr geehrte Freunde,

„In der Münchner U-Bahn zu singen, das ist anscheinend eine Straftat“, sagte uns Annette. „Mindestens ist das es, was ein Fahrgast letzte Woche behauptet, nachdem zwei junge Amerikaner plötzlich angefangen hatten, in einem überfüllten U-bahnwagen, die in Richtung Münchner Vororte fährte, ihre Gitarren zu spielen und mit bezaubernden Stimmen zu singen“.

Annette hatte einen weltklugen – aber auch fast lebensüberdrüssigen – Gesichtsausdruck, als ob sie gerade fragen wollte, „Aber was sonst noch könntest du von der deutschen Bürokratie erwarten?“ Stattdessen aber, sagte sie, „Normalerweise fahre ich nicht mit den öffentlichen Verkehrsmittel, aber ich war in der Stadtmitte mit meinen zwei kleinen Enkelsöhnen, die immer noch jung genug sind, um eine Fahrt mit der U-Bahn äußerst abenteuerlich zu finden. Mein Chauffeur hatte den Nachmittag frei, und wir waren unterwegs nach Arabella Park, wo das Lieblingsrestaurant meiner Enkelkinder liegt. Auf einmal war die ganze U-Bahnwagen durch diese schönen Stimmen gefüllt – glockenklar und von einem fast himmlischen Klängen einfacher Saiteninstrumenten begleitet.

Einen Augenblick schien es, als ob sie es immer noch richtig genoss, an diese Erfahrung zu denken. „Die Reaktion der anderen Fahrgäste kann ich nur als absolut teutonisch bezeichnen. Sie froren steif. Nicht ganz genau, als ob es für sie ein Schock wäre, sondern als ob sie einen Input von Daten empfangen hätten, den ihre Gehirne einfach nicht bearbeiten konnten. Dann ein großer, harter, alter Bayer fing sich gut genug, um zu versuchen, die Kontrolle über die Situation dadurch zu übernehmen, dass er laut knurrte, „Aber es ist verboten!“

Annette lächelte uns dann strahlend an. „Eine Frau, die in der Nähe saß, erwiderte sehr laut – vielleicht ein bisschen zu laut und mit einem kleinen Anflug von Panik in ihrer Stimme – ‚Um Gottes willen, wir leben in eine DEMOKRATIE!’ “

Noch einmal diesen fast lebensüberdrüssigen Gesichtsausdruck. „Und ich dachte mir, na ja, vielleicht ist das immer noch wahr, was diese Frau sagte, aber was für eine Demokratie ist es, wirklich? Ein kleiner Junge stirbt in Sachsen und die Eltern und ihr Rechtsanwalt bringen Zeugen zusammen und sammeln Beweisstücke, die nie objektiv ausgewertet werden. Stattdessen werden diese Beweisstücke von der Polizei beschlagnahmt, damit die Polizei sie verwenden kann, um die Eltern wegen ‚Anstiftung zu falschen Verdächtigungen’ anzuklagen. Ist das die Demokratie – oder etwas anderes?“

Einen Augenblick beobachtete sie ein paar Schwäne, die wir auch über dem Starnberger See betrachten konnten, als wir zum großen Fenster des Wohnzimmers hinaussahen. „Die Eltern wurden nie angeklagt, natürlich. Die Regierung kann nicht dieses Risiko eingehen, weil dann zu viele Zweifel an den angeblichen Umständen des Todes des Kindes zwangsläufig auftauchen würden. Aber der ‚Beweis’, den die Staatsanwaltschaft im Hause der Eltern beschlagnahmte, wurde nie zurückgebracht. Stattdessen ist man mit einem über ARD gestrahlten Bericht unterhalten, der damit begann, dass die Moderatorin es den Eltern indirekt vorwarf, dass sie ihre eigene Ermittlung durchgeführt haben. Anscheinend ist Deutschland noch nicht reif oder demokratisch genug, um so etwas zu erlauben, dass Laien ein Verbrechen ermitteln. Wenn Miss Marple in Deutschland gewohnt hätte, wäre sie deswegen ausgeschimpft oder vielleicht sogar angezeigt und bestraft worden. Auf jeden Fall dann in dieser ARD-Sendung wurde der Bericht über den Fall Joseph immer einseitiger, aber mit den äußeren Zeichen von Objektivität geschmückt. Man erzählt uns, dass es völlig unmöglich sei, dass das Kind von Neonazis getötet worden sei. Aber man hat mit niemandem gesprochen, der oppositionell eingestellt war, auch hat man keinen einzigen Zeuge ausgefragt, den die Eltern gefunden haben, auch hat man nicht mit dem Rechtsanwalt der Eltern gesprochen, auch nicht mit einem einzigen Fachmann, der bestreitet, wie die Obduktion durchgeführt und die Ergebnisse analysiert wurde, auch hat man es nicht erlaubt, dass die Eltern in diese Sendungen ihre Meinungen zum Ausdruck bringen.“

Noch einmal wusste ich nicht, was ich sagen sollte. Menschen wie Annette sind viel intelligenter als ich. Ich bin nur ein einfacher amerikanischer Sprachlehrer. Was weiß ich über Beweisstücke, Obduktionen, oder Neonazis, die unter Anklage wegen Mordes stehen könnten – oder über die Politik in einem Land wie Sachsen?

Mit freundlichen Grüßen

Robert John Bennett

Ernst-Gnoss-Strasse 22

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Letter from Munich 299

Friday, January 19th, 2007

Letter from Munich – the Joseph Affair – 299

EINE DEUTSCHE FASSUNG STEHT WEITER UNTEN. (German translation below – German language character set required for correct display.)

Dusseldorf, 19 January 2007

(Republication of an earlier letter)

Dear Mr. Graf, dear friends,

Erich was beaming. It had been a good week for him. A parliamentary investigation in the German state of Saxony had absolved Erich’s hero, Saxony’s Prime Minister Kurt Biedenkopf, of all blame in a questionable land deal. The opposition had accused Biedenkopf of squandering millions of German marks in taxpayers’ money. As far as Erich was concerned the findings of the investigating committee had also, at least by implication, refuted charges that Biedenkopf had influenced the Dresden district attorney in his conclusions regarding the death of the six-year-old Joseph Kantelberg-Abdulla. According to the district attorney, the boy had not, as eyewitnesses had claimed, been murdered by a group of neo-Nazis.

“Anyway, my dear, why do you even care?” Erich said, speaking to our mutual friend Annette. “Which is more important: to find out the truth about the death of a six-year-old boy, or to preserve the reputation of the State of Saxony and its prime minister, not to mention the reputation of the mayor and the other leading citizens of the town where the boy died.” He looked at us all with a faintly triumphant smile on his face and repeated, “Why do you even care?”

“For one thing,” Annette replied, “it’s not only what happened to the boy that concerns me, I also care about the larger question of what has been happening to Germany, and I think the Joseph Affair is closely linked to that question.”

She leaned back in the richly upholstered leather chair she was sitting in. “You will, I know, think that this is ridiculous, but Joseph for me was not just a little boy. He was, and still is, a symbol of German democracy as well. And the fact that real questions still surround his fate is for me symbolic of much of what is wrong in Germany today.”

She smoothed the jacket of her pale-blue tailored suit, in a leisurely manner, as if she were challenging Erich to comment. He merely gave her a contemptuous look, the way he might regard the village idiot. Annette went on, “When Joseph died, however he died, something in German democracy died as well, because German democracy has been incapable of resolving all of the issues surrounding his death. Not only that, but the great men of this democracy appear to have done all they could to suppress those issues, to hide them, and to expunge them from the public memory.”

There was a faint look of contempt in her expression too now, as she said, “Germany is still a country where the powerful, certainly the powerful people in politics, can get away with murder, certainly in a figurative sense. Of course there are a few people who will half-heartedly challenge them, but the respect for authority is still so great in Germany that no one really expects a leading politician ever to suffer the consequences of his wrongdoing. Indeed, no one expects the full of extent of that wrongdoing ever really to be revealed.”

She was winding the strands of an understatedly elegant pearl necklace so tightly around her index finger that I was afraid the strands would break and scatter the pearls all over the polished hardwood floor of her sitting room. “Of course there have always been investigating committees in the Bundestag and in the state legislatures. There have always been district attorneys who carry out their investigations. But in the end, certainly in the larger scandals and very often in the smaller ones, all these investigations always come to nothing. They always come to the conclusion that no one is really to blame. Take the politicians most deeply implicated in the recent slush fund scandals. They are almost all still holding the positions they held before the scandals; Roland Koch and Helmut Kohl come to mind in this context. A few pawns of course are always sacrificed, but the kings escape punishment. Even the fine imposed on Helmut Kohl’s party was lifted by the justices of a friendly court. Although the Bundestag president is appealing that absurd decision, he did say that in the meantime he thought the party had learned something from the affair and would do nothing that would lead to a similar scandal in the future. I think the opposite is true. They have learned they can do practically anything they want, and get away with it. And I’m afraid the appeal will only reinforce that lesson.”

She allowed the pearls to fall back intact against the finely woven woolen collar of her suit. “What happened to Joseph and to Joseph’s parents is what is happening to Germany. It is being strangled and pushed aside. Germany’s situation today is in many respects like Icarus falling in Breughel’s painting – there are so many more “important” things going on in the foreground.”

I’m not at all a well-educated man, and so I didn’t understand what she was trying to say. I know nothing about art. However, Erich seemed to understand. “You’re absolutely right, Annette,” he said. “The whole point of Breughel’s painting is that the fall of Icarus was an insignificant event. Just like the death of a little boy. Or the death, as you put it, of German democracy.”

He glanced at his fingernails. “German democracy will survive, because it is convenient for us. We have learned how very easy it is to manipulate people so that they will do what we want and think what we want. We’ve learned that the violent methods used sixty years ago were crude and quite stupid. It’s taken us some time to get things right, longer than we expected, but this time we’re succeeding – and the really funny thing is that we’re succeeding in such a way that no one will ever really notice it.”

Annette had a look almost of revulsion on her face.

“In fifty years”, Erich added, “in a hundred years, no one will remember the death of a little boy, or even be aware that German democracy itself died quite some time ago.”

I’m just an average person, and for people like me, it’s not easy to know where the truth lies. Are people like Annette exaggerating the dangers? Are Erich and his kind all megalomaniacs, or worse? It’s difficult to know. However, the government’s repeated overreaction to events in this affair, together with the government’s apparently endless need to justify what it has done do make people like me wonder what really has been going on in Sebnitz since even before Joseph died.

Sincerely yours,

Robert John Bennett

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Düsseldorf, den 19. Januar 2007

(Wiederveröffentlichung eines früheren Briefes)

Sehr geehrter Herr Graf, sehr geehrte Freunde,

Erich strahlte über das ganze Gesicht. Es war für ihn eine gute Woche gewesen. Ein Untersuchungsausschuss im sächsischen Landtag hat Erichs Helden, den Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf, für völlig unschuldig erklärt, bei einer fragwürdigen Angelegenheit, die mit Grundbesitz zu tun hatte. Die Opposition hat Biedenkopf beschuldigt, Steuergeld vergeudet zu haben, das in die Millionen ging. Was Erich betraf, hat alles, was die Ermittlungen des Untersuchungsausschusses ergeben haben, Beschuldigungen implizit widerlegt, dass Biedenkopf die Dresdner Staatsanwaltschaft beeinflusst hat, als sie zu ihren Schlüssen über den Tod des sechsjährigen Joseph Kantelberg-Abdulla gekommen ist. Der Staatsanwaltschaft nach, wurde das Kind nicht von Neonazis ermordet, wie Augenzeugen behauptet hatten.

„Auf jeden Fall, meine Liebe, warum ist das dir so wichtig?“ fragte Erich, als wir mit unserer gemeinsamen Bekannten Annette geredet haben. „Welches ist wichtiger: Die Wahrheit über den Tod eines sechsjähriges Kindes ausfindig zu machen oder den Ruf des Freistaates Sachsen und den Ruf dessen Ministerpräsidenten zu wahren, ganz zu schweigen von dem Ruf des Oberbürgermeisters und dem Ruf der anderen führenden Bürger der Stadt Sebnitz?“ Er sah uns an, mit seinem leise triumphierenden Lächeln und wiederholte, „Warum ist es euch so wichtig?“

„Zunächst einmal“, erwiderte Annette, „es geht mir nicht nur darum, was dem Kind passiert ist, sondern auch um die größere Frage darüber, was Deutschland zurzeit passiert. Ich glaube, der Fall Joseph hat viel mit dieser Frage zu tun“.

Sie lehnte sich zurück, im reichlich gepolsterten Sessel. „Ich weiß, dass Ihr vielleicht denken werdet, dass dies lächerlich ist, aber für mich war Joseph nicht nur ein kleines Kind. Er war – und er ist es immer noch – auch ein Symbol der deutschen Demokratie. Und dass es immer noch so viele Fragen über sein Schicksal gibt, das ist für mich auch symbolisch für vieles davon, was heutzutage in Deutschland nicht stimmt.“

Sie glättete gemächlich die Jacke ihres blassblauen Schneiderkostüms, als ob sie Erich zu einem Streitgespräch herausforderte. Er warf Annette einen überheblichen Blick zu, wie er vielleicht einen Dorftrottel ansehen würde, aber er sagte nichts. Annette fuhr fort, „Als Joseph starb, auf welche Art und Weise er auch starb, ebenfalls starb ein Bestandteil der deutschen Demokratie ab, weil die deutsche Demokratie unfähig ist, alle Kernprobleme seines Todes zu klären. Und nicht nur das, sondern auch scheint es, als ob die großen Männer dieser Demokratie alles getan haben, was sie konnten, um diese Probleme zu unterdrücken, sie zu vertuschen und sie aus dem Gedächtnis der breiten Öffentlichkeit zu tilgen“.

Sie auch hatte jetzt einen leise verächtlichen Gesichtsausdruck, als sie sagte, „Deutschland ist immer noch ein Land, wo die Mächtigen – bestimmt die mächtigen Politiker – können sich alles erlauben. Natürlich gibt es ein paar Leute, die die Autorität der Mächtigen halbherzig infrage stellen, aber das Obrigkeitsdenken ist in Deutschland immer noch so groß, dass niemand es wirklich erwartet, dass ein führender Politiker die Folgen seiner Missetaten tragen wird. Ja, niemand erwartet einmal, dass das gesamte Ausmaß seiner Verbrechen jemals wirklich ans Licht kommen wird“.

Sie wickelte drei schlichten aber eleganten Perlenketten, die sie trug, so fest um den Zeigefinger, dass ich fürchtete, dass die Ketten zerreißen und die Perlen in alle Richtungen über den Hartholzfußboden ihres Wohnzimmers fliegen würden. „Natürlich seit dem Anfang der Bundesrepublik gibt es Untersuchungsausschüsse im Bundestag und in den verschiedenen Landtagen; auch gibt es immer Staatsanwälte, die ihre Ermittlungen ausführen. Aber schließlich, und bestimmt wo es sich um die größeren Skandale handelt, und auch sehr oft um die kleineren, sind alle Ermittlungen immer vergebens. Die Ermittler kommen immer wieder zu dem Schluss, dass sie absolut niemandem die Schuld geben können. Nehmen wir die Politiker, die in den neuesten Spendenskandalen sehr verwickelt sind. Fast alle sind immer noch im Amt; und in diesem Zusammenhang denke ich an Roland Koch und Helmut Kohl. Natürlich gibt es immer einige Bauernopfer, aber die Könige kommen davon. Auch die Geldstrafe, die über die CDU verhängt wurde, wurde von ein paar freundlichen Richtern aufgehoben. Obwohl der Bundestagspräsident gegen dieses absurde Urteil Berufung eingelegt hat, sagte er inzwischen, dass er denke, dass die CDU irgendetwas aus dieser Erfahrung gelernt haben müsse, und dass sie nichts in der Zukunft machen werde, was einen ähnlichen Skandal verursachen könne. Ganz im Gegenteil, glaube ich, die CDU hat gelernt, sie kann praktisch alles tun, was sie will, und sie wird damit ungestraft davonkommen. Ich fürchte, die Berufung von Herrn Thierse wird diese Lektion nur bestätigen.“

Sie ließ die Perlenketten unversehrt auf das dunkelblaue Wollgewebe des Kragen ihres Kostüms fallen. „Das, was Joseph und Josephs Eltern passierte, passiert auch Deutschland. Das Land wird erstickt und beiseite geschoben. Oder man könnte vielleicht sagen, die Lage Deutschlands heute ist in mancher Hinsicht wie die Lage von Ikarus in Breughels Gemälde – wo es so viele ‚wichtigere’ Ereignisse im Vordergrund gibt.“

Ich bin kein gebildeter Mann, also verstand ich es überhaupt nicht, was sie meinte. Ich weiß eigentlich nichts, wo es um Kunst geht. Es schien aber, als ob Erich verstand. „Du hast völlig Recht, Annette“; sagte er. „Das Entscheidende in Breughels Gemälde ist dies, dass der Sturz von Ikarus völlig unbedeutend war. Genauso wie der Tod eines kleinen Kindes. Oder das Absterben – wie Sie es zum Ausdruck gebracht haben – der deutschen Demokratie.

Er schaute seine Fingernägel an. „Die deutsche Demokratie wird zur Zeit erhalten bleiben, weil das uns passt. Wir haben gelernt, wie leicht es ist, Leute zu manipulieren, damit sie alles tun und alles denken werden, was wir wollen. Wir haben gelernt, dass die grausamen Methoden von vor sechzig Jahren einfach grob und äußerst dumm waren. Es dauerte eine Weile, um alles richtig zu stellen, länger als wir erwarteten, aber diesmal haben wir Erfolg – und das, was wirklich lustig ist, ist dies, dass niemand bemerkt oder bemerken wird, wie groß unser Erfolg eigentlich ist, weil alles langsam und allmählich geschieht“.

Annette sah aus, fast als ob sie mit Abscheu erfüllt wurde.

„In fünfzig Jahren“, fügte Erich hinzu, „in einhundert Jahren wird niemand an den Tod eines Kindes denken, und auch wird sich niemand davon bewusst sein, dass die deutsche Demokratie selbst vor einer langen Zeit abstarb.“

Na ja, ich bin nur ein einfacher Mensch, und für Leute wie mich ist es nicht leicht zu wissen, wo die Wahrheit liegt. Ist es möglich, dass Menschen wie Annette die Gefahren übertreiben? Oder ist es möglich, dass Erich und seine Artgenossen einfach Großenwahnsinnige sind, oder sind sie vielleicht etwas sogar Schlimmeres? Es ist schwierig, das zu wissen. Man muss aber sagen, dass die Überreaktionen der Regierung auf diese Affäre, zusammen mit der anscheinend endlosen Bedürfnis, die die Regierung hat, alles zu rechtfertigen, was sie getan hat, Leute wie mich dazu bringen, sich zu fragen, was in Gottes Namen in Sebnitz und in Sachsen wirklich passiert, seit dem Zeitpunkt, als Joseph immer noch am Leben war, bis zum diesem Augenblick.

Mit freundlichen Grüßen

Robert John Bennett

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Letter from Munich 298

Friday, January 12th, 2007

Letter from Munich – the Joseph Affair – 298

EINE DEUTSCHE FASSUNG STEHT WEITER UNTEN. (German translation below – German language character set required for correct display.)

Dusseldorf, 12 January 2007

(Republication of an earlier letter)

Dear Mr. Graf, dear friends,

“Heribert Prantl is a former district attorney in Bavaria,” said Annette. “He is also one of the most thoughtful editorial writers at the Sueddeutsche Zeitung, which in turn is one of Germany’s most respected newspapers. Both in his editorials and in his appearances on television, Prantl has commented on the ease with which German district attorneys can be subjected to political pressure. He cites numerous cases and points out that there has not been a single major political scandal in the history of Germany since the war that has ever been fully explained or in which any one of the guilty parties has been punished, certainly not punished to a degree that approaches the magnitude of their crimes. The scandals surrounding Helmut Kohl’s political slush fund are the latest example.”

“I suppose that means that in the death of the boy Joseph,” said Erich with a laugh, “the Dresden district attorney was under pressure from Kurt Biedenkopf, the Prime Minister of Saxony, to reach the conclusion that the child was not killed, but simply died as the result of an accident.”

“That is exactly what I mean,” Annette replied. “And I believe the proof is in the inconsistencies found in all the reports of all the medical examiners who have ever dealt with the case. The proof is also in the inconsistencies found in the conclusions of the district attorney himself.”

She looked at all of us. “The proof is also in Biedenkopf’s public behavior from the beginning of the affair last November. He was never interested in an impartial investigation. He declared almost immediately that it was impossible the boy had ever been murdered.”

There was a look of controlled anger in her eyes, as she added, “Biedenkopf and his political party never wanted the affair to be objectively investigated. As soon as the newspaper stories started creating a sensation, they went on the offensive, openly questioning whether anything like the murder of a child under such circumstances was possible. So it is hardly surprising that in a German state like Saxony, the district attorney should reach the conclusions that Biedenkopf and his party wanted him to reach. Nor is it surprising that all of the witnesses who said under oath the boy had been killed have retracted their statements.”

“After they had been questioned by the police,” said Erich.

“The police never questioned the witnesses about what they saw. The police questioned them only about the mother’s supposed influence on their testimony. That was all that the police were interested in.”

Erich laughed again.

“Germany has nothing like the American Civil Liberties Union,” Annette went on. “When the police raided the home of Joseph’s parents at night, and searched it for eight hours, supposedly because the parents were to be charged with ‘incitement of false suspicions,’ and seized all material proof that the parents had collected to support their allegations, absolutely no one lifted a finger to help them. Their attorney, it is true, did remonstrate, but half-heartedly, because their attorney, like everyone else in Saxony, knows where the real state power lies.”

“Of course he does,” said Erich, smiling.

“But nothing that the police seized has ever been returned to the parents,” said Annette. “And of course the parents have never been charged with anything.”

“At least not yet,” Erich replied. “But in any case their attorney is negotiating to have the state of Saxony buy up their property so that they can leave the town.”

Annette lifted her head higher. “Because the parents’ continued presence in the town is an embarrassment to Biedenkopf and to the party. He wants to get rid of these people, either by putting pressure on them to leave or by buying them out if necessary. Biedenkopf doesn’t want the affair really investigated or explained, he wants it forgotten. Last week at a meeting in Sebnitz, he offered the town ten million German marks, ostensibly for redevelopment.”

“And you think the offer of money was to make sure that all your so-called witnesses stayed quiet.”

“Biedenkopf and the CDU cannot admit there is a problem with neo-Nazis in Saxony,” Annette went on, almost too forcefully. “I’d like to read you a few sentences –“

“Oh God,” said Erich, “not another reading.”

“A few sentences from an article last week in Die Zeit, Germany’s most influential weekly newspaper: ‘Sovereign lords of state from Schwerin to Dresden protest that their people are no more right-wing than those in the western part of the country….In many places (in eastern Germany) they (the extreme right) exercise power without resorting to force. Their presence is often threat enough. Right-wing extremism is no phenomenon of groups on the edge of society. It is no longer a subculture, but instead dominates the youth scene in many villages and small towns. Racism and anti-Semitism are considered good form. When they (the young people) want to disparage someone, they use the German word “Neger” and when something is bad or distasteful, it’s “like Jewish”.’ ”

Annette’s expression of calm determination was so powerful as to be almost unsettling. “And if you wonder,” she went on, “how it is possible for a child to be killed in public, in broad daylight, listen to this part of the article: ‘Racism and right-wing attitudes are much more widespread in eastern Germany than in the western part of the country. Those who commit violent acts are quick to sense an appropriate time to can act. A typical west German attack happens secretly and is hidden….A typical east German attack is open and public – an African is beaten up in front the town train station’.”

“Or, I suppose you want us to believe, a six-year-old boy is killed at a public swimming pool,” interjected Erich.

Annette finished her reading: “ ‘In western Germany a marked climate of opposition to right-wing extremism dominates the public mood; in eastern Germany, indifference and fear dominate’.”

Erich’s response was, as usual, scornful, but beneath the scorn I thought I detected a certain defensiveness. “So of course you want us to believe the boy Joseph was killed simply because you read a newspaper article about the ‘climate’ in eastern Germany.”

“I don’t want you to believe anything,” said Annette quietly. “I simply want you to consider what the truth might be.”

“The truth, Annette? The truth?” Erich’s tone was full of contempt. “My dear, in Germany today the truth is nothing more than what we tell people it is.”

Sincerely yours,

Robert John Bennett

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Düsseldorf, den 12. Januar 2007

(Wiederveröffentlichung eines früheren Briefes)

Sehr geehrter Herr Graf, sehr geehrte Freunde,

„Heribert Prantl ist ein ehemaliger Staatsanwalt in Bayern“, sagte Annette. „Er ist auch einer der intelligentesten und klugsten Leitartikler bei der Süddeutschen Zeitung. Als er seine Leitartikel schreibt und im Fernsehen auftritt, bermerkt Prantl ab und zu, wie leicht Staatsanwälte politischem Druck untergeworfen werden können. Er weist seine Leser darauf hin, dass es niemals seit der Grundung der Bundesrepublick einen bedeutenden Skandal gebe, der völlig aufgeklärt worden sei. Niemals bei so einem Skandal wurden die Schuldigen bestraft, mindesten nicht auf eine Art und Weise bestraft, die zu ihren Verbrechen passt. Helmut Kohls Spendenskandal ist nur das neueste Beispiel davon“.

„Ich gehe davon aus“, sagte Erich mit einem Lachen, „dass das heißt, dass Kurt Biedenkopf im Fall Joseph den Dresdner Staatsanwalt unter Druck setzte, damit dieser zum Schluss kommen würde, dass das Kind nicht getötet wurde, sondern dass er infolge eines Unfalls gestorben ist.“

„Das ist genau, was ich meine“, erwiderte Annette. „Und ich glaube, ein Beweis dafür liegt in den Widersprüchen in allen Berichten von allen Gerichtsärzten, die sich mit diesem Fall beschäftigt haben. Ein Beweis liegt auch in den Widersprüchen in den Schlüssen des Staatsanwalts selbst.“

Sie schaute uns alle an. „Der Beweis liegt auch in Biedenkopfs Benehmen in der Öffentlichkeit seit dem Anfang der Affäre im November letztes Jahr. Er hatte niemals ein Interesse für eine unparteiische Ermittlung. Er hat fast sofort erklärt, dass es unmöglich sei, dass das Kind ermordet worden sei. Aber wenn das so ist, wie konnte er das wissen?“

Ihr Gesichtsausdruck zeugte von tiefstem Zorn, über den sie immer noch absolute Kontrolle hatte, als sie hinzufügte, „Biedenkopf und seine Partei wollte niemals, dass diese Affäre sachlich und objektiv untersucht werden wird. So bald wie die Zeitungsartikel anfingen, für eine Sensation zu sorgen, sind sie in die Offensive übergegangen und habe offen gefragt, ob so etwas wie der Mord eines Kindes unter solchen Umständen überhaupt möglich sei. Es ist deshalb kaum eine Überraschung, dass in einem Land wie Sachsen der Staatsanwalt zu genau den Schlüssen kommen würde, die Biedenkopf und seine Partiei wünschten. Es ist auch keine Überraschung, dass alle Zeuge, die eidesstaatlich erklärten, dass das Kind ermordet worden sei, diese Erklärungen zurückgenommen haben.“

„Nachdem sie von der Polizei vernommen wurden“, sagte Erich.

„Die Polizei hat niemals danach gefragt, was die Zeuge gesehen haben. Die Polizei hat nur nach dem angeblichen Einfluss gefragt, den die Mutter auf die Aussagen der Zeuge haben sollte. Das war alles, was die Polizei interessierte“.

Erich lachte noch einmal.

„Deutschland hat keine ACLU, keine Vereinigung für Bürgerrechte, wie in Amerika“, fuhr Annette fort. „Als die Polizei bei Nacht eine Razzia auf das Haus von Josephs Eltern gemacht haben und es acht Stunden durchsuchte, angeblich weil die Eltern wegen Anstiftung zu falschen Verdächtigungen angeklagt werden sollten, und all das Beweismaterial beschlagnahmte, das die Eltern gesammelt hatten, hat man keinen einzigen Finger gerührt, um ihnen zu helfen. Es ist wahr, dass ihr Rechtsanwalt der Polizei und dem Staatsanwalt wegen der Razzia und der Beschlagname Vorhaltungen gemacht hat, aber nur halbherzig, weil ihr Rechtsanwalt weißt, wie alle anderen in dem Freistaat es wissen, wer die echte, die unwiderstehliche Macht über Sachsen ausübt.“

„Natürlich weiß man das“, sagte Erich mit einem kleinen Lächeln.

„Aber nichts davon, was die Polizei beschlagnahmte, wurde den Eltern zurückgegeben“, sagte Annette. „Und natürlich haben die Eltern sich nicht wegen Anstiftung zu falschen Verdächtigungen vor Gericht zu verantworten gehabt.“

„Mindestens noch nicht“, erwiderte Erich. „Aber auf jeden Fall verhandelt ihr Rechtsanwalt darüber, dass der Freistaat ihr Eigentum aufkaufe, damit sie die Stadt verlassen können“.

Annette erhob den Kopf. „Nur weil die fortgesetzte Anwesenheit der Eltern in der Stadt Biedenkopf und die Partei in Verlegenheit bringt. Biedenkopf will diese Leute loswerden, entweder dadurch, dass er sie unter Druck setzt, oder dadurch, dass er sie auszahlt, falls nötig. Biedenkopf will nicht, dass die Affäre gründlich untersucht oder erklärt wird; er will, dass sie in Vergessenheit gerät. Letzte Woche, bei einer Versammlung in Sebnitz, bat er der Stadt DM 10 Millionen an, vorgeblich um die Stadt und seine Institutionen zu sanieren“.

„Und du glaubst, dass diese Angebot an Geld ein Mittel war, um dafür zu sorgen, dass deine sogenannten Zeuge in der Stadt still bleiben werden“.

„Biedenkopf und die CDU können nicht zugeben, dass es in Sachsen ein Problem mit Neonazis gibt“, fuhr Annette fort, fast zu energisch. „Ich möchte Euch allen ein paar Sätze vorlesen, die –“

„Mein Gott“, sagte Erich, „bitte nicht“.

„Ein paar Sätze, die letzte Woche in einem Artikel in der „Zeit“ standen: „Landesväter zwischen Schwerin und Dresden protestieren: ‚Unsere Menschen’ sind nicht rechter als die im Westen….Vielerorts (im Osten) üben sie (die Rechtsextremisten) Macht aus, ohne noch Gewalt anwenden zu müssen. Ihre Präsenz ist oft Drohung genug. Rechtsextremismus ist im Osten kein Phänomen von Randgruppen. Er ist keine Subkultur mehr, sondern dominiert in vielen Dörfern und Kleinstädten die Jugendszene. Rassismus und Antisemitismus gehören zum guten Ton. Man beschimpft sich als “Neger”, und wenn etwas ganz miserabel ist, heißt es “judenmäßig“.’ “

Gelassene Entschlossenheit stand Annette so im Gesichtsausdruck geschrieben, dass es einen fast aus dem Gleichgewicht brachte. „Und wenn Ihr euch fragt, wie es möglich gewesen wäre, dass ein Kind bei Tageslicht, in aller Öffentlichkeit, getötet werden konnte, dann hört euch bloß mal an, was man darüber in diesem Artikel schreibt: ‚Rassismus und rechte Einstellungen sind im Osten weiter verbreitet als im Westen. Die Gewalttäter haben ein feines Gespür und reagieren darauf: Ein typisch westdeutscher Angriff geschieht heimlich und versteckt….Ein typisch ostdeutscher Angriff dagegen ist offen und öffentlich – auf dem Bahnhofsvorplatz wird ein Afrikaner zusammengeschlagen’.“

„Oder“, warf Erich ein, „ein sechsjähriges Kind in einem kommunalen Schwimmbad getötet wird. Das ist es, gehe ich davon aus, was wir glauben sollten, richtig?“

Annette beendete die Lesung: „ ‚Im Westen herrscht in der Öffentlichkeit ein eindeutiges Klima gegen Rechtsextremismus, im Osten herrschen Gleichgültigkeit und Angst’.“

Erichs Antwort war, wie gewöhnlich, verächtlich, aber unter der Verachtung, dachte ich, konnte man vielleicht eine defensive Einstellung bemerken. „Natürlich willst du, dass wir glauben, dass das Kind Joseph getötet wurde. Und wir sollten es glauben, nur weil du einen Zeitungsartikel über das ‚Klima’ in Ostdeutschland gelesen hast“.

„Es ist mir völlig egal, was du glaubst“, sagte Annette leise. „Ich will nur, dass du daran denkst, was die Wahrheit sein könnte“.

„Die Wahrheit, Annette? Die Wahrheit?“ Erichs Stimme war noch einmal voller Verachtung. „In Deutschland heute, meine Liebe, sind es wir, die darüber eintscheiden, was die Wahrheit ist.“

Mit freundlichen Grüßen

Robert John Bennett

Ernst-Gnoss-Strasse 22

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Letter from Munich 297

Friday, January 5th, 2007

Letter from Munich – the Joseph Affair – 297

EINE DEUTSCHE FASSUNG STEHT WEITER UNTEN. (German translation below – German language character set required for correct display.)

Dusseldorf, 5 January 2007

(Republication of an earlier letter)

Dear Mr. Graf, dear friends,

“ ‘The pharmacy will be closed forthwith’,” Annette translated from German as she read the letter out to us. “ ‘Within four weeks all of you will leave the town of Sebnitz. If we should discover that this has not happened, we will liquidate all of you. The enclosed bullets –‘ “

“Wait a minute,” I said, “what do you mean, ‘the enclosed bullets’?”

“There were three bullets, three real bullets enclosed in the envelope,” and she showed us a photocopy of the envelope with three bullets. “One for Dr. Abdulla, one for his wife, Dr. Kantelberg-Abdulla, and one for their daughter Diana. ‘The enclosed bullets’,” she went on translating, “ ‘will reaffirm our unshakeable will to kill you….We have the necessary means and the opportunity to eliminate you. You will not be pardoned past the deadline we have set. We have time, and we will not forget you. P.S. – We will deal with your shady lawyer separately. And finally, we add this: we are not right-wing extremists, but German citizens who think normally’,” she concluded reading the letter. Then she went on, “And if I believed in conspiracy theories, I would point out to you that the deadline of four-weeks, from the January 21 postmark on the letter, is February 20. On February 20, Kurt Biedenkopf, the Prime Minister of Saxony, is supposed to visit Sebnitz, in order to bring closure to the whole Joseph affair.”

“But that’s incredible,” I said. “How did you get that letter? From the Kantelberg-Abdullas?”

She smiled grimly. “No. I have other sources of information. And these same sources – not the family – have provided me with copies of two other interesting letters. The first one is from the family’s lawyer – ” Annette held out the letters to show us the letterhead. “It’s addressed, as you can see, to the mayor of Sebnitz, and reads in part, ‘In the course of our conversation, we discussed the possibility that the Kantelberg-Abdulla family would leave Sebnitz, in their own interest and in order to calm the situation in the town. We further discussed how and under what circumstances my clients would effect their intention to move. We were in agreement that such a step could only be undertaken under conditions that were financially tolerable for my clients, that is, if they had a realistic prospect of an economically fair disposition of their property in the town’.”

“I don’t see what’s so sensational about that,” I said.

“Listen, the family’s lawyer, Mathias Sawitzky of Dresden, goes on in this letter to the mayor of Sebnitz: ‘You made it clear that the town of Sebnitz had an interest only in the purchase of the property at 11 Rosenstrasse (the location of the pharmacy) and moreover that the financing had to be arranged through the government of Saxony’. The lawyer then goes on to name a seven-figure sum in German marks.”

I was practically speechless. “A seven-figure sum in German marks?” I said. “I don’t believe it. That letter must be a fake. A couple of weeks ago the Dresden district attorney was on television all over Germany telling people the Kantelberg-Abdullas would be charged with ‘inciting false suspicions,’ for making up the story that neo-Nazis had murdered their son, and now the mayor of Sebnitz agrees to buy their property for a purchase price in seven figures, just so they’ll leave town? And the government in Dresden is supposed to give him the money? That’s absurd.”

Annette laughed, in her soft, quiet way. “The second letter I want to show you is also from the family’s lawyer, and it’s addressed to the secretary of state of the government of Saxony in Dresden. It reads in part, ‘With regard to the pharmacy on Rosenstrasse, the town of Sebnitz is interested in acquiring this property. The mayor informed me, however, that the town would require support from the government of Saxony in order to complete the purchase. Please allow me, therefore, to attach a copy of my letter today to Mayor Ruckh of Sebnitz and to ask you, in the name of and on the instructions of my clients, to look with favor on their situation and to make the purchase possible, by offering the support of the state government’.”

I was amazed. “If all this is true,” I said, “and I’m sure there will be denials from everybody – from the lawyer, from the Saxony government, and from the mayor – so you’ll never be able to prove any of this – but if all this is true, how could Saxony and its Prime Minister get itself into this mess?”

“The government has been in denial from the very beginning of this case,” she replied. “Biedenkopf, the Prime Minister, simply could not allow anyone to think that neo-Nazis even existed in Saxony, much less that they would murder a child. And the attempted cover-up has produced this incredible situation, where the government is threatening the family with prosecution if they don’t keep quiet and at the very same time doing everything it can to buy up their property and get them to disappear, to western Germany, to England, Canada, anywhere.”

“But if Biedenkopf is really behind all this, how could he do anything so stupid.”

“In Munich’s Sueddeutsche newspaper this week, there was another article about Biedenkopf. He’s made a lot of dim-witted decisions in his career, and the Sueddeutsche suggested it was because of his wife, because of what she tells him he should do. In this respect, they’re practically the Mr. and Mrs. Slobodan Milosevic of eastern Germany. Let me read to you what the Sueddeutsche said about Biedenkopf, “Members of his own party in Dresden complain he’s surrounded almost solely by admirers, ranging from his wife to those closest to him in his inner circle….One legislator said, ‘He sits alone in the chancellery and has no idea what is really happening in Saxony’. This legislator had not lost her respect for Biedenkopf, but was concerned about his sense of reality. There seems to be an unpredictable quality about him; more and more often his spokespersons have to correct or re-interpret things that he says….Outside of Saxony, Biedenkopf causes increasing irritation. Last autumn, for example, he astounded everyone with a remark that ‘his Saxons’ were ‘immune’ to right-wing extremism, and it wasn’t only the opposition party that accused him of whitewashing the facts by making that statement…Last Friday, the Dresden legislature was debating the latest crisis, created when Biedenkopf fired his most popular minister – and potential rival. Biedenkopf stayed away, at the beginning of the debate. The opposition social democratic and socialist parties were cheerfully giving free rein to their scorn, when, eighteen minutes into the discussion, Biedenkopf arrived. Nothing much changed. The attack by the opposition on the man that Biedenkopf had designated as his eventual successor continued. As if Biedenkopf had already left the scene’.”

Annette removed her glasses, looked up at us, focused on me, smiled that rather bitter smile of hers, and said, “And you still think these letters I have here in my hand, the letters I read to you a moment ago, have been faked?”

Sincerely yours,

Robert John Bennett

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Since many recipients of this letter may read German more easily than they read English, the following is the author’s translation of the above letter. Please note that word-processing programs outside of German-speaking countries may not display all of the letters of the German alphabet correctly.

Alle Briefe aus München sind abrufbar:

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Düsseldorf, den 5. Januar 2007

(Wiederveröffentlichung eines früheren Briefes)

Sehr geehrter Herr Graf, sehr geehrte Freunde,

„ ,Die Apotheke wird sofort geschlossen’,“ las Annette vor. „ ,Innerhalb von 4 Wochen verlaßt Ihr die Stadt Sebnitz. Sollten wir fest stellen, dass dies nicht geshieht, werden wir Euch liquidieren. Die beigefügten Geschosse – ’ “

„Einen Augenblick“, sagte ich, „was meinen Sie damit: ,Die begefügten Geschosse’?“

„Es gab drei Geschosse, drei echte Kugeln, im Briefumschlag, mit diesem Drohbrief“, und dann zeigte sie uns eine Fotokopie des Umschlags und der drei Kugeln. „Ein Kugel für Dr. Abdulla, ein für seine Frau, Dr. Kantelberg Abdulla, und ein für ihre Tochter, Diana. ‚Die beigefügten Geschosse’,“ fuhr sie fort, vor zu lesen, „ ,sollen nur unseren absoluten Willen bekräftigen, Euch zu töten. Es werden allerdings andere Kaliber sein. Die nötigen Mittel und Möglichkeiten Euch zu beseitigen, haben wir. Nach der gesetzten Frist gibt es für Euch kein Pardon mehr. Wir haben Zeit und vergessen Euch nicht. P.S.: Mit Eurem Winkeladvokaten werden wir uns gesondert befassen. Zum Schluß dies: Wir sind keine Rechtsradikalen, sondern normal denkende deutsche Bürger’.“ So endete die Lesung. Dann fuhr Annette fort, „Und wenn ich an Verschwörungstheorien glaubte, würde ich erwähnen, dass diese Frist von vier Wochen, vom Datum des Poststempels, 21. Januar, gerechnet, endet am 20. Februar. Am 20. Februar plant Kurt Biedenkopf, Sebnitz zu besuchen, angeblich um die Affäre Joseph zum Abschluss zu bringen.“

„Das ist aber unglaublich“, sagte ich. „Wie haben Sie diesen Brief bekommen? Von der Familie Kantelberg-Abdulla?“

Sie lächelte etwas eisern. „Nein. Ich habe andere Informationsquellen, die übrigens sehr zuverlässig sind. Und diese Quellen – nicht die Familie – haben mir zwei andere interessante Briefe gegeben. Der erste wurde vom Rechtsanwalt der Familie Kantelberg-Abdulla geschrieben –“ Annette zeigte uns das Briefpapier mit Briefkopf. „Der Brief, wie Ihr sehen könnt, wird an den Herrn Oberbürgermeister von Sebnitz addressiert. Der Brief läuft teilweise, wie folgt: ‚Im Rahmen unseres Gespräches hatten wir erörtert, dass es zur Beruhigung der Situation in Sebnitz wie auch im Interesse meiner Mandantschaft möglich wäre, dass die Famile Kantelberg-Abdulla die Stadt Sebnitz verließe. Wir hatten weiter erötert, wie und unter welchen Umständen ein solcher Wegzug unserer Mandantschaft aus Sebnitz erfolgen könnte. Wir waren uns insoweit einig, dass eine solche Maßnahme für meine Mandantschaft wirtschaftlich erträglich nur umgesetzt werden könnte, wenn diese eine realistische Möglichkeit zur wirtschaftlichen Verwertung ihrer Immobilien erhielte’.“

„Ich verstehe nicht, warum das so sensationell sein sollte“, sagte ich.

„Hör zu, dieser Rechtsanwalt, Herr Mathias Sawitzky aus Dresden, fährt in diesem Brief an den Oberbürgermeister fort: ‚Sie hatten insoweit klargestellt, dass die Gemeinde Sebnitz lediglich am Erwerb des Objektes Rosenstraße 11 (Apotheken gebäude) Interesse habe und darüber hinaus die Finanzierung über Mittel des Freistaates Sachsen erfolgen müsse’. Und dann nennt der Rechtsanwalt einen siebenstelligen Betrag, in D-Mark“.

Ich war fast sprachlos. „Ein siebenstelliger Betrag?“ sagte ich. „In D-Mark? Das glaube ich einfach nicht. Dieser Brief muss eine Fälschung sein. Vor ein paar Wochen erschien der Dresdner Staatsanwalt im Fernsehen, überall in Deutschland und hat allen gesagt, dass Herr Dr. und Frau Dr. Kantelberg-Abdulla wegen ‚Anstiftung zu falschen Verdächtigungen’ angeklagt werden würden, weil sie angeblich diese Geschichte erfunden haben, dass Neonazis ihren Sohn ermordeten. Und jetzt ist der Oberbürgermeister von Sebnitz damit einverstanden, das Eigentum dieser Familie zu kaufen, für einen siebenstelligen Preis, nur damit sie die Stadt Sebnitz verlässt? Und der Freistaat Sachsen soll ihm das Geld dafür geben? Das ist aber absurd“.

Annette lachte leise und sanft. „Der zweite Brief, den ich Euch zeigen will, wurde auch vom Rechtsanwalt der Familie geschrieben und wurde an den Herrn Staatssekretär des Freistaates Sachsen addressiert. Der Brief läuft teilweise, wie folgt: ‚Bezüglich des Apothekengebäudes in der Rosenstraße besteht ein Interesse am Erwerb seitens der Stadt Sebnitz. Wie mir der Herr Oberbürgermeister mitteilte, ist die Stadt Sebnitz insoweit jedoch bezüglich der Finanzierung auf die Unterstützung des Freistaates Sachsen angewiesen. Ich erlaube mir daher, Ihnen mein heutiges Schreiben an Herrn Oberbürgermeister Ruckh anliegend abschriftlich zur Kenntnis zu überreichen und bitte Namens und im Auftrag meiner Mandantin ausdrücklich darum, diesen Vorgang wohlwollend zu prüfen und eine Abwicklung der Veräußerung durch Unterstützung des Freistaates zu ermöglichen’.“

Ich war darüber verblüfft. „Wenn all das wahr ist“, sagte ich, „und ich bin davon sicher, dass alle, der Rechtsanwalt, der Staatssekretär, der Oberbürgermeister, alles leugnen werden, und Sie werden nichts beweisen können – aber wenn all das wahr ist, wie könnten der Freistaat Sachsen und dessen Ministerpräsident alles so verpfuschen?“

„Ab dem Anfang an war die Regierung ,in einem Leugnungszustand’, wenn ich den sehr treffenden amerikanischen Begriff so ausdrücken kann“, erwiderte sie. „Biedenkopf konnte es einfach nicht erlauben, dass man denken würde, dass Neonazis in Sachsen sogar existierten, geschweigen denn dass sie ein Kind ermorden würden. Und der Versuch, alles zu vertuschen, hat zu dieser unglaublichen Situation geführt, in der der Staat dem Herrn Dr. und der Frau Dr. Kantelberg-Abdulla Verfolgung androht, wenn sie nicht schweigen, aber in der gleichzeitig der Staat alles tut, um das Eigentum der Famlie aufzukaufen und um sie zum Verschwinden zu bringen – in Westdeutschland, in England, Kanada, einfach irgendwohin.“

„Aber wenn Biedenkopf in dieser Affäre tatsächlich hinter den Kulissen handelt, wie könnte er etwas so Dummes machen?“

„Letzte Woche in der Süddeutschen Zeitung stand noch ein Artikel über Biedenkopf. In seine Karriere hat er viele dämliche Entscheidungen getroffen, und die Süddeutsche hat darauf hingedeutet, dass der Grund dafür sehr einfach ist. Es ist seine Frau, die ihm immer wieder sagt, was er machen solle. In mancher Hinsicht ist diese Paar Ostdeutschlands Herr und Frau Slobodan Milosevic. Ich will Euch das vorlesen, was ein Journalist in der Süddeutschen über Biedenkopf geschrieben hat: ‚In Dresden sei er fast nur noch von Bewunderern umgeben, von seiner Frau bis hin zum engsten politischen Umfeld, klagen Kritiker in der Sachsen-Union…. >Er sitzt einsam in der Staatskanzlei und weiß nicht, was im Land vorgeht

Annette legte ihre Brille ab, schaute uns alle an, richtete die Augen auf mich, lächelte etwas traurig, wie sie es oft tut, und sagte mir, „Und glaubst du immer noch, dass diese Briefe, die ich vor ein paar Minute vorlas, sind gefälscht?“

Mit freundlichen Grüßen

Robert John Bennett

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