{"id":619,"date":"2009-04-27T04:38:34","date_gmt":"2009-04-27T02:38:34","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.law.harvard.edu\/revision\/?page_id=619"},"modified":"2022-12-06T12:50:59","modified_gmt":"2022-12-06T11:50:59","slug":"version-auf-deutsch-das-ende-ist-es-wo-wir-anfangen-teil-01-kapitel-11-20","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/archive.blogs.harvard.edu\/revision\/version-auf-deutsch-das-ende-ist-es-wo-wir-anfangen-teil-01-kapitel-11-20\/","title":{"rendered":"VERSION AUF DEUTSCH \u2014 Das Ende ist es, wo wir anfangen \u2014 Teil 01, Kapitel 11-20"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Teil 1, Kapitel 11<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>\u201eUnd allm\u00e4hlich, je mehr ich las und je wunderlicher und fremder mich das Hinunterblicken auf D\u00e4cher, Gassen und Alltag ergriff, tauchte des \u00d6fteren zaghaft und beklemmend das Gef\u00fchl in mir auf, auch ich sei vielleicht ein Seher und die vor mir ausgebreitete Welt warte auf mich, dass ich einen Teil ihrer Sch\u00e4tze h\u00f6be, den Schleier des Zuf\u00e4lligen und Gemeinen davon l\u00f6se und das Entdeckte durch Dichterkraft dem Untergang entrei\u00dfe und verewige\u201c.<br \/>\n&#8211;Hermann Hesse<br \/>\nPeter Camenzind<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Bei diesem ersten Besuch bei Ann und Clayton, f\u00fchlte er sich fast so sch\u00fcchtern, wie er es immer war, als er andere Leute zum ersten Mal kennen lernte. Au\u00dferdem war er sich davon sicher, dass sein Verhalten ihnen \u00e4u\u00dferst unbeholfen scheinen m\u00fcsste. Er wollte aber glauben, dass, wenn sie ihn als unbeholfen sahen, sie gleichzeitig verstanden, dass er kaum umhinkonnte, einem Gef\u00fchl davon zu erliegen, sich \u00fcber alles dankbar zu wundern, was er in ihrem Zuhause sah: die Zeichen von Intelligenz in allem, was sie taten, und in der Art und Weise, wie sie lebten, den Beweis daf\u00fcr, dass sie an Sch\u00f6nheit Gefallen fanden. Die Einrichtungsgegenst\u00e4nde des Zimmers, in dem sie sa\u00dfen, waren so schlicht und doch so voll von der Anmut und Sch\u00f6nheit pr\u00e4chtiger Kunstwerke, dass er eine Art von Ehrfurcht sp\u00fcrte, eine Ehrfurcht, die so gro\u00df war, dass, ab und zu, er sich auf das Gespr\u00e4ch mit Ann und Clayton kaum konzentrieren konnte.<\/p>\n<p>Er f\u00fchlte sich von einem Gem\u00e4lde besonders hingezogen, das schien, eine Art Einstieg in eine Welt der intensiven Farbe und Tiefe und ungew\u00f6hnlichen Form zu erm\u00f6glichen. Ann fragte ihn, ob es ihm gefiel.<\/p>\n<p>\u201eJa\u201c, sagte er mit einem L\u00e4cheln, \u201eich glaube, die Farben haben ein besonderes Merkmal, das ich sehr lange nicht gesehen habe. Es gibt da eine Art Leben und Bewegung \u2013 ich wei\u00df nicht es zu erkl\u00e4ren.\u201c<\/p>\n<p>Ann warf einen kurzen Blick auf das Holzscheit, das im Kamin brannte. Dann l\u00e4chelte sie Clayton an. \u201eClay hat immer gewusst, solche Gem\u00e4lde zu sch\u00e4tzen\u201c, sagte sie. \u201eDeshalb haben wir so viele davon, und daf\u00fcr bin ich ihm sehr dankbar\u201c.<\/p>\n<p>David wollte fortfahren und ihnen das sagen, was er wirklich dachte und empfand, aber er wusste nicht, wie er das tun k\u00f6nnte. Er f\u00fchlte sich unbehaglich und \u00e4ngstlich. Er hatte sie gerade kennen gelernt, und er wollte nicht etwas Dummes sagen. Gleichzeitig aber wollte er, dass sie m\u00f6glichst viel \u00fcber ihn wissen. Vielleicht auch damals sp\u00fcrte er, je mehr er ihnen \u00fcber sich selbst erz\u00e4hlte, umso mehr w\u00fcrde er \u00fcber sich selbst lernen. Das aber, was ihn am meisten besch\u00e4ftigte, war ihm ein Bed\u00fcrfnis, \u00fcber das zu sprechen, was ihm sehr wichtig \u2013 sogar eilig \u2013 war.<\/p>\n<p>\u201eVorm letzten Jahr in der Oberschule, habe ich Malereien kaum beachtet,\u201c sagte er. \u201eIch konnte nie verstehen, was andere Menschen darin sehen oder warum sie daran Gefallen finden.\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd was ist in diesem Jahr geschehen?\u201c, fragte Clayton.<\/p>\n<p>David beugte sich ein wenig vor und warf einen kurzen Blick um das Zimmer, das sich mit Licht und Farbe erf\u00fcllt und so sehr warm und einladend war. Er blickte sich nach allen Seiten um, als ob er die Antwort auf Claytons Frage irgendwo vor ihm in der Luft h\u00e4tte sehen k\u00f6nnen. Im Hintergrund h\u00f6rte er fast unbewusst die Komplexit\u00e4ten von Bach, die schienen, wie F\u00e4den von Musik miteinander verwoben zu werden. \u201eIn diesem Sommer\u201c, fing er an, und seine Stimme klang f\u00fcr ihn etwas rauchig, \u201ebin ich nach Europe mit einigen Schulfreunden gereist. Gegen Ende unserer Rundreise fahren wir nach Paris. Und nat\u00fcrlich, besuchten wir den Louvre\u201c.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich schien es sehr still in diesem Zimmer zu sein \u2013 David konzentrierte sich sehr auf seine Gedanken, und vielleicht taten Clay und Ann dasselbe. Das aber, was ihm eine ganze Menge in diesem Augenblick ausmachte \u2013 und in jedem \u00e4hnlichen Augenblick \u2013 war die Freisetzung von der Flut von Ideen, die bis dahin durch irgendetwas in seinem eigenen Geisteszustand zur\u00fcckgehalten wurde, oder durch die Tatsache, dass ein Mensch ihm fehlte, mit dem er offen und auf eine echt tiefsinnige Art und Weise reden konnte. Und als er redete, allm\u00e4hlich erworben diese Gedanken ihr eigenes Leben, und dieses Leben hatte nur einen Imperativ: Das Bed\u00fcrfnis, artikuliert zu sein, zum Ausdruck gebracht zu werden, einen Augenblick zu strahlen und vielleicht in den Geist oder in das Bewusstsein eines anderen Menschen aufgenommen zu werden.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich, je mehr er von all diesen Gedanken mitgerissen wurde, umso mehr Angst hatte er. Es war, als ob er pl\u00f6tzlich Lampenfieber h\u00e4tte. Er stellte sich auch vor, dass er kurzatmig war und dass er sp\u00fcren konnte, wie sein Herz schlug.<\/p>\n<p>\u201eDie impressionistischen Gem\u00e4lde waren im Jeu de Paume. Eines Tages, als es regnete und Paris \u00fcberall tr\u00fcb und trostlos war und \u2013 ich wei\u00df, dass es sehr dumm klingt \u2013 Paris auch wie eine Art Zauberstadt schien, bin ich allein dorthin gegangen \u2013 zum Jeu de Paume \u2013 fr\u00fcher bin ich irgendwohin allein verschwunden, immer wieder.<\/p>\n<p>\u201eAlso jedenfalls, ich bin zum Jeu de Paume gegangen \u2013 es war eine Art Zufall, glaube ich \u2013 und dort waren sie: diese erstaunlichen Gem\u00e4lde. Ich hatte nie zuvor solche Gem\u00e4lde gesehen. Gro\u00dfe Farbenregen \u2013 Farbenpracht, die so strahlend und klar und intensiv war, dass sie mich packte, wie sonst nichts es je getan hatte. Zum ersten Mal verstand ich, warum gro\u00dfe Gem\u00e4lde gro\u00df sind und warum man dachte, sie sind so sehr wichtig\u201c.<\/p>\n<p>Auf diese Art und Weise sprach er weiter; er konnte sich nicht bremsen. Alles andere war ihm jetzt gleichg\u00fcltig: das, was Ann und Clay von ihm hielten, oder wie l\u00e4cherlich sie ihn vielleicht finden konnten.<\/p>\n<p>Als er redete, starrte er das Feuer im Kamin an, r\u00fcckblickend auf diesen gl\u00e4nzenden Augenblick in der Vergangenheit, wo er das Jeu de Paume zum ersten Mal besuchte. \u201eIch hatte das Gef\u00fchl, dass die ganze Welt sich irgendwie auf irgendeine grundlegende Art und Weise bewegt hat, als es eine tiefe Ver\u00e4nderung in der Natur der Dinge gegeben h\u00e4tte\u201c.<\/p>\n<p>Dann auf einmal hatte er Angst davor, dass er zu viel gesagt haben k\u00f6nnte. Er hielt nochmals inne und lehnte sich auf dem gro\u00dfen wei\u00dfen Sofa zur\u00fcck. Pl\u00f6tzlich aber war er davon \u00fcberzeugt, dass Ann und Clay doch alles verstanden haben m\u00fcssen, oder wollte er glauben, sie haben alles verstanden, und er fuhr fort, \u201eSehen Sie, nachdem ich diese Gem\u00e4lde eine Zeitlang angeschaut hatte, f\u00fcrchte ich beinahe, dass, wenn ich nach drau\u00dfen ging, alles irgendwie anders w\u00e4re, alles anders aussehen w\u00fcrde. Aber dann dachte ich mir, dass alle Menschen diese Gem\u00e4lde auf diese Art und Weise sehen m\u00fcssen. Deshalb h\u00e4ngen sie da.<\/p>\n<p>Das Licht aus dem Kamin tanzte und floss durch das Zimmer. Es erf\u00fcllt alles von seinem Gl\u00fchen \u2013 den beigen Teppichboden und das M\u00f6bel, die edelsteinartigen Farben der Kunstwerke auf den W\u00e4nden, die langen weichen Falten der Vorh\u00e4nge. Und irgendwo f\u00fchrte die Musik von Bach eine Vision weiter aus, die nicht ganz eine Vision einer anderen Welt oder einer anderen Zeit war, aber \u2013 oder so dachte David \u2013 eine Vision, die jeder Welt und jeder Zeit geh\u00f6rte.<\/p>\n<p>\u201eUnd glaubst du das jetzt?\u201c fragte Ann leise. \u201eIch meine, glaubst du immer noch, alle sehen diese Gem\u00e4lde auf dieselbe Art und Weise, wie du sie siehst?\u201c<\/p>\n<p>Das war etwas, wor\u00fcber er nicht nachdenken wollte. Es hatte f\u00fcr ihn zu viele best\u00fcrzende Implikationen. \u201eAber nat\u00fcrlich\u201c, sagte er und versuchte m\u00f6glichst zwanglos zu wirken, \u201eauf diese Art und Weise sieht nicht jedermann. Das wei\u00df ich. Das ist normal. Aber ich bin sicher, dass die meisten Menschen auf dieselbe Art und Weise sehen, wie ich. Die meisten intelligenten oder gebildeten Menschen\u201c. Dann f\u00fcgte er hinzu, \u201eNicht wahr?\u201c<\/p>\n<p>Ann und Clay warfen sich gegenseitig einen Blick zu.<br \/>\n\u2013<br \/>\n\u2013<br \/>\n\u2013<br \/>\n<em><strong>Teil 1, Kapitel 12<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>\u201e&#8230;der Konflikt zwischen Eliteschule und Elternhaus&#8230;, der manchem anderen von seiner Art die Jugendjahre belastet&#8230;und in manchen F\u00e4llen hochbegabte junge Menschen zu schwierigen und problematischen Charakteren macht\u201c.<br \/>\n&#8211;Hermann Hesse<br \/>\nDas Glasperlenspiel<\/em><\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Zeit, als er aufgewachsen ist, gab es ein so gro\u00dfes Gef\u00fchl der Instabilit\u00e4t bei ihnen zu Hause, dass es konnte ihm beinahe k\u00f6rperlich wehtun. Nat\u00fcrlich am Anfang, als er ein Kind war, konnte er diese Instabilit\u00e4t noch nicht ganz wahrnehmen. Er wusste, dass irgendetwas irgendwo schief zu gehen schien, aber er wusste nicht, was das war. Er hatte wirklich keine echte M\u00f6glichkeit, die Familie, in der er ein Mitglied war, mit dem inneren Leben anderer Familien zu vergleichen. Eigentlich dachte er sehr wenig an andere Familien.<\/p>\n<p>Als er aber aufwuchs, zur Schule ging, mit ein paar anderen Sch\u00fclern Freundschaft schloss und sie zu Hause besuchte, begann es, ihm zu scheinen, dass seine Familie nicht ganz \u00e4hnlich wie andere Familien war. Anscheinend wohnten andere Familien in H\u00e4usern, wo es ein dauerndes Gef\u00fchl der W\u00e4rme gab, ein Gef\u00fchl der Solidarit\u00e4t, eine Art Friedlichkeit und vor allem eine Stimmung davon, was er nur als Verst\u00e4ndlichkeit bezeichnen konnte. All das fehlte dem Haus, in dem er wohnte.<\/p>\n<p>Ihm wurde es allm\u00e4hlich bewusst, dass in diesem Haus es immer eine dunkle Bef\u00fcrchtung gab, eine vage Art Verwirrung, als ob nichts das w\u00e4re, was es zu sein schien oder was es sein sollte. Es war, als ob alles etwas anderes werden k\u00f6nnte, sehr leicht und jeden Augenblick, oder es k\u00f6nnte \u00fcberhaupt nichts werden.<\/p>\n<p>Er hatte nie das Gef\u00fchl, dass er materiell benachteiligt war. Das st\u00e4ndiges Gef\u00fchl aber, dass er in einer Familie aufwuchs, die immer am Rand des Zusammenbruchs zu sein schien, verursachte in ihm endlose Angst, Einsamkeit und Hilflosigkeit. Als er nicht mehr Kind war und anfing, Jugendlicher zu sein, sind diese Gef\u00fchle fast \u00fcberw\u00e4ltigend geworden. Er war verzweifelt, und er glaubte, dass er nirgendwo Hilfe finden k\u00f6nnte, au\u00dferdem vielleicht bei Gott \u2013 insofern, als ein Junge wie er irgendetwas \u00fcber Gott wissen konnte. Die Probleme, mit denen er konfrontiert wurde, schienen ihm so enorm, so kompliziert und fast so unl\u00f6sbar, dass er glaubte, dass nur Gott m\u00e4chtig genug w\u00e4re, mit ihnen fertig zu werden. Er glaubte, dass es keine M\u00f6glichkeit g\u00e4be, dass er auf einem rein menschlichen Niveau Hilfe erhalten w\u00fcrde. Er war davon \u00fcberzeugt, dass, wenn Gott ihm Hilfe leistete, Gott ihm durch das Eingreifen eines Priesters zu Hilfe kommen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Manchmal glaubte er, dass, wenn irgendjemand ihm keine Hilfe leistete, er sich in den Ozean des neurotischen Verhaltens seiner armen Eltern einfach aufl\u00f6sen w\u00fcrde. Unter diesen Umst\u00e4nden, schien es ihm nur nat\u00fcrlich zu sein, dass er sich an Gott wenden w\u00fcrde. Er wurde katholisch gro\u00dfgezogen, mindestens im formellen Sinn des Wortes \u201ekatholisch\u201c, und er hat von Gott durch das Lehren der Nonnen erfahren, wie alle anderen Kinder. Als er immer noch sehr jung war, hatten seine Eltern ihn jeden Samstagvormittag zum Katechese-Unterricht gehen lassen, und sie haben daf\u00fcr gesorgt, dass er die Erste Heilige Kommunion empfing und dass er sp\u00e4ter gefirmt wurde. Innerhalb der Familie aber gab es gar keine Ermutigung, seinen Glauben auszu\u00fcben. Sonntags nahmen seine Eltern ihn und seinen Bruder zur Heiligen Messe mit, aber diese k\u00f6rperliche Anwesenheit in der Kirche, als der Priester die Messe hielt, schien der Anfang und das Ende jeder Beziehung zu sein, die die Familie zu Gott vielleicht haben konnten. Als die Zeit verging, begann auch diese entfernte Beziehung nachzulassen, jedenfalls f\u00fcr seine Eltern, und ihre Anwesenheit w\u00e4hrend der Heiligen Messe wurde seltener.<\/p>\n<p>F\u00fcr ihn aber lie\u00df diese Beziehung nicht nach. Und als die gew\u00f6hnlichen \u00c4ngste und Verwirrung und Schwierigkeiten der Jugend vergr\u00f6\u00dfert wurden, durch das unausweichliche Gef\u00fchl, dass seine Familie eine \u00e4u\u00dferst ungl\u00fcckliche Familie sein m\u00fcsse und dass er ein \u00e4u\u00dferst ungl\u00fccklicher Junge sei, dachte er weiter, dass etwas Desastr\u00f6ses passieren w\u00fcrde, wenn er nicht irgendwie, irgendwo, Hilfe von irgendjemandem erhielt. Sehr oft war er sich dessen bewusst, dass er diese Hilfe \u00e4u\u00dferst dringend brauchte.<\/p>\n<p>Ein Grund dazu, dass er sich gezwungen sah, Hilfe zu suchen, war, dass die beherrschende Macht in der Familie bei weitem die Macht seiner armen Mutter war. Vielleicht, in gewisser Hinsicht, ist das bei den meisten Familien der Fall. Wenn aber ja, wird diese Familie gl\u00fccklich sein, nur dann, wenn die Mutter ihre beachtliche Macht darauf verwendet, dass sie ihre Kinder und ihren Mann ermutigt, stark zu sein und ihre v\u00f6lle Gr\u00f6\u00dfe zu erreichen.<\/p>\n<p>Leider in Davids Familie hat seine Mutter nicht auf diese Art und Weise ihre Macht benutzt, was zur Folge hatte, dass das Leben eine Art Albtraum war, f\u00fcr alle anderen im Kreise der Familie.<\/p>\n<p>Sie war eine vielschichtige und intelligente Frau, und auf ihre eigene traurige Art und Weise konnte sie ohne jede R\u00fccksicht agieren, als sie versuchte das zu erreichen, was sie wollte. Ihre Intelligenz aber war eingeengt und unfrei und hatte sich in sich selbst zur\u00fcckgezogen. Diese Intelligenz wurde schlie\u00dflich enorm destruktiv \u2013 auf die eine oder andere Weise vernichtete und ruinierte sie alles, was sie anr\u00fchrte.<\/p>\n<p>Was oder wer hat sie eingeengt und unfrei gemacht? Der Zustand unserer modernen Gesellschaft und deren Erwartungen? Vielleicht, in gewisser Hinsicht. Pers\u00f6nliche Grenzen oder Handikap resultieren oft aus Selbsts\u00fcchtigkeit. Also ist es vielleicht die Gesellschaft, in der wir leben, die diese Grenzen gewissen tragischen und Mitleid erregenden Frauen m\u00f6glicherweise dadurch auferlegen kann, dass diese Gesellschaft die Selbsts\u00fcchtigkeit unterst\u00fctzt, unter der alle Menschen vielleicht leiden, in gewissem Ma\u00dfe. Unsere Gesellschaft kann diese Selbsts\u00fcchtigkeit so weit hervorrufen, dass es nichts im Herzen der armen Frau \u00fcbrig bleibt, <em>au\u00dfer<\/em> Selbsts\u00fcchtigkeit, und es kann eine Art Selbsts\u00fcchtigkeit werden, die sich tarnt und ausdr\u00fcckt, auf tausenderlei geniale Art und Weise, jede davon f\u00fcr all diejenige ung\u00fcnstig, mit denen die Frau in Ber\u00fchrung kommen mag.<\/p>\n<p>Und dann erzeugt Selbsts\u00fcchtigkeit auch andere Eigenschaften der Pers\u00f6nlichkeit: Habgier, zum Beispiel, und die Tendenz zu versuchen, alles und alle in Reichweite zu dominieren.<\/p>\n<p>Er dachte aber, dass es unrecht von ihm w\u00e4re, Frauen wie seine Mutter f\u00fcr ihr Benehmen verantwortlich zu machen. Er sagte sich, wenn das Handeln solcher Frauen die Folge der Grenzen sind, die die menschliche Gesellschaft ihnen setzt, dann sollte die Schuld daran der menschlichen Gesellschaft gegeben werden, und nicht den Frauen. Selbstverst\u00e4ndlich m\u00fcssen M\u00e4nner \u00fcber alle Grenzen hinausgehen, die ihnen auferlegt werden, aber wo es um Frauen wie meine arme Mutter geht, kann man so etwas nicht erwarten. David glaubte, dass Frauen nicht daf\u00fcr verantwortlich sind, \u00fcber die ihnen auferlegten Grenzen hinauszugehen, sondern es ist die Gesellschaft, die daf\u00fcr verantwortlich ist, diese Grenzen zu entfernen. Au\u00dferdem war er davon \u00fcberzeugt, dass, egal welche Fehler die Gesellschaft in Frauen eingepr\u00e4gt haben mag, diese Fehler nicht beachtet werden m\u00fcssen. Er glaubte auch fest, dass Frauen nicht dazu verpflichtet sein sollten, von sich aus die Initiative zu ergreifen und diese Fehler korrigieren; \u00fcberdies muss die Schuld an diesen Fehlern nicht ihnen gegeben werden.<\/p>\n<p>Er glaubte, man konnte seiner Mutter \u00fcberhaupt keine Schuld geben. Sie ist zu bemitleiden, und man muss sie verzeihen und f\u00fcr sie beten, aber man kann ihr keine Schuld geben. David f\u00fcr seinen Teil gab ihr keine Schuld, und als er \u00fcber ihr Verhalten mit anderen Menschen sprach, tat er das, nur um sein eigenes Leben zu erkl\u00e4ren und nicht um ihr die Schuld an irgendetwas zu geben \u2013 und sicherlich nicht um sie zu bezichtigen, etwas Falsches getan zu haben. Au\u00dferdem w\u00fcrde er nie die Art und Weise, wie sie sich benahm, ausnutzen, als eine Erkl\u00e4rung der Fehler, die er in seinem Leben gemacht hat, oder als ein Versuch alles zu rechtfertigen, was er verkehrt gemacht haben mag. Er verstand, dass er es sei, der f\u00fcr alles verantwortlich war, was er tat, er und niemand anders.<\/p>\n<p>Davids Mutter ist in einer Industriestadt in Gro\u00dfbritannien geboren, aber sie sagte oft, dass ihre Familie aus Litauen abgewandert ist, wie die Familie seines Vaters. Er fragte sich oft, ob die Eltern seiner Mutter vielleicht Juden w\u00e4ren, die versuchten, in Amerika integriert zu werden. Auf jeden Fall, wie viele Amerikaner hatte er ein Gef\u00fchl von Verbundenheit mit Juden; er glaubte, es w\u00fcrde immer eine enge Beziehung geben, zwischen dem Schicksal von Amerikanern und dem Schicksal des j\u00fcdischen Volkes.<\/p>\n<p>Die Familie seiner Mutter war bestimmt nicht reich. Seine Mutter pflegte zu sagen, dass die Familie irgendwo im US-Bundesstaat Pennsylvania wohnte und dass Davids Gro\u00dfvater ein im Kohlenbergbau t\u00e4tiger Grubenarbeiter gewesen war. Seine Mutter ist in der Zeit zwischen den Weltkriegen aufgewachsen, als die wichtigsten Dinge der Welt waren: Geld zu haben, die Etikette genau zu wahren und in den richtigen Orten mit den richtigen Leuten zu sein. Auf diese Art und Weise nicht zu leben \u2013 so etwas nicht zu haben oder nicht zu sein oder nicht zu tun \u2013 war f\u00fcr Davids Mutter eine Art von gl\u00fchender Schande, unter der sie ganz furchtbar litt; es war etwas, das sie in der geheimen Tiefe \u2013 wenn man es so ausdr\u00fccken kann \u2013 ihres Herzens empfand.<\/p>\n<p>Anscheinend sch\u00e4mte sie sich fast jeder Sache von ihrem Leben. Sie sch\u00e4mte sich ihrer Eltern, ihrer Herkunft und ihrer ganzen Familie, die sie f\u00fcr ungehobelt und ungebildet hielt. Anscheinend sch\u00e4mte sich die arme Frau auch jeder einzigen Sache von ihrer eigenen Person, aber sie neigte auch zu einer Art von unbeugsamen Hochmut, der sie entschlossen machte, alles in ihrer Pers\u00f6nlichkeit zu \u00fcberwinden, das sie als Charakterfehler sah, koste es, was es wolle. Es sah ganz so aus, als wurde sie von einem unerbittlichen Ehrgeiz getrieben, der in sich vereinigt wurde, mit diesem Instinkt, den sie hatte, f\u00fcr Kontrolle und Vorherrschaft.<\/p>\n<p>Ihre Instinkte und Ambitionen aber, egal wie dunkel diese gewesen sein m\u00f6gen, schienen auf eine seltsame Art und Weise blockiert zu werden, durch gewisse erb\u00e4rmlich verdrehte Elemente ihrer Pers\u00f6nlichkeit, Elemente, \u00fcber die David auch nicht Vermutungen h\u00e4tte anstellen k\u00f6nnen. Sie wurde auch durch die Angst blockiert, immer wieder zum Scheitern verurteilt zu sein. Mit anderen Worten, sie wurde daran gehindert, ihren Instinkten und Ambitionen zu folgen, weil sie sich st\u00e4ndig davor f\u00fcrchtete, zutiefst besch\u00e4mt oder verlegen zu sein.<\/p>\n<p>Trotzdem, wenn sie es versucht h\u00e4tte, als ledige und selbst\u00e4ndige Frau ihre Ambitionen zu verwirklichen, wie etliche Frauen auch von ihrer Generation es bewerkstelligten, h\u00e4tte sie vielleicht wenigstens einen Teil davon erreicht, was \u2013 aus ihrem Gesichtspunkt &#8212; sie wollte. Leider, als sie doch heiratete, wurde ihre Ehe der Inbegriff der Widerspr\u00fcche, die ihr Leben enthielt.<\/p>\n<p>Vielleicht am Anfang hatte sie eine vage Idee, dass sie ihre Ambitionen indirekt, durch die Leistung ihres Mannes, verwirklichen w\u00fcrde; die meisten Frauen ihrer Generation erzogen worden waren, so zu denken. Schlie\u00dflich aber hat sie sich in eine unm\u00f6gliche Lage versetzt, durch ihre Ehe. Sie wollte Reichtum haben und wollte ein angesehenes Mitglied der Gesellschaft sein; sie wollte auch einen Ehemann bekommen, der ihr dieses Reichtum und hohen gesellschaftlichen Status verschaffen k\u00f6nnte. Diese Art Ehemann aber h\u00e4tte \u00fcber eine starke, aggressive Pers\u00f6nlichkeit verf\u00fcgen m\u00fcssen; er h\u00e4tte die Art Mann sein m\u00fcssen, der seine ganze Familie \u2013 darunter seine Frau \u2013 beherrscht und kontrolliert. Selbstverst\u00e4ndlich h\u00e4tte Davids Mutter sich nie erlauben k\u00f6nnen, einen solchen Mann zu heiraten, einem solchen Mann \u2013 oder einem Mann \u00fcberhaupt \u2013 untergeordnet zu sein. Sie war es, die die Familie f\u00fchren m\u00fcsste. Sie \u2013 und nicht ihr Mann \u2013 war es, die immer im Mittelpunkt stehen m\u00fcsste. Sie \u2013 und nicht ihr Mann \u2013 war es, die daf\u00fcr sorgen m\u00fcsste, dass alle anderen Mitglieder der Familie in abh\u00e4ngigem Zustand bleiben w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Aber selbstverst\u00e4ndlich war die einzige Art von Mann, der eine solche Frau heiraten w\u00fcrde, bestimmt nicht ein von Ehrgeiz und Karriere getriebener Mann. Er war kein Mann, der die Ziele von Geld und sozialer Stellung erreichen k\u00f6nnte, die so einer Frau vorschwebten, Ziele, die von zentraler Bedeutung f\u00fcr ihre Vorstellung von Gl\u00fcck waren. Die einzige Art von Mann, den Davids Mutter heiraten konnte, war ein liebensw\u00fcrdiger und gutherziger Mann, den sie leicht b\u00e4ndigen und manipulieren k\u00f6nnte, einen Mann, der mit einem normalen, b\u00fcrgerlichen Lebensstil zufrieden war.<\/p>\n<p>Dieser schreckliche Widerspruch, der im Herzen ihres Lebens und ihrer Ehe lag, scheint manchmal Davids Mutter fast auseinander gerissen zu haben. Das muss die Hauptursache des uns\u00e4glichen Leidens gewesen sein, das sie zu ertragen hatte, und auch die Ursache des Leidens, das sie sich gedrungen f\u00fchlte, anderen zuzuf\u00fcgen.<br \/>\n\u2013<br \/>\n\u2013<br \/>\n\u2013<br \/>\n<em><strong>Teil 1, Kapitel 13<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>\u201eAch, das wei\u00df ich heute: nichts auf der Welt ist dem Menschen mehr zuwider, als den Weg zu gehen, der ihn zu sich selber f\u00fchrt!\u201c<br \/>\n&#8211;Hermann Hesse<br \/>\nDemian<\/em><\/p>\n<p>Wenn die Ehe seiner Mutter ihr unm\u00f6glich war, war sie seinem Vater auch unm\u00f6glich. Im Laufe der Zeit, w\u00fcrde die Situation f\u00fcr sie beide und auch f\u00fcr David fast unertr\u00e4glich.<\/p>\n<p>Auch als Kind, hatte David das Gef\u00fchl, dass er der Familie entkommen wollte. Einmal in der Schule, als er ungef\u00e4hr neun Jahre alt war, mussten alle Sch\u00fcler eine schriftliche Aufgabe ausf\u00fchren, wo sie eine Reihe von unvollendeten S\u00e4tzen vervollst\u00e4ndigen. Einer dieser S\u00e4tze begann, \u201eIch w\u00fcnschte, . . . .\u201c Obwohl es vielleicht andere Kinder waren, die dieselben Gef\u00fchle hatten, wie er, war er wahrscheinlich das einzige, das den dadurch vervollst\u00e4ndigte, dass er schrieb, \u201eIch w\u00fcnschte, ich h\u00e4tte Mut genug, um von zu Hause abzuhauen.\u201c<\/p>\n<p>Die Lehrerin gab ihm die Aufgabe nicht zur\u00fcck, aber nach ein paar Tagen fragte ihn seine Mutter \u2013 die ihn schlie\u00dflich auf ihre eigene besitzergreifende Art und Weise vielleicht liebte \u2013 ob es irgendetwas gab, das ihn ungl\u00fccklich machte. Nat\u00fcrlich sagte er, \u201eNein.\u201c Was h\u00e4tte er sonst sagen k\u00f6nnen? Wenn ein Kind sich mit einem unermesslichen Universum von fast \u00fcberw\u00e4ltigendem Weh konfrontiert sieht, mit einem Gef\u00fchl gro\u00dfen und allgemeinen Elends, das er unm\u00f6glich weder begreifen noch artikulieren kann, was kann er sonst sagen? Wie kann er eine solche Frage beantworten, zumal diejenige, die die Frage stellt, ein und dieselbe Person ist, die \u2013 aus seiner beschr\u00e4nkten Sicht \u2013 als der Urheberin von allem, was bei einem Erwachsenen ein gro\u00dfes Gef\u00fchl von Verzweiflung w\u00e4re, auftaucht, als ob sie eine gigantische Spinne w\u00e4re, die in der Mitte eines Netzes wartete?<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich erlebt ein Kind in einer solchen Situation ein Gef\u00fchl der fast st\u00e4ndigen Angst, eine Vorstellung von Finsternis, die sich nach allen Richtungen ausdehnt, als ob er davon \u00fcberzeugt w\u00e4re, er w\u00fcrde sein ganzes Leben lang nichts anderes tun k\u00f6nnen als trauern.<\/p>\n<p>In diesem Fall, f\u00fcr einen so kleinen Jungen, was genau war die Quelle solchen gro\u00dfen Kummers? Es war ein grenzenloses Gef\u00fchl des Grams und der Traurigkeit, das von seiner armen Mutter flie\u00dfen schien, ihre fest verankerte Schwermut und die rein verr\u00fcckte Art und Weise, auf die sie, eine so bemitleidenswerte Frau, die Welt betrachtete. Sp\u00e4ter, als Erwachsener, konnte er mit ihrem Leid Mitleid empfinden, und mit dessen Ursache, wie auch immer diese Ursache geartet war, aber der kleine Junge, der er damals war, konnte das nicht verstehen, was geschah. Der Junge hasste seine Mutter nicht. Er hatte wirklich keine Angst vor ihr. Er wusste aber, dass sie ihm wehtat, und er wollte aus dem fast tastbaren Gef\u00fchl der Instabilit\u00e4t, das sie erzeugte, fliehen. Ihre Nervosit\u00e4t, ihre Unsicherheit, die st\u00e4ndigen Ver\u00e4nderungen an ihrer Stimmung und Pers\u00f6nlichkeit, all das war f\u00fcr ein Kind \u00fcberw\u00e4ltigend. Noch einmal: sie war bei weitem die dominierende Macht in der Familieneinheit.<\/p>\n<p>Sie war auch die unbezweifelbare Quelle der Spannung mit Davids Vater, und als David in den ersten Teenagerjahren war, wurde diese Spannung zwischen seiner Mutter und seinem Vater immer gr\u00f6\u00dfer. Es gab noch viel mehr Gezanke, die sich mit Perioden abwechselte, wo sie eiskalt gegen einander handelten. Das Benehmen seiner Mutter war manchmal fast hysterisch. Oft, zu einem sp\u00e4teren Zeitpunkt, erinnerte er sich daran, zum Beispiel, dass die arme Frau sich einmal im Keller einschloss und dort stundenlang weinte.<\/p>\n<p>Also sp\u00e4ter, im Laufe der Zeit, begann er sie vor allem als eine \u00e4u\u00dferst ungl\u00fcckliche Frau zu betrachten. Damals aber waren ihre Taten verwirrend, verbl\u00fcffend, und oft ein wenig desorientierend. Wenn er als Kind eine andere Pers\u00f6nlichkeit h\u00e4tte, dann vielleicht h\u00e4tten das unberechenbare Benehmen und die starken Stimmungsschwankungen seiner Mutter kaum einen Eindruck auf ihn gemacht. Dennoch, ob sie wusste, was sie tat, oder nicht, hatte sie ihn von Freunden in seinem eigenen Alter allm\u00e4hlich abgeschnitten. Sie hat ihn meistens auf eine geschickte und wortlose Art und Weise davon abgehalten, mit diesen Freunden umzugehen. Im Ergebnis wurde er verschlossen, isoliert, gehemmt, ein Mensch, der in einer Welt von B\u00fcchern lebte. Unter diesen Umst\u00e4nden wurde seine arme Mutter die einzige bedeutende Person in seinem Leben, da es fast keine andere Person gab, mindestens w\u00e4hrend der entscheidenden Lebensjahre, als er nur den fest geschlossenen und erdr\u00fcckenden Familienkreis um ihn herum hatte.<\/p>\n<p>Es war nicht immer so gewesen. Als er sehr jung war \u2013 vielleicht im Alter von sechs oder sieben Jahren \u2013 gab es Zeiten, als er fast immer drau\u00dfen spielte und erkundete. Er benahm sich immer so wild und frei wie jeder andere Junge in diesem Alter. Oder genauer gesagt, das tat er, bis seine Mutter ihn eines Tages, als er nach Hause kam, dadurch in Schrecken versetzte, dass sie ihm sagte, dass, wenn er wieder allein nach drau\u00dfen ging, die Polizei hinter ihm herkommen und etwas Schreckliches tun w\u00fcrde. Nat\u00fcrlich wurde genau das, was die Polizei tun k\u00f6nnte, nie klargemacht. Von diesem Zeitpunkt an wurde er in jeder Situation au\u00dferhalb der Familie \u2013 und den meisten Situationen innerhalb davon \u2013 immer \u00e4ngstlicher und sch\u00fcchterner.<\/p>\n<p>Also sp\u00e4ter, als seine Mutter, diese Schl\u00fcsselfigur in seiner kleinen Welt, anfing, sich auf eine labile Art und Weise zu verhalten, hatte er anscheinend nichts, was ihm ein Gef\u00fchl der Stabilit\u00e4t geben konnte. Jedes Ereignis und jeder Mensch schienen, voll von gef\u00e4hrlichen Unklarheiten zu sein und bei ihm ein unaufh\u00f6rliches Gef\u00fchl der Besorgnis zu erwecken. Er wusste nicht, an wen er sich um Hilfe wenden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Obwohl er immer sehr gute Noten in der Schule bekommen hatte, und irgendwie gute Noten weiterbekam, hatte er das Gef\u00fchl, dass die Probleme, denen er begegnete, zu gro\u00df und kompliziert, zu tief und schwierig waren, als dass seine Lehrer sie h\u00e4tten verstehen k\u00f6nnen. Er konnte es nicht \u00fcber sich bringen, sogar zu versuchen, mit jedem von ihnen \u00fcber die \u00c4ngste, die Fragen und die Ungewissheiten in seinem Inneren zu diskutieren.<\/p>\n<p>Alles schien so hoffnungslos zu sein.<\/p>\n<p>Und doch brauchte er irgendjemanden, mit wem er sprechen konnte. Manchmal hatte er das Gef\u00fchl, dass, wenn er nicht mit einem anderen Menschen sprach, w\u00fcrde er eine Art Endstadium von Desorientierung erreichen, wovon es keine R\u00fcckkehr gebe. Aber an wen konnte er sich wenden? Er f\u00fchlte sich v\u00f6llig hilflos. Er wollte unbedingt einen Platz finden, wo es Menschen gab, die einen Sinn seiner Existenz verleihen k\u00f6nnten, die ihm dabei helfen w\u00fcrden, eine Welt zu verstehen, die jeden Tag immer sinnloser zu werden schien.<\/p>\n<p>Als er sich aber umsah, verstand er allm\u00e4hlich, dass der Platz, den er suchte, gar nicht so weit weg war. Paradoxerweise war es eigentlich seine Mutter, die, v\u00f6llig ahnungslos, ihm den Pfad dazu zeigte.<\/p>\n<p>Trotz all ihrer Instabilit\u00e4t, war sie anscheinend sicher, er sollte \u2013 irgendwie \u2013 als Katholik erzogen werden. Das war es, das ihn schlie\u00dflich erm\u00f6glichte, den Platz zu finden, den er suchte, den Platz, wo es ihm \u2013 mindestens eine Weile \u2013 schien, dass er einen Sinn f\u00fcr seine Existenz finden k\u00f6nnte, oder den Platz, wo, glaubte er, er den einzigen echten Sinn seiner Existenz finden k\u00f6nnte.<br \/>\n\u2013<br \/>\n\u2013<br \/>\n\u2013<br \/>\n<em><strong>Teil 1, Kapitel 14<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>\u201e \u201aDann gib dir M\u00fche\u2019, fuhr jener fort, \u201adass du so gut seist, wie alle Welt von dir glaubt! Denn viele haben gro\u00dfes Vertrauen zu dir. Darum m\u00f6chte ich dir sagen: Achte, dass in dir nichts anderes sei, als was die Leute von dir erwarten!\u2019 \u201c<br \/>\n&#8211;Franz von Assisi<br \/>\nLegenden und Laude<\/em> <\/p>\n<p>Davids Vater war nicht besonders fromm, aber die Familie war katholisch, also entschiedet sich man daf\u00fcr, dass Davids Mutter und Vater in der katholischen Kirche heiraten w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Da Davids Mutter aber keine Katholikin war, musste sie einen Kurs im Glauben der katholischen Kirche mitmachen und in die Kirche aufgenommen werden, bevor das Paar heiraten konnte.<\/p>\n<p>Davids Mutter hat nie sehr viel \u00fcber ihre Familie gesprochen, und bestimmt nicht viel \u00fcber deren Glauben. Das war ein Thema, das sie anscheinend nicht besprechen wollte. David hatte wirklich keine Ahnung davon, welche Religion die Familie seiner Mutter praktizierte, oder welche Rolle Religion bei ihrem Denken spielte, bevor sie Katholikin wurde.<\/p>\n<p>Weil sie immer so schweigsam war, wo es um dieses Thema ging, fragte er sich oft, ob es etwas gab, das sie verbergen wollte. Er fragte sich, zum Beispiel, ob die Familie m\u00f6glicherweise h\u00e4tte j\u00fcdisch sein k\u00f6nnen. Wie die Zeit verging, schien es ihm eindeutig, dass sie irgendwann \u2013 vielleicht als sie nach Amerika auswanderten, vor dem Ersten Weltkrieg \u2013 die Entscheidung getroffen haben, in die moderne, amerikanische Gesellschaft komplett integriert zu werden. Die einzige Unterst\u00fctzung, die er f\u00fcr eine solche Idee hatte, war etwas schwach, aber aus dieser Unterst\u00fctzung konnte er einen klaren Schluss ziehen \u2013 oder so dachte er. Das, was er bemerkt hatte, war die Tatsache, dass die Familie seiner Mutter neigte dazu, bestimmtes Nahrungsmittel immer vorzuziehen, die Tatsache, dass in Amerika die Familie sich f\u00fcr eine kirchliche Gemeinschaft entschieden hatte, deren w\u00f6chentlicher heiliger Tag nicht Sonntag war, sondern Samstag, und die Tatsache, dass viele Juden Litauen verlassen hatten, wegen religi\u00f6ser Verfolgung. Es gab auch die Tatsache, dass es f\u00fcr ihn so sehr angenehm war, mit Juden zu sprechen und das Gef\u00fchl zu haben, dass diese ihn auf irgendeine tiefsinnige Art und Weise verstanden, genauso wie er sie verstand. Andererseits ist es m\u00f6glich, dass Davids Gro\u00dfeltern m\u00fctterlicherseits in irgendeine dissidente politische Aktivit\u00e4t verwickelt waren und das Land verlassen mussten.<\/p>\n<p>Es ist auch m\u00f6glich, vielleicht, dass beide Eventualit\u00e4ten der Wahrheit entsprachen: Davids Gro\u00dfeltern h\u00e4tten Juden sein k\u00f6nnen, die in dissidente politische Aktivit\u00e4t verwickelt waren und das Land verlassen mussten.<\/p>\n<p>Wie dem auch sei, Davids Gro\u00dfeltern m\u00fctterlicherseits waren arme Einwanderer, die anscheinend nicht die Frage der Religion ernst nahmen, entweder weil sie den Glauben verloren hatten \u2013 welchen Glauben sie auch haben mochten \u2013 oder weil sie weder die Zeit noch die inneren Reserven hatten, um sich mit solchen Angelegenheiten zu befassen. Ihre Religion, sozusagen, war vielleicht einfach der Versuch, zu \u00fcberleben.<\/p>\n<p>Als Davids Mutter aber Katholikin wurde, war sie in Bezug darauf aufrichtig, und auch fromm. Tats\u00e4chlich schien es ihm oft, dass sie sich vielleicht auf ihre eigene Art und Weise sehr angestrengt habe, der Lehre der Kirche zu befolgen, so gut wie sie es im Laufe ihres Lebens tun konnte, mindestens zum Gro\u00dfteil. Wenn sie versagte, vielleicht war der einzige Grund dazu, dass sie \u00fcberw\u00e4ltigt war, vom Materialismus und Selbsts\u00fcchtigkeit der Gesellschaft, in der sie lebte. Sie schien aber fest entschlossen zu sein, ihre Kinder als Katholiken gro\u00dfziehen zu versuchen, egal welche Ver\u00e4nderungen oder Umw\u00e4lzungen in ihrem eigenen Leben stattfinden k\u00f6nnten. Vielleicht hat sie das getan, weil sie der aufrichtigen \u00dcberzeugung war, dass sie das tun m\u00fcsste, oder vielleicht hat sie es getan, weil, so wie viele Juden, die sich bekehrt haben (wenn sie tats\u00e4chlich Judin gewesen war), betrachtete sie die katholische Kirche als eine m\u00e4chtige Kraft, und sie wollte auf der Seite dieser Kraft stehen.<\/p>\n<p>Als es Zeit war, f\u00fcr David zum Kindergarten zu gehen, wurde er zu einer teuren katholischen Schule geschickt, wo die Nonnen \u2013 wie er sich an sie sp\u00e4ter erinnerte \u2013 immer liebensw\u00fcrdig und gutherzig waren. Besonders eine davon schien ihn sehr zu m\u00f6gen, und viel sp\u00e4ter wollte er denken, dass sie einer der Menschen war, deren Gebete ihn irgendwie daran gehindert hatten, sich selbst und sein Leben v\u00f6llig zu vergeuden; sie war vielleicht auch durch ihre Gebete einer der Menschen, die ihm geholfen hatten, schlie\u00dflich zu \u00fcberleben.<\/p>\n<p>Obwohl er wusste, dass es eine ziemlich banale Idee sei, als er an diese Nonne dachte, erinnerte er sich daran, dass sie m\u00f6glicherweise einigen der gr\u00f6\u00dften Heiligen \u00e4hnlich h\u00e4tte sein k\u00f6nnen. Diese sind vielleicht genau die Menschen, die wir sehr wenig beziehungsweise \u00fcberhaupt nicht kennen, die gar keine sichtbare Spur ihrer Existenz hinterlassen, deren Leben und Einfluss verborgen und unbekannt sind. Er wusste, dass er sie wahrscheinlich idealisiere, aber er wollte glauben, dass sie so ein Mensch sei, weil dann es die M\u00f6glichkeit gibt, dass sie f\u00fcr ihn sein ganzes Leben lang beten w\u00fcrde. Bis ans Ende. Er meinte, er w\u00fcrde das brauchen.<\/p>\n<p>Aber nat\u00fcrlich als Kind, dachte er nicht \u00fcber diese Sachen nach. Als Kind, wenn er sich Gedanken \u00fcber Religion machte, muss er sie auf dieselbe Art und Weise betrachtet haben, mehr oder weniger, wie fast alle Kinder es tun. Seine Eltern brachten ihn und seinen Bruder zur heiligen Messe in die Kirche neben dem Kindergarten, den er besuchte, und er sah die Messe durch die verst\u00e4ndnislosen Augen eines Kindes. . Er war \u2013 oder so ging er davon aus, Jahre sp\u00e4ter \u2013 oft unruhig w\u00e4hrend der Messe, wie so oft kleine Kinder es sind. Aber es gab einen Teil der Feier, auf den er sich jede Woche freute, und er betrachtete diesen Teil als eine Art von Belohnung daf\u00fcr, dass er die langen und anscheinend ereignislosen Momente hindurch warten musste. Das, worauf er sich freute \u2013 obwohl er es damals nicht nennen konnte \u2013 war die Lesung des Evangeliums. Im Alter von sechs oder sieben Jahren konnte er bestimmt nicht die Bedeutung davon begreifen, was er h\u00f6rte. Er wusste nur, dass es eine Art interessante Geschichte gewesen sei, etwas, das ihn fesselte, weil es irgendwie einnehmend und auch unterhaltsam war.<\/p>\n<p>Trotz allem, gab es eine Lesung aus dem Evangelium, insbesondere, dass er nie vergessen w\u00fcrde, in all den darauf folgenden Jahren. Ob er die Bedeutung wirklich erfasste, das erste Mal, wo er die Lesung h\u00f6rte, oder ob er sie zu verstehen begann, nur nach etlichen Lesungen, das kann er jetzt nat\u00fcrlich nicht wissen. Er hat aber immer gedacht, dass diese Erinnerung vielleicht wichtig sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Es ging um das Gleichnis, das sich auf den S\u00e4mann bezieht. Ein Mann ging aus, um K\u00f6rner auszus\u00e4en, und als er s\u00e4te, die K\u00f6rner fiel auf verschiedene Sorten von Erde, aber es war nur die K\u00f6rner, die auf guten Boden fielen und Frucht brachten.<\/p>\n<p>David nie genau wusste, wie alt er war, als er das Gleichnis wirklich verstand. Aber egal, ob er im Alter von sechs oder zehn oder zw\u00f6lf war, das, was er verstand, war, dass er wollte unbedingt diesem guten Boden zu \u00e4hneln. Er wollte, dass ein Teil der K\u00f6rner auf seine Seele fallen und gedeihen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Er erinnerte sich daran, dass er in all den langen Jahren, die nachkamen, pflegte sich immer wieder zu denken, \u201eWenn nicht jetzt, Herr, wann?\u201c Und er hoffte, dass die Nonne immer noch f\u00fcr ihn betete.<br \/>\n&#8211;<br \/>\n&#8211;<br \/>\n&#8211;<br \/>\n<em><strong>Teil 1, Kapitel 15<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>\u201eIch habe so ein unbestimmtes Gef\u00fchl, dass alles gut ausgehen wird. Ich freue mich ma\u00dflos auf den Tag, da alles vergessen sein wird und ich wieder ein anderer Mensch sein werde. Mein ganzer K\u00f6rper, jede Sehne, jede Ader sehnt sich nach Leben, ich muss meine Kraft ausnutzen\u201c.<br \/>\n&#8211;Hans Scholl<br \/>\nBriefe und Aufzeichnungen<\/em><\/p>\n<p>Nach der Kindergartenzeit, gab es mehrere Jahre, wo er sich fast ausschlie\u00dflich des Aufruhrs und Durcheinanders bewusst war, die in den Beziehungen zwischen allen Familienmitgliedern, ihm und seinem Br\u00fcder und seiner Mutter und seinem Vater, existierten.<\/p>\n<p>Jahre sp\u00e4ter w\u00fcrde er sich nicht daran erinnern k\u00f6nnen, dass er in dieser Zeit die Heilige Messe besucht h\u00e4tte, obwohl er das getan haben muss. Eigentlich w\u00fcrde er sich an nichts erinnern k\u00f6nnen, was damals, zu diesem Zeitpunkt in seinem Leben, mit der Kirche zu tun h\u00e4tte. Nur an Konflikt und Schmerzen konnte er sich erinnern.<\/p>\n<p>Seine Erinnerungen aber waren bruchst\u00fcckhaft: seine Mutter, als sie schrie und mit einer Nachbarin stritt; die Familie, als sie ihr warmes und angenehmes Zuhause verlassen musste, weil \u2013 dies erf\u00fchr er sp\u00e4ter \u2013 sein Vater keine Arbeit mehr hatte; und dann nochmals die Familie, als sie in ein winziges, heruntergekommenes Haus in einer armen Gemeinde einzog, einem Vorort von Cleveland, in der N\u00e4he vom Eriesee, wo es immer Winterzeit zu sein schien und wo seine Mutter st\u00e4ndig sehr traurig wirkte. Er erinnerte sich auch daran, als kleines Kind allein im Haus gelassen zu werden, als er auf seine Mutter wartete, und er selbst war damals traurig und er weinte, weil sie nicht da war.<\/p>\n<p>Auch erinnerte er sich, an eine Buchreihe, die auf den B\u00fccherregalen im kleinen Wohnzimmer stand. Irgendwo hatten sich seine Eltern die gesammelte Ausgabe von Mark Twain erworben, und lange bevor er diese B\u00fccher lesen konnte, pflegte er, die darin erhaltenen Abbildungen anzuschauen und \u00fcber die merkw\u00fcrdigen und wunderbaren M\u00f6glichkeiten nachzudenken, wovon diese Illustrationen voll zu sein schienen. Die Geschichten verstand er gut genug, um Tom Sawyer und Huck Finn um ihre Leben zu beneiden, weil f\u00fcr ihn die Leben dieser Jungen Freiheit und das Mysterium des Abenteuers verk\u00f6rperten. Er w\u00fcnschte, dass auch er jene Art von Leben f\u00fchren konnte; er w\u00fcnschte, dass er eine H\u00f6hle erforschen oder auf einem langen und anscheinend endlosen Fluss segeln konnte, bis er das Meer erreichte.<\/p>\n<p>Doch auf irgendeine Art und Weise f\u00fchrte er genau jene Art von Leben, das er sich w\u00fcnschte, und von der Zeit, wo er sehr jung war, f\u00fchrte er es. Es stellte sich aber heraus, dass die H\u00f6hlen tiefer und entsetzlicher waren, und der Fluss l\u00e4nger und seltsamer, als jeder Fluss, den die Helden von Mark Twain erlebt haben.<\/p>\n<p>Nachdem er eigentlich begann, Twains B\u00fccher zu lesen, begann er andere B\u00fccher auch anzuschauen; obwohl einige davon nat\u00fcrlich einfache Versionen f\u00fcr Kinder oder junge Leute waren. Er las B\u00fccher, wie die Geschichte von Robinson Crusoe, die ihm vielleicht irgendwie half, die Welt und die Art und Weise, wie er sie erlebte, zu verstehen: das Alleinsein eines Menschen, der auf einer einsamen Insel verlassen wurde, oder die einsame Insel, die seine Familie war, oder die Einsamkeit des menschlichen Herzens. Auch damals hatte er fast keine Freunde. Er f\u00fchlte sich unbeholfen und sch\u00fcchtern \u2013 zwei Merkmale, die er in jungen Jahren erworben hatte und die er jetzt nicht loswerden konnte, Merkmale, die er wahrscheinlich mit sich ins Grab nehmen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Die Sch\u00fcchternheit wurde anscheinend durch das Gef\u00fchl von Nichtsnutzigkeit verursacht, das seine Mutter ihm v\u00f6llig ahnungslos vermittelt hatte, sogar als er Junge war.<\/p>\n<p>Davids Unbeholfenheit stammte von seinem armen Vater, dem das Leben im Allgemeinen und vor allem Davids Mutter das Gef\u00fchl der Unzul\u00e4nglichkeit gegeben hatten. Die einzige Quelle der Selbstachtung, die Davids Vater hatte, stammte daraus, dass er David \u00fcberlegen f\u00fchlen konnte: David h\u00e4tte so wenige Freunde, David w\u00e4re so sehr unbeholfen, David sei oft von anderen Kindern und auch manchmal von Lehrern schikaniert geworden.<\/p>\n<p>Das Bed\u00fcrfnis, das Davids armer Vater nach Selbstachtung hatte, und sein Bed\u00fcrfnis danach, David \u00fcberlegen zu f\u00fchlen, waren in verschiedener Weise deutlich: in emotionaler K\u00e4lte, in Wutausbr\u00fcchen und im Spott, den er auf David richtete, insbesondere wenn David aufzeigte, wie unbeholfen er sein konnte.<\/p>\n<p>Der arme Mann war so verletzt worden, dass, anstatt David zu helfen, irgendeine athletische F\u00e4higkeit zu entwickeln oder mindestens ihm dazu zu ermuntern, er zumeist \u00fcber David nur spotten konnte. Offenbar nur so konnte er mit seinem eigenen Gef\u00fchl der Wertlosigkeit umgehen.<\/p>\n<p>Gleichzeitig wurde Davids Unf\u00e4higkeit, Sport gut zu treiben, von seiner armen Mutter sorgf\u00e4ltig gen\u00e4hrt. Es wurde ihm auf unz\u00e4hlige Arten und Weisen von dieser bemitleidenswerten Dame mitgeteilt, dass alle Sportarten schlie\u00dflich eine echte Zeitverschwendung seien. Also war er unf\u00e4hig alle wichtigen sozialen und psychologischen Kenntnisse zu erwerben, die Sporttreiben bieten kann. Wahrscheinlich wusste seine Mutter nicht, was sie tat, aber auf diese Weise konnte sie ihn von gleichaltrigen Freunden trennen, w\u00e4hrend sie gleichzeitig ihren eigenen tristen Hunger nach Zuneigung f\u00fctterte und diesen Hunger zu verzehrendem Besitzdenken einwickeln lie\u00df.<\/p>\n<p>Sie auch, genauso wie Davids Vater, hatte immer noch ernsthafte Probleme mit ihrem Selbstwertgef\u00fchl, aber sie ging auf subtilere Art und Weise mit diesen Problemen um. Anstatt Davids Gef\u00fchl seines eigenen Wertes unmittelbar anzugreifen, wie sein Vater es tat, h\u00f6hlte sie es dadurch aus, dass sie in dauernden Wettbewerb mit ihm, ihrem Kind, zu treten begann. Ihr Ziel wurde es, ihm immer und immer wieder zu zeigen, wie viel intelligenter, st\u00e4rker, erfolgreicher und schlie\u00dflich reicher sie war, als er nicht einmal h\u00e4tte hoffen k\u00f6nnen, zu sein. Schlie\u00dflich ist sie eine dieser armen, traurigen Frauen geworden, die jeden Menschen in Reichweite fressen, sozusagen \u2013 insbesondere die M\u00e4nner \u2013 als sie versuchen, ihre endlosen \u2013 und endlos leidvollen und selbsts\u00fcchtigen \u2013 Hunger danach zu stillen, eine wichtige Person zu sein. Und weil ihr eigener Sohn, David, in unmittelbarer Reichweite war, haben all diese blinden Impulse, denen sie hilflos ausgeliefert war, ihn fast vernichteten.<\/p>\n<p>Viele Jahre sp\u00e4ter w\u00fcrde David sich fragen, ob seine Mutter und sein Vater alle Implikationen davon verstanden, was sie taten. Er w\u00fcrde zum Schluss kommen, dass sie nat\u00fcrlich nichts verstanden. Er w\u00fcrde allm\u00e4hlich sehen, dass seine Eltern nur das taten, was die meisten Menschen tun, wenn sie Schmerzen und Elend haben. Sie versuchen sehr oft anderen Menschen dasselbe Schmerzen zuzuf\u00fcgen. Diese anderen Menschen sind normalerweise diejenigen, die am n\u00e4chsten stehen und die die Verwundbarsten sind, ihre eigenen Kinder.<\/p>\n<p>Es ist aber f\u00fcr diese Kinder m\u00f6glich, zu \u00fcberleben, auch zu gedeihen und Menschen zu werden, deren Leben von gro\u00dfem Wert sind, trotz ihrer horrenden Kindheiten.<\/p>\n<p>Als David sich schlie\u00dflich bem\u00fchte, nach vielen Jahren, die Geschichte seines Lebens niederzuschreiben, nahm er an, dass er einen einzigen Grund daf\u00fcr hatte. Er wollte versuchen, jedem, der diese Geschichte lesen w\u00fcrde, jedem, der vielleicht gelitten hatte, wie er, zu erz\u00e4hlen, dass man \u00fcberleben kann und dass man anderen Menschen die schreckliche Zerst\u00f6rung verzeihen kann, die diese Menschen \u2013 auch wenn es um seine Mutter und seinen Vater geht \u2013 in seinem Leben verursacht haben m\u00f6gen.<\/p>\n<p>David fing an, auch zu glauben, dass es m\u00f6glich sei, dass, wenn man doch \u00fcberlebt, der Grund daf\u00fcr vielleicht sein k\u00f6nnte, dass Gott irgendwo existiert und dass er irgendwie geholfen hat, egal ob jemand das wei\u00df oder es glaubt.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich kam David zu dem nicht sehr \u00fcberraschenden Schluss, den Schluss, zu dem viele Leute gekommen sind, dass die Menschen vielleicht einen Fehler machen, wenn sie ihre Ansicht des Universums darauf einschr\u00e4nken, was man durch Wissenschaft und Vernunft beweisen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Obwohl er als Erwachsener so zu denken begann, blieb all das vage und diffus, als er Kind war.<\/p>\n<p>In seiner Kindheit, besch\u00e4ftigten ihn andere Anliegen. Er verstand, dass etwas beim Verhalten seiner Eltern schrecklich falsch gelaufen sei, aber er f\u00fchlte sich nicht in der Lage, etwas dagegen zu unternehmen. Er f\u00fchlte sich eigentlich hilflos. Er war schlie\u00dflich nur ein Kind. \u00dcber Jahre hinweg, zum Beispiel, w\u00fcrde er sich an die fast blendende Klarheit eines Nachmittags erinnern, wo er mit einer Art Entsetzen ein Dokumentarspiel im Fernsehen anschaute, wo die Schauspieler Familienverh\u00e4ltnisse schilderten, die den exakt gleichen Verh\u00e4ltnissen \u00e4hnelten, in denen er sich befand. Er muss ungef\u00e4hr zehn oder zw\u00f6lf Jahre alt gewesen sein und er sah zu, erschrocken und gebannt, wie die Mutter auf dem Bildschirm einen aggressiven, beherrschenden Charakter und eine intensiv besitzergreifende Einstellung zu ihren Kindern zeigte, genauso, wie seine eigene arme Mutter es tat. Andererseits war der Vater sanftm\u00fctig und unterw\u00fcrfig gegen\u00fcber seiner Frau, genauso wie Davids Vater.<\/p>\n<p>Die Sendung betonte, dass in einer solchen Familie die S\u00f6hne entweder \u00fcberaus passive oder aber wild aggressive Menschen w\u00e4ren, wenn sie aufwachsen. Als David die Sendung anschaute, hatte er das Gef\u00fchl, dass seine ganze Gegenwart und vielleicht auch seine Zukunft vor seinen Augen ausgespielt wurden.<\/p>\n<p>Diese Erfahrung war sogar erschreckender, weil er nur ein Kind war und an nichts anderes denken konnte, am Ende der Sendung, als zu seiner Mutter zu laufen und zu versuchen, immer wieder verzweifelt zu sagen, \u201eDas ist es, was geschehen wird. Du kannst sehen, wie ungl\u00fccklich ich sein werde.\u201c<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich aber konnte er das nicht tun. Zum einen wusste er nicht einmal, wie er die Worte finden k\u00f6nnte, um alles zu erkl\u00e4ren, was er gerade im Fernsehen gesehen hatte.<\/p>\n<p>Also, im Alter von etwa zehn Jahren, f\u00fchlte er sich angesichts der Hoffnungslosigkeit seiner ganzen Situation v\u00f6llig \u00fcberfordert.<br \/>\n&#8211;<br \/>\n&#8211;<br \/>\n&#8211;<br \/>\n<em><strong>Teil 1, Kapitel 16<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>\u201eDoch besonders bezeichnend ist es, dass der R\u00fcckschlag, der die Wiederherstellung, die Rettung zur Folge hat, immer ernster ist als der erste Sto\u00df, der ihn zur Verneinung und Selbstvernichtung treibt. Jene erste Anwandlung ist eben immer eine Art kleinm\u00fctiger Erschlaffung, w\u00e4hrend der R\u00fcckschlag mit der Wiederherstellung und Rettung aus eigener Kraft immer etwas Gro\u00dfes ist, dem sich der\u2026Mensch mit der gr\u00f6\u00dften, gewaltigsten und ernstesten Anstrengung hingibt\u201c.<br \/>\n&#8211;Fjodor Dostojewski<br \/>\nTagebuch eines Schriftstellers<\/em><\/p>\n<p>Ungef\u00e4hr zur gleichen Zeit, hatte Davids Mutter den seltsamen Wunsch \u2013 seltsam, wegen all dem, was sp\u00e4ter geschehen ist \u2013 ungef\u00e4hr zur gleichen Zeit hatte Davids Mutter den seltsamen Wunsch, ihn als Katholik aufziehen zu lassen. Also lie\u00df sie ihn f\u00fcr eine Katechismus-Klasse einschreiben, die jeden Samstag stattfand, damit er sich auf seine Erstkommunion und Firmung vorbereiten k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Je mehr David dar\u00fcber nachdachte, sp\u00e4ter im Leben, desto mehr verwunderte es ihn, dass der Glaube damals so wichtig f\u00fcr seine Mutter war, dass sie ihn dazu bringen wollte, diese Sakramente zu empfangen, denn sie schien schlie\u00dflich, einige Jahre sp\u00e4ter, fast keinen religi\u00f6sen Glauben mehr zu haben. Oder vielleicht versuchte sie, mindestens unbewusst, mit Gott zu handeln: \u201eIch werde ihn katholisch aufziehen, aber dann erwarte ich, dass du das tun wirst, was ich von dir verlange.\u201c<\/p>\n<p>Andererseits ist es m\u00f6glich, dass sie ihn zu diesen Katechismus-Klassen schickte, weil sie doch irgendeinen einfachen Glauben an die Lehren der katholischen Kirche hatte. Vielleicht hatte Davids arme Mutter, auf ihre seltsame Art und Weise, irgendeine vage Vorahnung davon, dass er so viel Hilfe wie m\u00f6glich brauchen w\u00fcrde, um mit den unvermeidbaren Schwierigkeiten des Lebens umzugehen. Vielleicht hat sie es irgendwie gesp\u00fcrt \u2013 mindestens unbewusst \u2013 wie viel Schw\u00e4rze und Verwirrung am Horizont f\u00fcr ihn lauert, und deshalb dachte sie, dass sie es ihm erm\u00f6glichen m\u00fcsste, irgendeinen Ausweg irgendwann zu finden. Als er Jahre sp\u00e4ter dar\u00fcber nachdachte, wusste er, dass all das ziemlich unwahrscheinlich war, aber trotzdem wollte er denken, dass es irgendwie wahr sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Auf jeden Fall, wenn irgendetwas ihn schlie\u00dflich rettete, vor all dem Chaos, das die Versuche der armen Frau, ihn zu besitzen und kontrollieren, verursachten, w\u00fcrde es diese kleine Entscheidung sein, die sie selbst getroffen hat, ihn zum Katechismus-Unterricht zu schicken.<\/p>\n<p>Anscheinend ab und zu passiert es auf diese Art und Weise: diejenigen, die uns den gr\u00f6\u00dften Schaden zuzuf\u00fcgen, uns sehr oft \u2013 ob sie es wissen oder nicht \u2013 einen Ausweg lassen, uns erm\u00f6glichen, ihre Versuche zu vermeiden, uns zu verletzen. Wir werden vielleicht eine gewissen Intelligenz brauchen, um diesen Ausweg zu finden, und viel Mut um ihn einzuschlagen, aber es kann sein, dass das, was wir Vorsehung nennen, uns mit allem versorgen wird, das wir brauchen, um zu \u00fcberleben.<\/p>\n<p>Wo es aber um diesen w\u00f6chentlichen Religionsunterricht ging, am dramatischsten war die Tatsache, dass das, was passierte, \u00fcberhaupt nichts sehr Dramatisches war, oder so schien es. Er lernte aber von den Nonnen, dass es normalerweise solche Augenblicke sind \u2013 Augenblicke, wo nichts Wichtiges anscheinend geschieht \u2013 die Gott ausw\u00e4hlt, um irgendeine besonders gro\u00dfe Ver\u00e4nderung zu verursachen, soweit es unsere Leben betrifft.<\/p>\n<p>Und so war es f\u00fcr David, zu dieser Zeit.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Monate vergingen, \u00e4nderte ihn f\u00fcr immer alles, was allm\u00e4hlich in sein Bewusstsein r\u00fcckte, infolge dieses Katechismusunterrichts. Denn, nahezu ohne es zu wissen, begann er \u2013 auch durch die Augen eines Kindes \u2013 in seinem Glauben einen geistlichen und intellektuellen \u201eOrt\u201c von Best\u00e4ndigkeit und Geborgenheit zu sehen, einen \u201eOrt\u201c, wo alles sinnvoll war, wo auch Leid sinnvoll war.<\/p>\n<p>Obwohl er den Verstand eines Kindes hatte \u2013 oder vielleicht <em>weil<\/em> er den Verstand eines Kindes hatte \u2013 konnte er anfangen, ein wenig davon nachzuvollziehen, was die Nonnen ihm und den anderen Kindern \u00fcber die Leiden Christi vermittelten. Sp\u00e4ter im Leben w\u00fcrde er sich immer an einem Nachmittag erinnern, wo er in der Katechismus-Klasse war und pl\u00f6tzlich erfuhr er, wie schmerzhaft es gewesen sein muss, wenn die H\u00e4nde und F\u00fc\u00dfe durch N\u00e4gel durchgebohrt werden. Und genauso pl\u00f6tzlich \u2013 er musste es zugeben \u2013 f\u00fchlte er sich enorm dadurch erleichtert, dass er sicher sein k\u00f6nnte, dass er nie auf diese Art und Weise leiden muss.<\/p>\n<p>Teresa von Avila schrieb \u2013 in einem Abschnitt, den eine der gr\u00f6\u00dften englischen Romanschriftstellerinnen auf unserer Literatur unausl\u00f6schlich eingepr\u00e4gt hat \u2013 Teresa von Avila einmal schrieb, dass, als Kind, sie sich nach dem M\u00e4rtyrertod sehnte. David aber sehnte danach, einen solchen Tod zu vermeiden, und h\u00e4tte zugegeben, dass er das immer getan hatte. Er dachte immer sehr gern aber, dass es die Gebete der Heiligen Teresa war, die ihn dazu gebracht hatten, diese Tatsache zu verstehen: Die kleinen Martyrien, die wir jeden Tag durchleiden, k\u00f6nnen eine Quelle einer gewissen Freude sein. Nat\u00fcrlich klingt eine solche Idee wirklich dumm, in der Welt, in der wir heute leben. Schlie\u00dflich aber begann er zu glauben, auf Gedeih und Verderb, dass es in diesen Momenten war, dass die Sehnsucht nach dem Sinn der Existenz gestillt werden kann, weil es in diesen Momenten ist, schien es ihm, dass wir alle miteinander und mit unserem endg\u00fcltigen Schicksal wie verwoben sind.<\/p>\n<p>Ob die Nonnen den Kindern, die sie unterrichteten, diese Idee irgendwie vermitteln konnten, oder ob David all das sp\u00e4ter erfuhr, glaubte er, dass es kein anderes langfristiges Ziel, keinen anderen Sinn seines Lebens gab, der ihm wirklich einleuchtete. Langfristig zu denken aber, auf eine anhaltende Art und Weise, das konnte er nicht tun. Er musste das zugeben.<\/p>\n<p>Als er sein kindisches Gef\u00fchl der Erleichterung sp\u00fcrte, dass er nicht leiden m\u00fcsste, wie Christus gelitten hat, vielleicht erahnte er auch gleichzeitig, dass er tats\u00e4chlich irgendetwas irgendwann leiden m\u00fcsste, das ihm Schmerzen zuf\u00fcgen w\u00fcrde. Allm\u00e4hlich aber begann er zu glauben, dass, ganz gleich was f\u00fcr ein Leiden dies schlie\u00dflich werden mag, es einen Sinn haben w\u00fcrde, auch wenn er selbst vielleicht nicht diesen Sinn erkennen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Als er endlich zu verstehen begann, anscheinend, dass das Leiden irgendeinen Sinn haben k\u00f6nnte, im Rahmen eines Glaubens, der das \u00fcberschreitet, was wir \u00fcber die materielle Welt wissen k\u00f6nnen, war es zu einem Zeitpunkt, als alles, was um ihn herum lag, und das Leben selbst, sinnlos zu scheinen anfingen. Er konnte aber dieses Gef\u00fchl von Zwecklosigkeit daran hindern, ihn zu zerst\u00f6ren, weil er irgendwie die Gewissheit erworben hatte, dass die Antwort auf die Frage, \u201eWarum existiere ich?\u201c furchtbar einfach war, obwohl auch undurchdringlich mysteri\u00f6s. Es war die Antwort, die die Nonnen gelehrt hatten, die Antwort, die er erst nach vielen Jahren verstand: \u201eGott hat mich erschaffen, um Ihn zu kennen, Ihn zu lieben, und Ihm zu dienen in dieser Welt, und um gl\u00fccklich mit Ihm zu sein, f\u00fcr immer, im Himmel.\u201c<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich klingt das einfach, und tats\u00e4chlich ist es einfach, und f\u00fcr viele Leute wird es sogar einf\u00e4ltig klingen. F\u00fcr David aber war diese Meinung anderer Leute nicht wichtig; er hatte immer gedacht, dass die gr\u00f6\u00dften Wahrheiten so seien. Die scheinen einfach, auch zu einfach, und wenn wir nicht das verstehen k\u00f6nnen, was sie implizieren \u2014 oder wenn wir nicht imstande sind, zu versuchen, ihre Implikationen auszuleben \u2014 k\u00f6nnen sie sich \u00e4u\u00dferst dumm anh\u00f6ren: \u201eIch bin der ich bin.\u201c \u201eEnergie ist gleich Masse mal Lichtgeschwindigkeit zum Quadrat.\u201c \u201eAlle Menschen werden gleich erschaffen.\u201c \u201eEs ist nicht m\u00f6glich, den Ort und den Impuls eines Quantenobjektes gleichzeitig exakt zu messen.\u201c<\/p>\n<p>David glaubte \u2013 und er wurde deswegen oft ausgelacht \u2013 dass, wenn wir keine Einsicht oder keine Vorstellungskraft in die Waagschale werfen, der Reichtum des Sinnes \u00fcberall unsichtbar ist, egal ob es um das Leben geht, oder um Literatur, um Wissenschaft oder um sonst etwas. Und wo es sich um den Glauben handelte, und den Sinn des Lebens, was ist, wenn wir Einsicht haben und trotzdem es unm\u00f6glich finden, an etwas zu glauben? Die Nonnen haben David das gelehrt, was der Heilige Augustinus einmal sagte \u2013 und dies k\u00f6nnte die allereinf\u00e4ltigste Wahrheit \u2013 wenn wir um Glauben bitten, wird Gott ihn uns geben.<\/p>\n<p>Ab und zu fragte er sich, ob es sich nur um Selbstt\u00e4uschung handele, und er wusste, dass das m\u00f6glicherweise der Fall sei. Ja, so k\u00f6nnte es sein, au\u00dfer dass er wusste, dass die Nonnen sagen w\u00fcrden, dass es Menschen gibt, die aus Erfahrung sprechen, und diese sagen uns, Gebete k\u00f6nnen auf eine Art und Weise erh\u00f6rt werden, die jede erdenkliche Selbstt\u00e4uschung ausschlie\u00dft \u2013 oder besser gesagt, \u00fcberschreitet.<\/p>\n<p>All das aber hat er viel sp\u00e4ter erfahren. Als Kind und als \u2013 vielleicht naiver \u2013 junger Mann, gen\u00fcgte es ihm, sich noch einmal daran zu erinnern, was die Nonnen gesagt hatten, \u201eGott hat uns erschafft, um in diesem Leben ihn zu kennen, ihn zu lieben und ihm zu dienen, und mit ihm im Jenseits f\u00fcr immer gl\u00fccklich zu sein.\u201c Schlie\u00dflich, und viel sp\u00e4ter, begann David zu glauben \u2013 zu Recht oder zu Unrecht \u2013 dass er niemals \u2013 trotz allem, sogar trotz all dem, was er in seinem Leben falsch gemacht hatte \u2013 die Implikationen jener \u00c4u\u00dferung aussch\u00f6pfen oder anderswo Stabilit\u00e4t und Kraft finden w\u00fcrde. Er glaubte sp\u00e4ter, dass diese Aussage ein Ausdruck der Idee \u2013 sogar eine Verk\u00f6rperung der Idee \u2013 sei, dass, wenn wir versuchen das Richtige zu tun, egal was passieren mag, dann k\u00f6nnen wir uns alle sicher f\u00fchlen, im tiefsten Sitz unseres Bewusstseins. Nat\u00fcrlich konnte er nicht diesen Glauben in seinem Leben immer verwirklichen, egal wie er sich bem\u00fcht, das zu tun.<\/p>\n<p>Trotzdem glaubte er immer noch.<\/p>\n<p>Als David sehr jung war, bevor er in der Sekundarschule war, und als es ihm leichter fiel, so etwas zu glauben, war das Gef\u00fchl der Geborgenheit, das er im Glauben fand, den die Nonnen ihn lehrten, entscheidend f\u00fcr sein \u00dcberleben. Ohne das h\u00e4tte er nie sp\u00e4ter den sehr bescheidenen Erfolg erzielen k\u00f6nnen, den er in Harvard hatte. Er h\u00e4tte niemals begonnen k\u00f6nnen, das kleinste Element des intellektuellen Lebens zu verstehen. Er h\u00e4tte \u00fcberhaupt nichts dar\u00fcber verstanden. Der Sturm, den der Zusammenbruch der Ehe seiner Eltern verursachte, in David und in der Familie, und der Tumult seiner eigenen Adoleszenz h\u00e4tten ihn mitgerissen und v\u00f6llig zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p>Egal welche angeborene Intelligenz er in seiner sp\u00e4ten Jugend besessen haben mag, sie w\u00e4re unbrauchbar gemacht worden, sie w\u00e4re vernichtet worden, bevor er sogar daran denken konnte, eine Universit\u00e4t wie Harvard zu besuchen, wenn er nicht alle Schmerzen und Schwierigkeiten seines Lebens in einem gr\u00f6\u00dferen Zusammenhang h\u00e4tte betrachten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Er glaubte, dass sein Kopf nie h\u00e4tte sogar begonnen k\u00f6nnen, sich zu entwickeln, wenn er sich nicht an die Idee h\u00e4tte klammern k\u00f6nnen, die die Nonnen tief in seine Gedanken und sein Unbewusste auf indirektem Wege eingebettet hatten. Es war die Idee, dass er \u00fcberleben muss und \u00fcberleben w\u00fcrde, egal was passierte, nicht f\u00fcr ihn selbst \u2013 das war nicht genug \u2013 sondern weil er \u00fcberzeugt war, dass Gott wollte, dass er \u00fcberlebt \u2013 eine Idee, die heutzutage ziemlich exzentrisch scheint, gelinde gesagt. Und Gott wollte, dass er \u00fcberlebt (dies hatten die Nonnen ihn gelehrt) damit die Ausgie\u00dfung der G\u00fcte und des Gl\u00fccks, die Gottes Natur ist, auch Davids Natur sein k\u00f6nnte \u2013 Davids Natur und die Natur aller anderen. Er glaubte, wenn Gott wollte, dass er besteht, wenn sozusagen selbst das Universum auf irgendeine blinde Art und Weise sein \u00dcberleben wollte, und wenn auch er bestehen wollte, dann w\u00fcrde er das einfach tun.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich aber, ging es dabei darum, dass Gott immer erh\u00e4lt, was er w\u00fcnscht, so oder so. Das war es, was die Nonnen ihm beigebracht hatten. \u201eHeisenberg hatte Recht\u201c, bemerkte eine der Nonnen eines Tages, lachend, \u201eund Einstein im Irrtum war, in einem Punkt.\u201c Sie strich sich den langen, schwarzen Schleier \u00fcber die Schulter. \u201eGott w\u00fcrfelt doch. Das aber, was Einstein, auch mit all seinem Genie, vielleicht nicht sehen konnte, ist, dass das Spiel manipuliert wird, sozusagen. Das Universum ist eingerichtet, so dass Gott immer gewinnt. Vielleicht nicht sofort, und vielleicht nicht auf die Art und Weise, wie er \u2013 unserer Meinung nach \u2013 gewinnen sollte, doch schlie\u00dflich gewinnt er, immer. Und f\u00fcr Gott, \u201eschlie\u00dflich\u201c k\u00f6nnte einen Tag bedeuten, oder eine Woche oder tausend Jahre oder sogar eine Million Jahre. Es ist ihm egal, wisst ihr.\u201c<\/p>\n<p>Dann hielt sie f\u00fcr einen Moment inne, bevor sie hinzuf\u00fcgte, \u201eUnd vielleicht sollte es uns auch egal sein.\u201c<br \/>\n&#8211;<br \/>\n&#8211;<br \/>\n&#8211;<br \/>\n<em><strong>Teil 1, Kapitel 17<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>\u201eIch war damals noch ein Kind, aber es war die Rede davon, dass die guten Tage den verst\u00e4ndigen Leuten zufielen, die besten Tage aber jenen, die unklug zu sein wagten\u201c.<br \/>\n&#8211;Sigrid Undset<br \/>\nKristin Lavranstochter<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Mit zw\u00f6lf oder dreizehn Jahren war David ganz sch\u00f6n durcheinander. Es schien ihm eine absolut hoffnungslose Aufgabe zu sein, sogar zu versuchen, das Leben zu verstehen.<\/p>\n<p>Er sprach davon mit Ann und Clayton, an einem Sonntagnachmittag, einige Monate nach seinem ersten Besuch. Er sa\u00df auf dem Sofa, nach vorn lehnend und seine Kaffeetasse gut fassend. Sein Kopf hing nach unten und er sprach, als ob eine schwere Last ihm aufb\u00fcrdete, als ob er dachte, dass er es nicht verdiene, geh\u00f6rt zu werden.<\/p>\n<p>\u201eNat\u00fcrlich\u201c, sagte er, \u201edas, was mich dazu veranlie\u00df, zu denken, dass nur Gott eine L\u00f6sung meiner Probleme sein k\u00f6nnte, war die Tatsache, dass alle meine Bef\u00fcrchtungen und meine Gef\u00fchle der Unsicherheit schienen, so sehr \u00fcberw\u00e4ltigend zu sein. Und es war niemand da, an den ich mich f\u00fcr Hilfe wenden konnte. Wenigstens kannte ich niemanden. Ich konnte mich nicht an meine Mutter wenden, weil sie in ihren eigenen Problemen verloren zu sein schien. Und ich hatte \u00fcberhaupt keine Beziehung zu meinem Vater \u2013 meine Mutter hatte in mir die Vorstellung gen\u00e4hrt, dass mein Vater mich nicht mochte, und selbst wenn er mich doch mochte, dachte ich, dass es gar keine M\u00f6glichkeit gab, dass er mir helfen konnte, denn meine arme Mutter hat mir auch beigebracht, ihn als einen so sehr inkompetenten Menschen zu sehen. Es mir nicht einmal eingefallen, zu versuchen, mit meinem Vater zu sprechen.\u201c<\/p>\n<p>Er senkte den Kopf und schaute in seine Kaffeetasse; er versuchte seine Tr\u00e4nen, kindische Tr\u00e4nen \u2013 das wusste er \u2013 zur\u00fcckzuhalten. Als er endlich aufblickte, wendete sich Ann Clayton zu. Ihr Gesichtsausdruck war beklommen. \u201eLiebling, es ist ein sehr sch\u00f6ner Tag; machen wir alle mit den Kindern einen Ausflug zum Walden Pond.\u201c<\/p>\n<p>\u201eEs k\u00f6nnte voller Menschen sein. Schlie\u00dflich ist es Sonntagnachmittag.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDann k\u00f6nnten wir vielleicht in Concord einfach spazieren gehen,\u201c sagte Ann, und ihre Stimmlage erh\u00f6hte sich ein wenig. \u201eDu wei\u00dft, wie sch\u00f6n es jetzt in Concord ist. Es ist nicht n\u00f6tig, dass die Kinder mitfahren; sie sind alt genug, um hier zu bleiben und f\u00fcr sich zu sorgen. Sp\u00e4ter k\u00f6nnten wir dort zu Abend essen.\u201c<\/p>\n<p>Er schenkte ihnen besorgt einen Blick. \u201eEs gibt keine Notwendigkeit nach Concord zu fahren,\u201c sagte er und f\u00fchlte sich doof, sobald er diese Worte sprach. Schlie\u00dflich, dachte er bei sich, war es nicht dumm von ihm, davon auszugehen, dass diese pl\u00f6tzliche Entscheidung, nach Concord zu fahren, nur wegen ihm getroffen wurde? \u201eIch m\u00f6chte wirklich gern mit Ihnen sprechen\u201c, konnte er endlich sagen. &#8220;W\u00e4hrend der letzten paar Wochen brauchte ich dringend jemanden, mit dem ich offen reden k\u00f6nnte. Ich wollte wirklich versuchen, jemandem \u2013 beiden von euch \u2013 etwas \u00fcber mich zu erz\u00e4hlen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eSchon gut\u201c, sagte Clay leise, \u201ewir k\u00f6nnen hier bleiben, wenn du willst.\u201c<\/p>\n<p>\u201eOder vielleicht m\u00f6chtest du mit Clay unter vier Augen sprechen\u201c, sagte Ann. \u201eIch gehe oben, um zu sehen, wie es den Jungs geht.\u201c<\/p>\n<p>\u201eNein, bitte bleib hier\u201c, sagte David, \u201eoder jedenfalls komm schnell zur\u00fcck. Ich w\u00fcrde mir wirklich w\u00fcnschen, dass ihr beide hier seid.\u201c<\/p>\n<p>Ann setzte sich wieder, und sie sah Clay an, mit einem Gesichtsausdruck, den David nicht verstehen konnte. Wie es bei Heranwachsenden so oft passiert, fiel es ihm nie ein, dass Clay und Ann sich f\u00fcr seine Ideen nicht so interessierten, wie er selbst. Er wusste nur, dass er m\u00fcsse mit ihnen sprechen, und sicher, dachte er, w\u00fcrden sie willens sein, ihm zu h\u00f6ren. Er war sich sicher, dass sie zwei von jenen \u201einstinktiv g\u00fctigen\u201c Menschen, nach denen er gesucht hatte.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich w\u00e4re so eine Denkweise bei einem Erwachsenen egoistisch, aber David war in mancher Hinsicht kein echter Erwachsener. Er war in mancher Hinsicht immer noch unreif, und weil er nie Eltern gehabt hatte, mit denen er sprechen oder denen er anvertrauen konnte, gab es so viel, was er sagen wollte. Er brauchte Menschen, die ein Gef\u00fchl der Weisheit hatten, die das h\u00f6ren w\u00fcrden, was er zu sagen hatte, und die ihm helfen w\u00fcrden, dem Leben einen Sinn zu geben.<\/p>\n<p>\u201eAls ich zw\u00f6lf oder dreizehn Jahre alt war\u201c, sagte er ihnen, \u201eschien das Leben so verwirrend, dass ich glaubte, es w\u00e4re f\u00fcr mich eine hoffnungslose Aufgabe, sogar zu versuchen, es zu verstehen. Und doch dachte ich, dass ich dem Leben irgendwie einen Sinn geben m\u00fcsste, oder ich w\u00fcrde verr\u00fcckt.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas meinst du?\u201c fragte Ann leise. \u201eWodurch schien das Leben verwirrend?\u201c Sie schaute ihn einen Augenblick an. \u201eWoran lag es, dass du dich so gef\u00fchlt hast?\u201c<\/p>\n<p>Er schaute zu den beiden auf, rechtzeitig daf\u00fcr zu sehen, wie Clayton Ann einen Blick zuwarf. \u201eWas wollte Clay zu ihr sagen?\u201c dachte David bei sich. Dass sie vorsichtig sein sollte?<\/p>\n<p>Er schwieg eine sehr lange Zeit, wie es ihm schien. Wie k\u00f6nnte er sie jemals dazu bringen, zu verstehen?<\/p>\n<p>\u201eIch wei\u00df, dies bedeutet wahrscheinlich nicht sehr viel\u201c, sagte er endlich, \u201edenn ich wei\u00df nicht, wie ich es ausdr\u00fccken kann. Ich wei\u00df nicht, wie ich es in Worte fassen kann \u2013 es gibt so viele Dinge, die ich nicht in Worte fassen kann\u201c. Er hielt noch einmal inne. Er wusste nicht, wie er ihnen das sagen k\u00f6nnte, was er dachte. Dann pl\u00f6tzlich schien es ihm, dass sie doch gar nichts verstehen k\u00f6nnten, jedenfalls nicht wirklich. Je l\u00e4nger er dort schweigend sa\u00df, desto schwerer f\u00fcr ihn war es zu sprechen. Er hatte das Gef\u00fchl, dass er nach irgendetwas suchte, das tief im Inneren verborgen lag, und dass die Welt von Worten und anderen Menschen weiter weg entschl\u00fcpfte, von Moment zu Moment.<\/p>\n<p>\u201eDu brauchst nicht im Augenblick alles erz\u00e4hlen\u201c, sagte Ann.<\/p>\n<p>\u201eAber ich <em>will<\/em> es euch erz\u00e4hlen. Ich <em>muss<\/em> es euch erz\u00e4hlen\u201c. Stille herrschte. Die Worte lagen in ihm verschlossen und es schien, als ob er sie nicht befreien konnte. \u201eAber ich wei\u00df nicht, wie ich das tun kann\u201c, sagte er schlie\u00dflich.<\/p>\n<p>\u201eWenn du bereit bist\u201c, sagte Clay, mit fast zu viel Schlichtheit, \u201edann wirst du es wissen\u201c.<\/p>\n<p>Vielleicht, dachte er sich, aber es w\u00fcrde nie einfach sein.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich platzte es aus ihm heraus, \u201eEs geht um <em>G\u00fcte<\/em>\u201c. Und sobald er dieses Wort sagte, konnte er sp\u00fcren, wie l\u00e4cherlich es sich anh\u00f6rte und wie weitab davon es war, was er wirklich sagen wollte.<\/p>\n<p>\u201eG\u00fcte?\u201c sagte Ann, und es schien ihm, dass er etwas wie Entt\u00e4uschung in ihrer Stimme h\u00f6rte.<\/p>\n<p>\u201eJa\u201c, sagte er und zuckte die Achseln. \u201eIch wei\u00df, wie dumm es klingt. Aber Tatsache ist, dass ich im Alter von zw\u00f6lf Jahren wirklich <em>gut<\/em> sein <em>wollte<\/em>. War das <em>so<\/em> eine bl\u00f6de Art und Weise zu denken?\u201c Er stellte seine Kaffeetasse ab und hielt den Kopf gebeugt, das Gesicht in den H\u00e4nden. Er hatte das Gef\u00fchl, dass das, was er sagte, \u00fcberhaupt keinen Sinn machte, vor allem, weil es nicht das war, was er wirklich sagen wollte. Es kam ihm vor, als w\u00e4re jede Idee, die er auszudr\u00fccken versuchte, verstummelt worden w\u00e4re, als er sprach. Es war, als ob irgendetwas in seinem Kopf alles verzerrte, was er zu \u00e4u\u00dfern versuchte, es enkodierend, auf irgendeine Art und Weise, so dass es unm\u00f6glich war, etwas zu verstehen, ohne den Chiffrierschl\u00fcssel zu besitzen.<\/p>\n<p>\u201eNein\u201c, antwortete Clay sehr leise, \u201ees ist \u00fcberhaupt nicht falsch, so zu denken.\u201c<\/p>\n<p>David schaute ihn hoffnungsvoll an. \u201eAlles, was ich wollte, war, ein guter Mensch zu sein. Es war mir so sehr wichtig, gut zu sein.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber David\u201c, sagte Ann, \u201ewie kommst du dazu, dass du <em>nicht<\/em> gut bist?\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch wei\u00df nicht genau, aber in dem Alter \u2013 im Alter von zw\u00f6lf oder dreizehn Jahren \u2013 du wei\u00dft schon, die Welt ist manchmal so sehr verwirrend, und ich hatte Angst \u2013 Dinge passieren in dem Alter \u2013 du wei\u00dft schon \u2013 und ich hatte Angst, dass ich nicht ein guter Mensch sein w\u00fcrde oder k\u00f6nnte.\u201c<\/p>\n<p>\u201eVielleicht\u201c, sagte Clay, \u201ewurdest du dich einfach der Existenz des B\u00f6sen \u2013 in dir und in anderen Menschen \u2013 bewusst. Wei\u00dft du, das ist nicht etwas Ungew\u00f6hnliches. Das muss mit jedem passieren.\u201c<\/p>\n<p>Jetzt griff David die H\u00e4nde fest aneinander. \u201eJa, das wei\u00df ich, oder zumindest glaube ich, es zu wissen. Aber es schien f\u00fcr mich noch schlimmer zu sein, als f\u00fcr andere Menschen. Ich habe noch niemanden kennengelernt, der so viele Schwierigkeiten hatte, alles zu begreifen; ich kenne niemanden, der schien, so viel endlosen Schmerz darin zu erfahren, erwachsen zu werden, wenn es das ist, was ich tue.\u201c<\/p>\n<p>Er schaute Ann nicht an, aber als sie sprach, wusste er, dass sie l\u00e4chelte \u2013 aber auf eine g\u00fctige Art und Weise. \u201eNormalerweise spricht man \u00fcber solche Sachen nicht sehr offen. Jeder Mensch leidet, aber alle leiden nicht auf dieselbe Art und Weise \u2013 und die Menschen normalerweise machen sich einander nicht bewusst von der echt tiefen Art von Leid\u201c.<\/p>\n<p>\u201eWohl eher nicht.\u201c Er schaute sie an. \u201eIch wei\u00df, dass du wahrscheinlich Recht hast, aber damals war alles in meinem Leben so sehr be\u00e4ngstigend und ich war so sehr allein. Ich glaube, das war das echte Problem. Ich war so sehr allein. Ich konnte nicht mit meinen Eltern oder Verwandten reden. Ich hatte keine engen Freunde. Es gab niemanden. Ich hatte das Gef\u00fchl, dass ich zerst\u00f6rt werden w\u00fcrde und dass, es niemanden gab, der mir helfen konnte.\u201c<\/p>\n<p>\u201eZerst\u00f6rt?\u201c fragte Clay.<\/p>\n<p>\u201eTja, nicht buchst\u00e4blich <em>zerst\u00f6rt<\/em>, aber ich hatte das Gef\u00fchl, dass mein Leben bald kaputtgehen w\u00fcrde. Ich hatte das Gef\u00fchl, dass ich moralisch oder psychologisch zerst\u00f6rt werden k\u00f6nnte. Und au\u00dferdem in meinem Kopf war diese schrecklich Art von geistiger Verwirrung. Allm\u00e4hlich hatte ich mich nicht mehr in der Gewalt. Ich habe angefangen, Angst zu haben, dass ich vielleicht \u00fcberhaupt nicht mehr funktionsf\u00e4hig w\u00e4re \u2013 dass ich mich nicht mehr auf das Lernen konzentrieren k\u00f6nnte, das ich \u00fcberhaupt nichts tun k\u00f6nnte. Ich hatte das Gef\u00fchl, wirklich, dass ich einfach wahnsinnig werden w\u00fcrde. Ich glaubte, ich muss etwas tun, aber ich wusste nicht, was ich tun sollte.\u201c<\/p>\n<p>Es wurde ganz still im Raum, und als er aufschaute, schienen alle beide hilfsbereit zu l\u00e4cheln, als ob sie hofften, ihm zeigen zu k\u00f6nnen, dass sie verstanden. Er glaubte, sie h\u00e4tten ihm helfen wollen, wenn sie nur gewusst h\u00e4tten, wie sie es tun k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Dann ist Clays Haltung seri\u00f6ser geworden. &#8220;Also war es dann, dass du begonnen hast an Gott zu denken?&#8221; sagte er.<\/p>\n<p>&#8220;Eines Tages, als ich ungef\u00e4hr zw\u00f6lf Jahre alt war, bin ich nach unserem Gemeindezentrum gegangen, um mit einem Priester zu sprechen. Ich wollte beichten, weil ich seit langem nicht beichtet hatte, aber nat\u00fcrlich wollte ich noch etwas. Ich wollte eine endg\u00fcltige L\u00f6sung all meiner Probleme finden.&#8221;<\/p>\n<p>Dann erz\u00e4hlte er ihnen von dem hellen, k\u00fchlen Morgen des Fr\u00fchsommers, als er zur Kirche in der N\u00e4he seines Zuhauses Rad fuhr. Er konnte sich nicht an eine andere Zeit erinnern, wo er sich so allein f\u00fchlte oder wo eine solche Wolke der Verwirrung sein Gem\u00fct erf\u00fcllte.<\/p>\n<p>Seine Familie wohnte nur wenige Kilometer von der Kirche, aber an diesem Tag schien es ihm, dass die Kirche viel weiter entfernt war. Er hatte enorme Angst davor, mit dem Priester zu sprechen, aber er hat sogar mehr Angst, dass alles verloren gehen w\u00fcrde, wenn er nicht mit ihm sprach. Er wollte so sehr ein gutes Leben f\u00fchren, aber in all der \u00fcberw\u00e4ltigenden Orientiertungslosigkeit des fr\u00fchen Erwachsungsalters, schien es ihm fast unm\u00f6glich ein guten Leben zu f\u00fchren \u2013 er wusste einfach nicht, wie er all das \u00fcberhaupt tun k\u00f6nnte. Er hatte aber das Gef\u00fchl, dass er Dinge getan hat, die falsch waren, und er wollte mindestens zur Beichte gehen, um all diese Dinge korrigieren zu lassen. Er brauchte alles in Ordnung zu bringen.<\/p>\n<p>Er ist zum Pfarrhaus gekommen, einem soliden Geb\u00e4ude, einem Zufluchtsort mit einer massiven gotischen Eingangst\u00fcr und mit Festern aus kleinen daimantenf\u00f6rmigen Glasscheiben. Der Duft des frisch gem\u00e4hten Rasens war sauber und s\u00fc\u00df in der Brise eines Sommermorgens.<\/p>\n<p>Seine Glieder empfand er als dumpf und schwer, als er auf die T\u00fcr zuging und daran klingelte. Pl\u00f6tzlich, momentan, weil er jung und schwach war, schien es ihm, dass er nicht mehr konnte, dass er das Geb\u00e4ude nicht betreten konnte, aber er war so weit gekommen, dachte er bei sich, dass es jetzt wirklich kein Zur\u00fcck mehr gab.<\/p>\n<p>Er wusste auch, dass es bald vorbei sein w\u00fcrde; es w\u00fcrde ein Ende geben. Das schreckliche Gewicht von Schwere, Trauer und Schmerz w\u00fcrde bald weggeschnitten werden, und er k\u00f6nnte mit einem Gef\u00fchl von Leichtigkeit, Freiheit und Frieden in den hellen, frischen Sommermorgen gehen. Er w\u00e4re in der Lage, auf eine Welt zu blicken, die mit Neuheit gl\u00e4nzte. Er w\u00fcrde frei von Schuldgef\u00fchlen und Angst sein, frei von dem toten Gewicht, das ihn herunterzurei\u00dfen schien, dem toten Gewicht all der Dinge, von denen er \u00fcberzeugt war, dass er in seinem jungen Leben falsch gehandelt hatte.<\/p>\n<p>Die Beichte hatte auf ihn immer dieser Wirkung gehabt. Es hatte immer einen neuen Anfang bedeutet: alle S\u00fcnden wurden vergeben, die Zeichen der S\u00fcnde ausgel\u00f6scht, eine Art &#8211; und sogar als ein Junge, wusste er, dass die meisten Menschen dar\u00fcber lachen w\u00fcrden &#8211; eine Art wundersame Wiederherstellung der Unschuld. Aber all das war es, was er als Kind gelernt hatte, und das wusste er mit jeder Faser seines Wesens. Das hatte er immer an sein Herz geglaubt, egal, was er sonst noch von Zeit zu Zeit gedacht hatte.<\/p>\n<p>Was er an diesem Tag nicht wusste, was er zu jung war, um zu verstehen, war, dass dies auch der Anfang dessen war, was f\u00fcr ihn nur ein langer \u2013 und er wusste, dass die meisten Leute auch dar\u00fcber lachen w\u00fcrden \u2013 Zwielichtkampf. Er war davon \u00fcberzeugt, dass es die erste Bewegung in dem war, was er f\u00fcr den uralten Kampf unseres Lebens in dieser Welt hielt, den endlosen Versuch, das Richtige zu tun, oder zumindest \u2013 wenn auch nichts anderes \u2013 den W\u00fcnsch das Richtige zu tun. Er hielt es jedoch f\u00fcr die erste Bewegung in der inneren Schlacht, \u00fcber die er einen Sommer lesen w\u00fcrde, viele Jahre sp\u00e4ter, als sein Leben ihn in ein Kart\u00e4userkloster gebracht hatte, in eine Zelle, die mit dem Sonnenlicht von Vermont \u00fcberflutet war. Es war ein Kampf, vor dem er oft zur\u00fcckschreckte, von dem er aber schlie\u00dflich wusste, dass er ihm nie entkommen konnte.<\/p>\n<p>Aber an jenem Nachmittag, im Alter von etwa zw\u00f6lf Jahren, verstand er keines dieser Dinge, als die Haush\u00e4lterin an die T\u00fcr des Pfarrhauses kam, eine Haush\u00e4lterin, die anscheinend in fast jedem katholischen Pfarrhaus der Welt wohnt: nicht sehr gro\u00df, teilnahmslos und mit einer gewissen H\u00e4rte, als w\u00e4re sie seit langer Zeit immer wieder irgendwie ramponiert worden und hatte gelernt, trotz allem zu \u00fcberleben.<\/p>\n<p>Er wollte den Priester sehen, sagte er ihr. Sie sah ihn scharf an und \u00f6ffnete dann die T\u00fcr, um ihn hineinzulassen. Sie f\u00fchrte ihn in ein makelloses, streng m\u00f6bliertes Wartezimmer, und er setzte sich. Er konnte die V\u00f6gel in den B\u00e4umen vor dem Fenster h\u00f6ren und die Vorh\u00e4nge sehen, die sich in der Sommerbrise langsam hin und her bewegten; es waren vertraute Dinge, aber alles, was er tun konnte, war Zittern vor Angst und Besorgnis, als ob er darauf wartete, hingerichtet zu werden.<\/p>\n<p>Er wusste jedoch, dass der einzige Weg, das unm\u00f6gliche Dilemma, das ihn konfrontierte, zu l\u00f6sen, darin bestand, eine saubere Brust von Dingen zu machen, alles auslaufen zu lassen, ohne etwas davon zur\u00fcckzuhalten. Er war sich sicher, dass danach alles einfacher sein w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Aber das, von dem er sicher war, hatte keinen Einfluss auf das, was er f\u00fchlte. Er sa\u00df da kalt vor Angst in der Sommerw\u00e4rme. Er hatte nat\u00fcrlich vorher oft zur Beichte gegangen, aber dieses Mal war es anders. An diesem Tag schien so viel mehr auf dem Spiel zu stehen. Sein Leben hatte einen Wendepunkt erreicht, und dieser Tag w\u00fcrde in gewisser Weise ein Zeichen auf ihn setzen, das nie ausgel\u00f6scht werden k\u00f6nnte, denn, Junge, der er war, hatte er sich die Entscheidung ein f\u00fcr alle Mal eingepr\u00e4gt, das Leben zu leben, das er gelernt hatte, er leben sollte. Von nun an, trotz all den Jahren, in denen er versagte, w\u00fcrde er weiterversuchen dieses Leben zu leben, trotz all den Jahren, die manchmal mit wenig anderem gef\u00fcllt waren als dem, was er nur nennen konnte &#8211; obwohl er wusste, dass die Worte f\u00fcr viele andere l\u00e4cherlich klingen w\u00fcrden &#8211; ein Gef\u00fchl der S\u00fcnde. Aber er hatte auch &#8211; und er wusste, dies w\u00fcrde noch l\u00e4cherlicher klingen &#8211; einen gelegentlichen Sinn f\u00fcr die verborgenen Regungen der Gnade.<\/p>\n<p>Wenn er an diesem Tag wie ein Junge war, der darauf wartete, dass sein Todesurteil vollstreckt wurde, dann war der Grund dazu, dass ein Teil von ihm tats\u00e4chlich halb erwartet hatte, zu sterben, der egoistische und gierige, materialistische Teil von ihm, der Teil wo Leidenschaften und Unordnung zu bl\u00fchen begannen.<\/p>\n<p>Es gab jedoch ein anderes Element in ihm, ein Element, das \u00fcberleben und alles dominieren wollte, das egozentrisch und in seinem Geist geizig war. Dieses andere Element sehnte sich nach etwas mehr, etwas h\u00f6her als die allt\u00e4gliche Welt, die er um ihn herum sah. Dieser andere Teil von ihm wollte schlie\u00dflich eine jugendliche \u2013 und einige w\u00fcrden illusorische und idiotische sagen \u2013 Freude darin finden, im Schweigen zu sitzen und \u00fcber einige der alten S\u00e4tze nachzudenken, die er gelesen hatte, wie: &#8220;Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken, und: Deinen N\u00e4chsten sollst du lieben wie dich selbst.&#8221;<\/p>\n<p>Er glaubte sogar als Junge, dass der egoistische, gierige Teil von ihm sterben m\u00fcsste, wenn der andere Teil leben w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich starb dieses kleinere, gemeine Selbst nicht an diesem Tag, oder am n\u00e4chsten, oder f\u00fcr viele Tage und Jahre danach. Vielleicht w\u00fcrde es niemals sterben, bis er selbst starb, aber er hoffte, je l\u00e4nger er lebte, desto moribunder w\u00fcrde es werden.<\/p>\n<p>Er glaubte &#8211; oder zumindest hoffte er &#8211; dass alle Sehns\u00fcchte, die durch den h\u00e4sslichen Teil unserer selbst entstehen, unvermeidlich zum Tod neigen; sie enden nur in der einen oder anderen Todesart. Lange Jahre des Kampfes und des Leidens und Scheiterns k\u00f6nnen jedoch notwendig sein, bevor sich ihr Ende endlich n\u00e4hert.<\/p>\n<p>Als er dort im Empfangszimmer des Pfarrhauses sa\u00df, verlorener kleiner Jungen, der er war, und \u00fcberlegte einige dieser Gedanken so gut wie er konnte, \u00f6ffnete sich die T\u00fcr und kam ein Priester in den Raum.<br \/>\n&#8211;<br \/>\n&#8211;<br \/>\n&#8211;<br \/>\n<em><strong>Teil 1, Kapitel 18<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>\u201cPurity, we see in the object-lesson, is not the one thing needful; and it is better that a life should contract many a dirt-mark, than forfeit usefulness in its efforts to remain unspotted.\u201d<br \/>\n\u2013William James<br \/>\nThe Varieties of Religious Experience<\/em><\/p>\n<p>Pater Cassidy war der stellvertretende Pastor der Pfarrei, und obwohl David ihn oft bei der Heiligen Messe gesehen hatte, hatte er noch nie mit ihm von Angesicht zu Angesicht gesprochen. Aus Davids Sicht als Zw\u00f6lfj\u00e4hriger schien der Priester ziemlich alt zu sein, obwohl er wahrscheinlich kaum mehr als drei\u00dfig, vielleicht sogar noch j\u00fcnger war.<\/p>\n<p>Pater Cassidy war David immer ziemlich streng vorgekommen, und David dachte, Pater Cassidy sei gar nicht die Art von Priester, der wahrscheinlich ein intuitives Verst\u00e4ndnis f\u00fcr seine Probleme oder seine Pers\u00f6nlichkeit h\u00e4tte. David hatte ihn sogar nie l\u00e4cheln sehen; er schien immer einen sehr ernsten Ausdruck auf seinem dunklen, pockennarbigen Gesicht zu haben.<\/p>\n<p>David wusste, dass der Priester ein Armeeoffizier gewesen war, bevor er das Milit\u00e4r verlie\u00df und in das Seminar eintrat, und es schien David, dass diese Erfahrung ihn viel mehr gepr\u00e4gt haben musste als das Priestertum bisher. David wurde jedoch gelehrt, alle Priester als Christus zu sehen, besonders in einer Situation, in der sie das Sakrament der Bu\u00dfe verwalteten, und er war froh, dass er Pater Cassidy auf diese Weise sehen konnte. David wusste schon damals, dass eine solche Idee viele der anderen Leute, die er kannte, die nicht katholisch waren, am\u00fcsieren oder in manchen F\u00e4llen sogar skandalisieren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Sobald Pater Cassidy sich gesetzt hatte, platzte David pl\u00f6tzlich heraus, was ihn beunruhigt hatte. Der Priester sah erschrocken aus und sagte: &#8220;Entschuldige mich f\u00fcr einen Moment&#8221;, stand auf und dann flitzte aus dem Zimmer heraus . David war so v\u00f6llig in seine eigenen \u00c4ngste und Probleme vertieft, dass dies nicht ungew\u00f6hnlich erschien. Eigentlich in dem Geisteszustand, in dem David sich befand, nichts, was der Priester getan h\u00e4tte, w\u00e4re ungew\u00f6hnlich gewesen. David sa\u00df einfach da, in einer Art Benommenheit, f\u00fchlte sich erleichtert, dass das Schlimmste vor\u00fcber war, und war sich sicher, dass er auf dem besten Weg war, zu dem zu werden, was er werden wollte &#8211; ein guter Mensch. Dieser Prozess w\u00fcrde nat\u00fcrlich sehr viel l\u00e4nger dauern, als er an diesem Morgen erwartete.<\/p>\n<p>Als Pater Cassidy zur\u00fcckkehrte, fragte er David &#8211; ganz ruhig jetzt und selbstsicher &#8211; warum er dachte, dass es so schwierig sei, gut zu sein, und dann David hatte den Eindruck, dass sie lange miteinander redeten. Schlie\u00dflich, als David zur Beichte ging und dem Priester von all den Elementen in seinem Denken und in seiner Seele erz\u00e4hlte, die er f\u00fcr so dunkel hielt, war der Mann viel verst\u00e4ndnisvoller, als David erwartet hatte. Der Priester antwortete David mit einer Ehrlichkeit und einer Aufrichtigkeit, die die Bedeutung seiner Worte verst\u00e4rkte und sie tief in Davids Gedanken einpr\u00e4gte. Pater Cassidy sprach nat\u00fcrlich \u00fcber die Bedeutung des Gebetes und der Sakramente; Priester tun es immer. Doch seit jenem Tag hatte David, wann immer er diesen Rat h\u00f6rte, immer die gleiche Frische und G\u00fcltigkeit, die er in dem Moment hatte, als er ihn zum ersten Mal h\u00f6rte.<\/p>\n<p>Pater Cassidy sagte David, gut zu sein ist nicht wie einen guten akademischen Abschluss zu haben oder in einen Beruf aufgenommen zu werden. Es bedeutete einen langen, erm\u00fcdenden Kampf, der sein ganzes Leben lang anhalten w\u00fcrde. Dieser Gedanke war hart und bitter f\u00fcr David, aber sp\u00e4ter in seinem Leben verstand er viel besser, dass es f\u00fcr alle ein Kampf ist, gut zu sein. Je besser die Person, desto schrecklicher kann der Kampf sein. David erkannte schlie\u00dflich, dass all das f\u00fcr jeden Menschen wahr ist, sicherlich f\u00fcr jeden Heiligen, aber definitiv f\u00fcr jeden, der glaubt, dass Gott und seine G\u00fcte das Wichtigste im Universum ist.<\/p>\n<p>David hatte jedoch die Idee, dass das Leben Gl\u00fcck und Zufriedenheit bedeuten sollte. Es sollte sicherlich kein harter und bitterer Kampf sein. Trotzdem glaubte er das akzeptieren zu k\u00f6nnen. Was er damals nicht wusste, war, dass die Idee, dass ein solcher Kampf selbst Gl\u00fcck bringen k\u00f6nnte, f\u00fcr die meisten Menschen unsinnig erscheint.<\/p>\n<p>David verstand auch nicht, dass, egal wie sehr wir k\u00e4mpfen m\u00f6gen, wie schwierig der Kampf auch sein mag, und egal, ob wir einen Grund f\u00fcr Gl\u00fcck in diesem Kampf sehen, das Endergebnis wird vielleicht nicht von unseren eigenen Bem\u00fchungen und Gebete abh\u00e4ngen, aber es kann auf die von anderen angewiesen sein. Er w\u00fcrde sich eines Tages erinnern, wie die Nonnen im Katechismusunterricht \u00fcber die Art und Weise sprachen, wie Monica zwanzig Jahre lang f\u00fcr Augustins Bekehrung gebetet hatte.<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck f\u00fcr ihn, an diesem Tag als er zw\u00f6lf war, fragte er sich nie, wie lange er beten m\u00fcsste. Wenn er diese Frage gestellt h\u00e4tte, was w\u00e4re die Antwort gewesen? Ein Jahr, zehn Jahre, zwanzig? Wie h\u00e4tte er sich gef\u00fchlt, wenn ihm damals jemand gesagt h\u00e4tte, was ihm lange danach gesagt wurde: dass wir weiter beten sollen, bis unser Gebet &#8211; so oder so &#8211; geh\u00f6rt und beantwortet wird? Das ist die Art von Gebet, die Gott erwartet, hatten die Nonnen gesagt. Sie haben es gern wiederholt, dass Gott nicht will, dass wir ihn sozusagen vom Haken nehmen.<\/p>\n<p>An diesem Tag im Pfarrhaus, was h\u00e4tte dieser verzweifelte kleine Junge getan, wenn er gewusst h\u00e4tte, wie viele Jahre des Gebets von ihm verlangt werden w\u00fcrden \u2014 und vielleicht von den anderen, die f\u00fcr ihn beteten? Er k\u00f6nnte sich zwar vorbereitet haben, aber andererseits h\u00e4tte er fast verzweifelt sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Es war wahrscheinlich besser, dass er es nicht wusste. Auf jeden Fall, wie viele Leute w\u00fcrden ihm spater sagen, als er durchs Leben ging, dass dieser kleine Junge sich durch wirklich unn\u00f6tigen Schmerz durchsetzte, indem er an diesem Tag zum Priester ging? F\u00fcr David war es nat\u00fcrlich immer so, dass er durch diesen Schmerz gl\u00fccklicher und zufriedener wurde, als er es sonst gewesen w\u00e4re. Er blieb sein ganzes Leben lang davon \u00fcberzeugt, dass sein Leben, wenn er an diesem Tag nicht mit dem Priester gesprochen h\u00e4tte, in eine Abw\u00e4rtsspirale zur schlimmsten Art der Selbstzerst\u00f6rung gegangen w\u00e4re. Vielleicht nicht w\u00f6rtlich, aber auf die eine oder andere Weise w\u00e4re die Existenz der Person, die er damals war, beendet. Er h\u00e4tte die langen Jahre des Umherwanderns nie \u00fcberlebt. Es w\u00e4re ihm niemals gelungen, Sinn oder Zielstrebigkeit zu finden.<\/p>\n<p>Indem er mit Pater Cassidy \u00fcber das sprach, was wie die Dunkelheit in seiner Seele schien, und indem er dem Priester von all den Dingen erz\u00e4hlte, die er falsch gemacht hatte, verschwand all die Verwirrung und Unordnung in Davids Geist lang genug, um sein Leben auf einen v\u00f6llig neuen und anderen Weg zu lenken. Er begann zu erkennen, dass alles einen Sinn ergeben k\u00f6nnte, dass er in der Welt, die er um sich herum sah, einen Sinn erkennen k\u00f6nnte. Der Sinn des Lebens war einfach zu versuchen, ein guter Mann zu sein, egal wie oft er scheitern k\u00f6nnte, egal wie gro\u00df die Chancen gegen ihn scheinen m\u00f6gen. Mehr noch, das Leben bedeutete, das Gute lieben zu wollen, Gott zu kennen und zu lieben, in welchem Ma\u00df auch immer.<\/p>\n<p>Und das bedeutete, dies in einer Welt zu tun, die solche Ideen f\u00fcr absurde Illusionen hielt.<\/p>\n<p>Als ein Junge von zw\u00f6lf oder dreizehn Jahren h\u00e4tte David diese Ideen nicht so artikulieren k\u00f6nnen, wie er es als Erwachsener getan hatte. Aber das war die Welt, die er damals zu entdecken begann, und so sah er sich selbst, sein Leben und alles um sich herum. Wirkliches Verst\u00e4ndnis &#8211; oder zumindest ein tieferes Verst\u00e4ndnis von allem w\u00fcrde viel sp\u00e4ter kommen.<\/p>\n<p>An diesem Sommertag jedoch, als der kleine Junge wieder auf sein Fahrrad stieg und unter der hellen, warmen Sonne nach Hause fuhr, begann alles anders zu sein, in Arten und Weisen, die er sich nicht vorstellen konnte. Nichts w\u00e4re f\u00fcr ihn wieder dasselbe.<\/p>\n<p>Vielleicht hatte er sogar gedacht, dass das Abenteuer begonnen hatte. Er hatte aber keine Ahnung, dass ein echtes Abenteuer sich als Qual erweisen k\u00f6nnte.<br \/>\n\u2013<br \/>\n\u2013<br \/>\n\u2013<br \/>\n<em><strong>Teil 1, Kapitel 19<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>\u201cInto our first world, shall we follow<br \/>\nThe deception of the thrush? Into our first world,<br \/>\nThere they were, dignified, invisible,<br \/>\nMoving without pressure, over the dead leaves,<br \/>\nIn the autumn heat, through the vibrant air,<br \/>\nAnd the bird called, in response to<br \/>\nThe unheard music hidden in the shrubbery\u2026.\u201d<br \/>\n\u2013T. S. Eliot<br \/>\nFour Quartets<\/em><\/p>\n<p>Er wusste nicht, dass ein wirkliches Abenteuer niemals einfach ist, und eine der ersten H\u00e4rten, denen er begegnete, war, dass die Religion, an die er glaubte, ihn f\u00fchlen lie\u00df, dass es einen Teil von sich selbst gab, den er nicht akzeptieren konnte und nicht akzeptieren sollte: das war der Teil, der geneigt war, Unrecht zu tun.<\/p>\n<p>Die Idee, Unrecht zu tun oder S\u00fcnde zu begehen, ist f\u00fcr viele Menschen eine l\u00e4cherliche Idee, weil es f\u00fcr viele Menschen in unserer Zeit so schwer ist zu glauben, dass etwas wie S\u00fcnde existiert. Doch als David die Welt um sich herum betrachtete, als er \u00fcber die Geschichte einiger monstr\u00f6ser Jahrhunderte nachdachte, die die Menschheit durchlebt hatte, war es ihm nicht m\u00f6glich, an der Realit\u00e4t der S\u00fcnde in der Welt zu zweifeln.<\/p>\n<p>Er konnte sicherlich eine solche Realit\u00e4t in seiner eigenen Existenz nicht bezweifeln; er konnte nicht daran zweifeln, dass er den Teil von sich selbst ablehnen musste, der geneigt war, das zu tun, was falsch war. Er konnte auch nicht daran zweifeln, als er noch sehr jung war.<\/p>\n<p>Was er jedoch nicht akzeptieren konnte, war kein trivialer, unwichtiger Aspekt seiner Pers\u00f6nlichkeit. Es ging um eine m\u00e4chtige und fl\u00fcchtige Kraft, die er zu verwerfen versuchte, was bedeutete, dass er Jahre der Repression und Verleugnung durchziehen musste, abwechselnd mit Jahren des Ausdrucks und einem Gef\u00fchl der Hoffnungslosigkeit. Weil er diese Jahre niemandem beschreiben konnte, wurden sie Jahre des Alptraums. Niemand au\u00dfer ihm war sich ihrer wirklich sehr bewusst und niemand au\u00dfer ihm k\u00fcmmerte sich sehr um sie.<\/p>\n<p>Der Albtraum war jedoch auch ein Kampf, auf den er stolz war, und dieser Kampf begann, als er etwa zw\u00f6lf Jahre alt war, als er mit dem Priester redete. Er wusste, wie viele Menschen es gab, die sagen w\u00fcrden, dass alles, was er an diesem Tag tat, war nur Schuldgef\u00fchle und Scham zu verinnerlichen und dann diese Gef\u00fchle dadurch zu verst\u00e4rken, dass er sie als S\u00fcnde betrachtete und zur Beichte ging. Er w\u00fcrde jedoch darauf hinweisen, dass das, was wirklich passierte, genau das Gegenteil war. Als er sich diesen Gef\u00fchlen stellte und sie anerkannte und auch die Tatsache anerkannte, dass er Unrecht getan hatte, hatte er begonnen, die einzige echte Freiheit zu erreichen, die Freiheit, gut zu sein und Gutes zu tun, die Freiheit, frei von Schuld zu sein und frei von den S\u00fcnden zu werden, die diese Schuldgef\u00fchle verursachten.<\/p>\n<p>Ob wir an S\u00fcnde glauben oder nicht, ob wir glauben, dass wir etwas falsch gemacht haben oder nicht, kann es sein, dass S\u00fcnde immer Schuld verursacht. Und die Schuld ist auch da, irgendwo in unseren K\u00f6pfen, ob wir daran glauben oder nicht.<\/p>\n<p>Als er sehr jung war, fing er an, sich mit all dem zu befassen, mit dem &#8211; f\u00fcr ihn jedenfalls &#8211; niemals endenden und manchmal schrecklichen Kampf um gut zu sein und um das zu tun, was richtig war. Und er brauchte den gr\u00f6\u00dften Teil seines Lebens, um den Prozess des Abschlusses des Kampfes sogar zu beginnen. Es w\u00e4re ein Kampf, sah er, der in keiner anderen Welt als dieser weitergehen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Er wusste, dass nicht viele Leute das verstehen k\u00f6nnten, aber er glaubte, dass diejenigen, die es verstanden, Menschen waren, die auch sehen konnten, dass ohne einen Glauben an eine Realit\u00e4t und eine Ethik, die die materielle Welt um uns herum \u00fcbersteigt, ein Mann langsam absteigen k\u00f6nnte und unaufhaltsam durch eine Reihe von Bedingungen, weiter und weiter weg von all seinen Idealen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich war solch ein Denken in der Welt, in der er lebte, nicht sehr modisch. Viele Leute schienen zu glauben, jeder Mensch solle sich selbst &#8220;akzeptieren&#8221;, wie er war; diese Leute glaubten, dass es mit keinem von uns etwas &#8220;Falsches&#8221; g\u00e4be, nichts &#8220;Falsches&#8221; mit irgendeinem Aspekt menschlichen Verhaltens, wenn es keinen offensichtlichen Schaden f\u00fcr andere verursacht.<\/p>\n<p>Mit dieser Art von Denken nicht einverstanden zu sein, war gegen die akzeptierte Weisheit der meisten Menschen zu gehen, und so etwas war f\u00fcr ihn \u00fcberhaupt nicht leicht zu tun. Es war immer so viel einfacher, &#8220;Ja&#8221; zu sagen, was auch immer die meisten Leute dachten.<\/p>\n<p>Am Ende konnte er sich jedoch nie davon \u00fcberzeugen, dass wir uns einfach so akzeptieren k\u00f6nnen, wie wir sind, ohne zu versuchen, uns zu ver\u00e4ndern, ohne zu versuchen, ein besseres Leben zu f\u00fchren. Wenn wir es in der Vergangenheit nicht geschafft h\u00e4tten, das zu schaffen, dachte er, w\u00e4ren wir immer noch Wilde.<\/p>\n<p>Er war einer dieser Menschen, die glaubten, dass es Aspekte von uns selbst und unseren individuellen Pers\u00f6nlichkeiten gibt, die ge\u00e4ndert werden sollten, die abgelehnt werden sollten. Er glaubte, dies sei wahr, ob der fragliche Aspekt etwas relativ Unwichtiges sei oder ob er etwas St\u00e4rkeres in sich selbst bildete. Er glaubte immer noch, dass es Elemente in der menschlichen Pers\u00f6nlichkeit gab, die zur\u00fcckgewiesen werden mussten, unabh\u00e4ngig von den Kosten.<\/p>\n<p>Wenn er weiterk\u00e4mpfte, dachte er, so hoffnungslos der Kampf auch sein mochte, und wenn er um all die Hilfe bat, die der Himmel geben k\u00f6nnte, w\u00fcrde er alle Hilfe bekommen, die er brauchte, und am Ende w\u00fcrde er gewinnen. Er w\u00fcrde &#8211; in der eigenen guten Zeit des Himmels &#8211; die Elemente in seiner Pers\u00f6nlichkeit umleiten, die nicht akzeptabel waren. Er glaubte jedoch, dass er niemals aufh\u00f6ren sollte, nach der Hilfe zu fragen, die nur von au\u00dfen kommen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Die fr\u00fchen Formen dieser Ideen waren ihm an jenem Tag unausl\u00f6schlich eingepr\u00e4gt, als er im Alter von zw\u00f6lf Jahren mit dem Priester sprach. Sein ganzes Leben lang war er froh, dass er das nie vergessen konnte. Ansonsten, so glaubte er, h\u00e4tte er niemals \u00fcberlebt.<\/p>\n<p>Dieser Tag war der Beginn eines langen und in mancher Hinsicht gewaltt\u00e4tigen Kampfes, um die Art von Person zu sein, die er gelernt hatte, dass er sein sollte. Es war ein Kampf, der in seinem Verstand und seinem Herzen und Geist gef\u00fchrt wurde, ein Kampf, dessen endg\u00fcltige Bedeutung, so war er \u00fcberzeugt, erst in der Ewigkeit klar werden w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Wie viele Heranwachsende dachte er vor allem daran, den Kampf mit sich selbst durch Repression zu gewinnen und das zu ersticken, was er an sich selbst nicht mochte. Als er sehr jung war, war das ziemlich einfach, und die Folgen dieser Repression waren nicht sehr gro\u00df. Als er jedoch nach Harvard kam, hatte die Repression ein Gef\u00fchl von Einsamkeit und Angst erzeugt, das \u00fcberw\u00e4ltigend zu werden drohte.<\/p>\n<p>Aber da Repression schien bis zu dieser Zeit zu funktionieren, und da er wusste von nichts anderem, was er tun konnte, dachte er, dass er die Einsamkeit einfach ignorieren und die Repression fortsetzen k\u00f6nnte. Und wann immer es m\u00f6glich war, bestritt er auch, dass es ein Element in sich selbst gab, das er nicht mochte. Er leugnete sogar, dass er einsam und \u00e4ngstlich sei. Nat\u00fcrlich, je mehr er das tat &#8211; je mehr er versuchte, einige der m\u00e4chtigsten Elemente in seiner Psyche zu ignorieren &#8211; und je mehr er sich zu sagen versuchte, dass er nicht wirklich einsam und \u00e4ngstlich war, desto verzweifelter wurde seine Situation.<\/p>\n<p>Allerdings wusste er einfach keine andere Art zu leben. Er hatte noch nie etwas anderes gelernt. Seine Mutter und sein Stiefvater hatten Aspekte seiner Pers\u00f6nlichkeit, die f\u00fcr sie unangenehm waren &#8211; wie jedes Anzeichen von Reife, St\u00e4rke und Unabh\u00e4ngigkeit &#8211; immer ignoriert, und so schien auch er die Idee zu bekommen, dass er versuchen konnte, alles zu ignorieren, was unangenehm oder unbequem war in sich selbst. Es war ganz nat\u00fcrlich, dachte er, das zu tun.<\/p>\n<p>Was auch immer der Grund f\u00fcr sein Denken und Verhalten war, je mehr er versuchte, Ideen zu unterdr\u00fccken, die er f\u00fcr inakzeptabel hielt, desto mehr f\u00fcrchtete er sich vor ihnen und desto mehr bekam er Angst auch vor anderen Aspekten des Lebens. In gewisser Hinsicht bekam er sogar Angst vor den Leuten um ihn herum in Harvard, von denen er annahm, dass sie versuchten, ihn auf eine Art und Weise zu ver\u00e4ndern, die er \u00fcberhaupt nicht mochte.<\/p>\n<p>Angst vor anderen Menschen zu haben bedeutet, einsam zu sein, und f\u00fcr David bedeutet Einsamkeit abwechselnde Perioden von Depression und Gl\u00fcck, Angst und Hoffnung.<\/p>\n<p>In den gl\u00fccklichen Zeiten erlebte er die angenehmen, traum\u00e4hnlichen Aspekte der Realit\u00e4t, die unter vielen Jugendlichen und unter denen, die ihre Jugend nie wirklich \u00fcberwuchern, \u00fcblich sind. Zu jener Zeit leuchtete die ganze Welt mit leuchtender, intensiver Farbe, als jede Person und jedes Ereignis in seinem Leben sich verschworen, um ihn gl\u00fccklich zu machen. Diese Zeiten waren jedoch auch, m\u00f6glicherweise &#8211; ganz einfach &#8211; schlecht f\u00fcr ihn, weil sie sein Gef\u00fchl der Isolation verst\u00e4rkten und ihn, wenn er traurig war, die Traurigkeit intensiver f\u00fchlen lie\u00dfen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich wollte er, dass ihm jemand half, aber selbst dieses Verlangen war von seiner kindlichen Sicht der Dinge gef\u00e4rbt. Er sehnte sich nach einer idealen Welt, in der Leute wie Ann und Clayton ihm helfen k\u00f6nnten. Aber er war zu egoistisch, um zu verstehen, dass er ihnen in einer idealen Welt als Gegenleistung geholfen h\u00e4tte, aber er war noch zu unreif, um so etwas machen zu k\u00f6nnen. Unglaublicherweise war er nicht einmal in der Lage zu verstehen, dass Ann und Clayton selbst Probleme und Schwierigkeiten in ihrem Leben haben k\u00f6nnten, auch wenn sie von Zeit zu Zeit versuchten, ihm dies anzuzeigen.<\/p>\n<p>Er erkannte lange danach, dass, wann immer Ann und Clayton mit ihm sprachen, ein gro\u00dfer Teil ihrer Aufmerksamkeit anderswo gewesen sein musste, in Bezug auf ihre eigenen Schwierigkeiten und die ihrer Kinder. Sie konnten kaum etwas anderes tun, als zuzuh\u00f6ren und Fragen zu stellen, von denen sie dachten, dass diese f\u00fcr ihn hilfreich sein k\u00f6nnten. Ann und Clayton wussten sicherlich nicht genug \u00fcber ihn, um ihn zu beraten oder sehr viele Ideen vorzuschlagen, die n\u00fctzlich sein k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Sie z\u00f6gerten auch, sein Leben zu st\u00f6ren. Es war so wichtig f\u00fcr jeden in Harvard, &#8220;frei zu sein&#8221;. Die Freiheit wurde praktisch zum Status einer g\u00f6ttlichen Einheit erhoben, und niemand sollte jemandem raten oder sagen, etwas zu tun. Das k\u00f6nnte sich auf die &#8220;Freiheit&#8221; der anderen Person auswirken.<\/p>\n<p>Gleichzeitig \u2013 und das war eines der Dinge, das er an Harvard so seltsam fand, obwohl er sp\u00e4ter entdeckte, dass es f\u00fcr fast jede menschliche Organisation charakteristisch ist &#8211; gab es so viele Leute an der Universit\u00e4t, die \u00fcberhaupt nichts falsch daran sahen, zu versuchen, eine andere Person dazu zu bringen, alles zu tun, was sie wollten \u2013 oder alles zu sein, was sie wollten oder was sie dachten, dass er sein sollte. Nat\u00fcrlich hielten sie das nicht f\u00fcr einen Eingriff in die pers\u00f6nliche Freiheit eines anderen. Es schien ein weit verbreiteter Glaube zu sein, dass niemand manipuliert werden k\u00f6nnte, um etwas zu tun, was er nicht wirklich tun wollte, zumindest unbewusst. Also dachten die Menschen in Harvard, es g\u00e4be keinen Widerspruch zwischen dieser Manipulation und ihrer Besessenheit mit ihrem Konzept der Freiheit \u2013 ein Konzept, das David mit der Zeit mehr und mehr sonderbar schien.<\/p>\n<p>Bei all der Verwirrung, die er versp\u00fcrte, sehnte er sich nach jemandem, der zumindest versuchen konnte, ihm manche Dinge zu erkl\u00e4ren, jemandem, der ihm zumindest helfen konnten, sein Leben, seine Tr\u00e4ume, seine manchmal widerspr\u00fcchlichen Ziele und die oft be\u00e4ngstigenden Kr\u00e4fte in ihm zu verstehen. Aber da war niemand. Es gab niemanden, an den er wirklich denken und zu sich selbst sagen konnte: &#8220;Ja, er wird alles verstehen. Ich muss nur versuchen zu sprechen.&#8221;<\/p>\n<p>Unter den Leuten, die er au\u00dferhalb von Harvard kannte, gab es niemanden, an den er denken konnte, der wirklich in der Lage war, ihn zu verstehen. Harvard schien eine Welt f\u00fcr sich zu sein, mit einer eigenen Sprache, einer eigenen komplizierten Kultur, einer eigenen Denkweise, eigenen verbalen und intellektuellen Referenzen, die nur im verschachtelten Harvard-Kontext verst\u00e4ndlich waren. All diese Dinge waren f\u00fcr irgendjemanden au\u00dferhalb von Harvard unm\u00f6glich zu verstehen, dachte er bei sich, also wie konnte er jemandem au\u00dferhalb von Harvard erkl\u00e4ren, was ihn bel\u00e4stigte? Sie konnten einfach nicht die Sprache verstehen, die er benutzen musste.<\/p>\n<p>Um die Sache noch schlimmer zu machen, gab es damals in Harvard praktisch niemanden, der jemals davon getr\u00e4umt h\u00e4tte, irgendjemandem einen Rat zu geben. Manipulieren, ja, aber geben Sie Rat, nein. Es war damals in Mode, zu denken, dass die einzige M\u00f6glichkeit, einer anderen Person zu helfen, &#8220;nicht-direktiv&#8221; zu sein w\u00e4re. Das bedeutet, einfach dem anderen zuzuh\u00f6ren, der \u00fcber seine Probleme sprach. Die Annahme war, dass jemand, der lange genug \u00fcber seine Probleme sprach, irgendwann seine eigene L\u00f6sung finden w\u00fcrde. Ob diese L\u00f6sung zufriedenstellend war oder nicht, lag nicht in der Verantwortung des Zuh\u00f6rers. Der musste f\u00fcr nichts Verantwortung \u00fcbernehmen. Er wurde von der Verantwortung befreit.<\/p>\n<p>Diese Art der Beratung war nat\u00fcrlich in der Theorie gut; Die einzige Schwierigkeit dabei war, dass niemand wirklich &#8220;nicht-direktiv&#8221; sein kann.<\/p>\n<p>Mehr als alles andere, was David zu dieser Zeit hilfreich war, war in Wirklichkeit ein schwaches Bewusstsein f\u00fcr eine andere Dimension des Lebens, mit allem, was dazu geh\u00f6rt. F\u00fcr ihn bedeutete das, im Rahmen eines religi\u00f6sen Sakraments, der Beichte, nach Rat zu suchen, wo er seine Schwierigkeiten diskutieren, sie aus dem Kontext von Harvard herausholen und in einem anderen Kontext, der verst\u00e4ndlicher war, umformulieren konnte. Nur viele Jahre sp\u00e4ter brachte dies in seinem Leben Ergebnisse hervor, die er als greifbar betrachten konnte. Er glaubte jedoch, dass die meisten Dinge, die wirklich wichtig sind, so sind: versteckt und unauff\u00e4llig.<\/p>\n<p>Lange Zeit war es intellektuell modisch gewesen, Religion als Ursache so vieler Schwierigkeiten des Lebens zu betrachten. Die Menschen wiesen gerne auf die Religion als Problemquelle und nicht als L\u00f6sung hin.<\/p>\n<p>In einer Hinsicht, so schien es, k\u00f6nnten diese Leute vielleicht recht haben. David hielt es f\u00fcr wahr, dass es immer schwierig ist, nach den Lehren einer der gro\u00dfen Religionen der Welt zu leben. Ein solcher Versuch, so schien es ihm, wird uns in Konflikt mit dem Schlimmsten in uns selbst und in anderen Menschen bringen. Die gro\u00dfen Religionen ermutigen uns, die h\u00f6chsten Ideale zu erreichen, dachte David, aber diese Ideale waren genau das Gegenteil dessen, wof\u00fcr die menschliche Natur strebte &#8211; die menschliche Natur, wie er sie ohnehin kannte. Die gro\u00dfen Religionen, so wie er sie verstand, stellten Forderungen an Menschen, die gar nicht so leicht zu erf\u00fcllen sind.<\/p>\n<p>Er fragte sich jedoch, was die Alternative war. Wenn ein Mann irgendeines Alters an diese Ideale glaubte und dachte, dass diese Forderungen bedeutungsvoll waren, dann f\u00fchlte er sich verpflichtet, sie zu erf\u00fcllen, und wenn er es nicht tat, konnte das Leben leer, mittelm\u00e4\u00dfig und kaum lebenswert erscheinen. Ein Mann k\u00f6nnte dann versuchen, die Leere eines solchen Lebens mit all den letzlich sinnlosen Freuden zu f\u00fcllen, die auf der Welt verf\u00fcgbar sind. Er k\u00f6nnte versuchen, ein Gef\u00fchl von Langeweile und Mittelm\u00e4\u00dfigkeit auszugleichen, indem er sich mit mehr oder weniger gef\u00e4hrlichen Zeitvertreiben besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p>Sich mit diesen Fragen auseinander zu setzen, k\u00f6nnte eine lebenslange Anstrengung bedeuten, hat David gesehen, aber es war eine Anstrengung, die das Leben f\u00fcr diejenigen lohnte, die glaubten, dass es mehr im Leben gab als die sichtbare, materielle Welt. David war davon \u00fcberzeugt, dass dies in einer Zeit wie der, in der er lebte, besonders zutrifft, wo menschliche Werte oft durch Werte ersetzt wurden, die eher auf Wirtschaft und Technologie beruhten.<\/p>\n<p>David wusste, dass dieselben Leute, die glaubten, dass Religion die Ursache f\u00fcr Schwierigkeiten f\u00fcr junge Menschen sei, auch denken k\u00f6nnten, dass jeder, der versuchte, nach den Lehren der Religion zu leben, sich zu einem Leben gefolterter Repression verdammte. David glaubte jedoch weiterhin daran, dass das, was einige als Repression bezeichnen k\u00f6nnten, der Beginn eines Kampfes f\u00fcr ein Ideal sein k\u00f6nnte, und wenn dieser Kampf manchmal Schmerz und sogar eine Art von Terror und extremer Angst bedeutete, konnte jemand wirklich genug wissen, um zu sagen, Kampf hat sich nicht gelohnt? Er glaubte es nicht.<\/p>\n<p>Als junger Mann &#8211; und sein ganzes Leben lang &#8211; erinnerte er sich daran, was ein Priester einmal gesagt hatte: &#8220;Es gibt eine andere Welt; es gibt eine bessere Welt als diese. Und in dieser anderen Welt werden wir eine sch\u00f6nere und gl\u00fccklichere Existenz haben als hier. Wir m\u00fcssen uns jedoch auf diese Existenz vorbereiten. Wir m\u00fcssen gut sein und wir m\u00fcssen tun, was richtig ist &#8211; oder zumindest immer versuchen es. Mehr als das und vor allem m\u00fcssen wir nach einem Weg suchen, Gott zu lieben; wir m\u00fcssen versuchen, unseren Weg zu finden, Gott zu lieben, und wir m\u00fcssen folgen, wohin auch immer dieser Weg uns f\u00fchrt.&#8221;<\/p>\n<p>Diese Worte, so glaubte er, kennzeichneten ihn f\u00fcr das Leben, weil er von der Existenz der Welt, von der der Priester sprach, \u00fcberzeugt war und er blieb w\u00e4hrend seines ganzen Lebens davon \u00fcberzeugt. Schon als Knabe war er von der Existenz dieser Welt ebenso \u00fcberzeugt wie von der materiellen Welt, die er t\u00e4glich um sich sah.<br \/>\n\u2014<br \/>\n\u2014<br \/>\n\u2014<br \/>\n<em><strong>Part 1, Chapter 20<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>\u201eNur mein blinder Glaube an die Idee, die den V\u00f6lkern der Welt Licht und Freundschaft bringt, gab mir die Kraft, auszuhalten. Konnte ich denn damals wissen, dass ich in einem Vakuum voller Parolen lebte, in dem kein einziges meiner Ideale zu verwirklichen war?\u201c<br \/>\n\u2013Michael Moshe Checinski<br \/>\nDer traurige Fr\u00fchling<\/p>\n<p>\u201cOnly my blind faith in an idea that would bring light and amity to all the peoples of the world gave me the strength to endure. So could I have known then that I was living in a vacuum of words, in which not one of my ideals could ever be realized?\u201d<br \/>\n\u2013Michael Moshe Checinski<br \/>\nDer traurige Fr\u00fchling<\/em><\/p>\n<p>Davids fr\u00fchesten \u00dcberzeugungen \u00fcber die Welt und \u00fcber die Moral entspringen den \u00dcberzeugungen, die ihm von den Erwachsenen vermittelt wurden, die in seinem Leben am einflussreichsten waren: Priester, Lehrer und in gewissem Ma\u00dfe auch seine armen Eltern. Sp\u00e4ter hatten die B\u00fccher, die er las, als er jung war, einen Einfluss auf sein Denken und auf seinen Glauben. Er w\u00fcrde sich sein ganzes Leben lang an diese B\u00fccher erinnern. Viele der Leute, die er kannte, h\u00e4tten ihm nicht geglaubt \u2014 schlie\u00dflich, wie viele junge M\u00e4nner lesen B\u00fccher auf diese Weise oder lesen die Art von B\u00fcchern, die David gelesen hat? Die Autoren, die ihm wichtig waren, waren eine eigenartige Auswahl: Plato, Augustine, Fran\u00e7ois Mauriac, Graham Greene und Evelyn Waugh. Sie bildeten eine seltsame Gruppe, und doch schien es ihm oft, als h\u00e4tten diese Menschen seine Gedanken f\u00fcr immer geformt.<\/p>\n<p>Es gab ein wichtiges Element, das fast alle diese Autoren teilten. Jeder von ihnen au\u00dfer Plato war Katholik.<\/p>\n<p>Seine Freunde und Lehrer st\u00e4rkten ihm die Wahrheit und Wichtigkeit von allem, was er glaubte. Auch die Eltern einiger seiner Schulkameraden haben seine Ideen verst\u00e4rkt, aber auf eine negative Art und Weise, sozusagen. Diese Menschen waren intelligente, erwachsene Amerikaner der oberen Mittelschicht, die jeder Religion extrem skeptisch gegen\u00fcberstanden. Ihre Skepsis hatte jedoch nur eine Wirkung: Sie machte ihn sicherer, was er glaubte.<\/p>\n<p>Die \u00dcberzeugungen, die er hatte, wurden noch mehr durch das pl\u00f6tzliche Gewahrsein gest\u00e4rkt, das manchmal einige junge M\u00e4nner \u00fcberholen kann, wenn sie mit der fast \u00fcberw\u00e4ltigenden Sch\u00f6nheit der nat\u00fcrlichen Welt und der von Menschen gebauten Welt konfrontiert werden. In seinem Fall geschah dies kurz vor dem Ende seiner High-School-Karriere, als er mit einigen der anderen Sch\u00fcler seiner Sekundarschule seine erste Europareise machte.<\/p>\n<p>Dinge, die in jedem anderen Alter prosaisch sein k\u00f6nnten, sind f\u00fcr einen Siebzehnj\u00e4hrigen seltsam und aufregend und k\u00f6nnen einen tiefen Eindruck in seinem Kopf hinterlassen, besonders wenn er einen Verstand wie David hat: Ein wilder Mitternachtssturm im Nordatlantik hatte Gef\u00fchle von Ehrfurcht und Aufregung in seinem Kopf ausgel\u00f6st; die Magie eines sonnigen, fr\u00fchen Sommermorgens in London, als jede Stra\u00dfe und jedes Geb\u00e4ude schien, Mysterien anzudeuten, die erkundet werden sollten; die Pracht der \u00f6sterreichischen Alpen, wenn man sie einfach anschaute, schien David ein Abenteuer zu sein; und nat\u00fcrlich Rom, wo er fast den Eindruck hatte, die Zeit sei stehengeblieben, oder wo so viel Zeit gleichzeitig anwesend war &#8211; das Reich, das bis an die Grenzen der bekannten Welt reichte, die Martyrien in den fr\u00fchen Jahrhunderten unserer Zeit, die Pracht der Renaissance und das Gef\u00fchl von Alter und Verfall und Erneuerung, das in der modernen Stadt so weit verbreitet schien.<\/p>\n<p>Und dann war da nat\u00fcrlich Paris, wo, glaubte er, das Verstand und Intellekt, die jeder besa\u00df, muss sicherlich wie nie zuvor zum Leben erwachen.<\/p>\n<p>Er hatte noch nie einen solchen Ort wie Paris gesehen.<\/p>\n<p>F\u00fcr ihn waren die Buchhandlungen allein blendend. Die einzigen echten Buchl\u00e4den, die er bis dahin je gesehen hatte, waren kleine und irgendwie isolierte kleine Gesch\u00e4fte im amerikanischen Mittleren Westen, weit weg von den gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dten. Jetzt hier in Paris gab es \u00fcberall Buchhandlungen, Buchhandlungen aller Art und Gr\u00f6\u00dfe &#8211; und es gab die St\u00e4nde entlang der Seine, die alle mit einer verwirrenden Vielfalt von B\u00fcchern gef\u00fcllt waren. Jeder von ihnen, so stellte er sich vor, \u00f6ffnete sich in ein anderes Universum, und all diese Universen waren ordentlich in den Regalen angeordnet, die \u00fcberall um ihn herum erschienen &#8211; die Welt nach Tolstoi, Dostojewski, Dickens, Hemingway, Mauriac, Aquinas. Alles, was er tun konnte, war, seinen Geist sich aufgeregt und zuf\u00e4llig von einem zum anderen bewegen zu lassen. Neben den B\u00fcchern gab es auch das Paris des Louvre und die eindringliche neue Erfahrung der Kunst.<\/p>\n<p>Diese Einblicke in die unendlichen M\u00f6glichkeiten der Sch\u00f6nheit, die die Welt h\u00e4lt, waren die ersten von vielen, die er in diesen Jahren haben w\u00fcrde. Sie begannen, in sein Leben und in seine Gedanken zu kommen, zusammen mit der \u00dcberzeugung &#8211; die immer st\u00e4rker wurde -, dass die Existenz Gottes real ist. In der Tat verst\u00e4rkten all diese neuen Wahrnehmungen die Idee, dass die materielle Sch\u00f6nheit eng mit der Realit\u00e4t und der Sch\u00f6nheit Gottes verbunden sein muss.<\/p>\n<p>Dieses Bewusstsein wurde jedoch immer mehr zu einem Hindernis, als er von der High School nach Harvard ging. In der intellektuellen Umgebung von Harvard war zu dieser Zeit kein Platz f\u00fcr diese Art von Bewusstsein.<\/p>\n<p>So viel dazu, Harvard als eine Gemeinschaft zu betrachten, in der die Leute stolz auf ihre Geistesoffenheit waren, dachte er bei sich. Dort, wie \u00fcberall, basierten die akzeptierten Arten, die Welt zu sehen, auf gemeinsamen Vorurteilen, die einen gro\u00dfen Einfluss auf das Denken und Verhalten aller hatten. Die Leute in Harvard waren sich einfach nicht bewusst, wie ihre angebliche Geistesoffenheit tats\u00e4chlich ziemlich eingeschr\u00e4nkt war.<\/p>\n<p>Harvard-Studenten sollte die gr\u00f6\u00dfte Freiheit des Denkens und Handelns gew\u00e4hrt werden, und alle nahmen an, dass sie mit dieser Freiheit schlie\u00dflich zu der gleichen Denkweise \u00fcber Dinge gelangen w\u00fcrden, mit denen alle anderen in Harvard mit ihrer Freiheit gekommen waren. Und wenn diese Sch\u00fcler zu anderen Denkweisen kamen, dann war etwas nicht in Ordnung mit ihnen.<\/p>\n<p>Harvards ber\u00fchmter Respekt vor der Freiheit eines jeden Menschen zeigte sich vielleicht am besten nicht an der Art und Weise, wie Ideen au\u00dferhalb der allgemein akzeptierten Harvard-Weltanschauung toleriert wurden &#8211; weil sie, wiederum, \u00fcberhaupt nicht toleriert wurden -, sondern vielmehr an der Art und Weise, wie die Menschen die Freiheit hatten, sich selbst zu zerst\u00f6ren, wenn sie wollten. Naiv wie er war, fand David das schockierend, jedes Mal, wenn er es sah. Er hielt es f\u00fcr schlimm genug, dass wirklich selbstzerst\u00f6rerische Menschen in der Welt diese Freiheit erhalten sollten. Es kam ihm jedoch noch schlimmer vor, dass begabte Freunde in Harvard, die Rat w\u00fcnschten, die eine Art Richtung in ihrem Leben wollten, die die Antworten auf die gr\u00f6\u00dferen Fragen der Existenz brauchten, nicht bekommen konnten, was sie wollten und brauchten. Harvards Zeitgeist erlaubte ihnen einfach ins Trudeln zu geraten und zu verschwinden &#8211; aus Respekt vor ihrer &#8220;Freiheit&#8221;.<\/p>\n<p>Was David manchmal \u00fcberraschte, war, dass nur wenige Leute in Harvard zu verstehen schienen, dass fast jeder junge Mann \u2013 wie einige der Freunde Davids oder auch David selbst \u2013 sich einen wirklich schlechten Rat geben kann. So ein junger Mann ist auch in der Lage, diesem Rat zu folgen. Dies gilt insbesondere f\u00fcr jeden jungen Mann, der von Selbstzweifeln und Verwirrung \u00fcberw\u00e4ltigt ist und der sich selbst zerst\u00f6ren kann aus der \u00dcberzeugung, dass sein Leben sinnlos scheint und dass er es nicht wert zu \u00fcberleben ist. Das ist besonders traurig, denn im Falle eines begabten jungen Mannes ist nat\u00fcrlich genau das Gegenteil der Fall. David hatte einige der besten jungen M\u00e4nner seiner Generation gesehen, die sich entweder langsam oder auf einmal zerst\u00f6rten, weil es ihnen erlaubt war weiter zu glauben \u2013 im Namen einer seltsamen Vorstellung von &#8220;Freiheit&#8221; \u2013  dass sie es nicht verdient h\u00e4tten zu \u00fcberleben.<\/p>\n<p>Er dachte, dass er am Ende trotz allem, was in seinem Leben passiert war, einer der Gl\u00fccklichen gewesen war. In sp\u00e4teren Jahren dachte er oft an eine Unterhaltung, die er einmal mit einem Freund hatte, der, wie sich sp\u00e4ter herausstellte, viel mehr Hilfe brauchte als David, aber der zu dieser Zeit tat, was er konnte, um David zu helfen. Vielleicht liegt es daran, dass David, zum Teil wegen Jonathan, \u00fcberhaupt \u00fcberleben konnte. Jonathan versuchte zumindest, David einen gewissen Orientierungssinn zu geben.<\/p>\n<p>Jonathan war ein au\u00dferordentlich intelligenter junger S\u00fcdstaatler, dessen Vater der Herausgeber einer der f\u00fchrenden Zeitungen des Landes war. Er hatte ein rundes, sanftes Gesicht und rotblonde Haare, die immer wieder \u00fcber seine Stirn fielen.<\/p>\n<p>Sie liefen sp\u00e4t an einem Herbstnachmittag in ihrem ersten Jahr in Harvard am Charles River entlang. Die B\u00e4ume, die den Fluss s\u00e4umten, erstreckten sich vor ihnen, von der Boylston Street, vorbei am anglikanischen Kloster und dann weiter bis zur ersten Biegung des Flusses. Die B\u00e4ume schienen mit der gleichen Farbe zu leuchten wie das Feuer, das die untergehende Sonne \u00fcber den Himmel warf. Es war die Zeit des Jahres, als ganz Neu-England mit dieser Farbe in den St\u00e4dten, entlang der Fl\u00fcsse und \u00fcberall in den Bergen lebendig zu sein schien.<\/p>\n<p>Jonathan hatte ihn nach seiner Familie gefragt, und er hatte geantwortet: &#8220;Ich wei\u00df es nicht. Manchmal glaube ich, dass ich keine Familie habe.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Was meinst du?&#8221;, fragte Jonathan.<\/p>\n<p>David blieb stehen und wandte sich ab und schaute dann \u00fcber die Oberfl\u00e4che des Flusses. &#8220;Meine Eltern kennen mich nicht, sie wollen es gar nicht&#8221;, sagte er. &#8220;Wenn sie mit mir reden, scheinen sie mit jemandem zu sprechen, der nur in ihrer Vorstellung existiert. Ich f\u00fchle, dass ich f\u00fcr sie unsichtbar bin.&#8221;<\/p>\n<p>Jonathan sah ihn nachdenklich an. &#8220;Und der Rest deiner Familie?&#8221;<\/p>\n<p>David sah ihn an. \u201cWas meinst du, \u2018der Rest meiner Familie\u2019? Das ist die ganze Familie, die ich habe.\u201c<\/p>\n<p>&#8220;Ja, aber Harvard ist eine Art Familie, nicht wahr?&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Nun&#8221;, antwortete David, &#8220;es ist eine Art Gemeinschaft.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Klar, aber es ist mehr als das.&#8221; Jonathan sah ihn so selbstsicher an, dass er l\u00e4cheln wollte. David dachte, dass Jonathans Ideen manchmal etwas seltsam waren, aber er h\u00f6rte ihm gerne zu. &#8220;Die Leute, die schon lange hier sind, kennen sich&#8221;, fuhr Jonathan fort. &#8220;Die gleichen Einfl\u00fcsse haben sie geformt, die gleiche Art zu denken. Man k\u00f6nnte fast sagen, dass sie durch den Intellekt n\u00e4her verwandt sind, als manche Menschen mit Blut verwandt sind.&#8221; Er sah wieder zu David, als wolle er versuchen zu sehen, ob das, was er sagte, Wirkung zeigte.<\/p>\n<p>David sah ihn an, ohne etwas zu sagen.<\/p>\n<p>Jonathan l\u00e4chelte auf seine ruhige, innere Art und fuhr fort: &#8220;Aber diese Beziehung ist nicht auf Menschen beschr\u00e4nkt, die jetzt in Harvard sind, in diesem Moment. Dazu geh\u00f6ren auch Menschen, die hier in der Vergangenheit gearbeitet und studiert haben.&#8221;<\/p>\n<p>Jonathan hatte jetzt eine Art von W\u00e4rme und Helligkeit, etwas, das David oft gesp\u00fcrt hatte, etwas, von dem er dachte, dass es fast real genug war, es zu sehen. &#8220;Ich f\u00fchle mich ihnen oft irgendwie nahe&#8221;, sagte Jonathan. &#8220;Manchmal habe ich das Gef\u00fchl, dass sie fast von jemandem wie mir gewusst h\u00e4tten, ich habe fast das Gef\u00fchl, dass sie es sich vorgestellt haben k\u00f6nnten, dass ich existieren w\u00fcrde. Sie scheinen so nah zu sein. Ich meine, intellektuell.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Aber wer genau sind &#8216;sie&#8217;?&#8221;, fragte ihn David.<\/p>\n<p>\u00bbLeute wie T. S. Eliot, Thomas Wolfe, Faulkner, der junge Henry Adams.\u00ab Jonathan wandte den Blick von ihm ab und blinzelte auf eine M\u00f6we, die verschiedene Muster in der Luft \u00fcber einem Rennruderboot auf dem Fluss zeichnete.<\/p>\n<p>David drehte sich ebenfalls um und sah die Kuppel des Parlamentsgeb\u00e4udes, die \u00fcber dem Beacon Hill zu h\u00e4ngen schien, die wie ein Tropfen geschmolzenen Goldes am fernen Himmel leuchtete.<\/p>\n<p>Sie gingen schweigend zum Platz zur\u00fcck.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Teil 1, Kapitel 11 \u201eUnd allm\u00e4hlich, je mehr ich las und je wunderlicher und fremder mich das Hinunterblicken auf D\u00e4cher, Gassen und Alltag ergriff, tauchte des \u00d6fteren zaghaft und beklemmend das Gef\u00fchl in mir auf, auch ich sei vielleicht ein Seher und die vor mir ausgebreitete Welt warte auf mich, dass ich einen Teil ihrer [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":112,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-619","page","type-page","status-publish","hentry"],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/P6P74S-9Z","jetpack-related-posts":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archive.blogs.harvard.edu\/revision\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/619","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archive.blogs.harvard.edu\/revision\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/archive.blogs.harvard.edu\/revision\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archive.blogs.harvard.edu\/revision\/wp-json\/wp\/v2\/users\/112"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archive.blogs.harvard.edu\/revision\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=619"}],"version-history":[{"count":472,"href":"https:\/\/archive.blogs.harvard.edu\/revision\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/619\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9431,"href":"https:\/\/archive.blogs.harvard.edu\/revision\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/619\/revisions\/9431"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archive.blogs.harvard.edu\/revision\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=619"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}