{"id":614,"date":"2007-10-02T16:01:17","date_gmt":"2007-10-02T14:01:17","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.law.harvard.edu\/revision\/version-auf-deutsch-das-ende-ist-es-wo-wir-anfa"},"modified":"2022-12-06T12:49:41","modified_gmt":"2022-12-06T11:49:41","slug":"version-auf-deutsch-das-ende-ist-es-wo-wir-anfangen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/archive.blogs.harvard.edu\/revision\/version-auf-deutsch-das-ende-ist-es-wo-wir-anfangen\/","title":{"rendered":"VERSION AUF DEUTSCH &#8212; Das Ende ist es, wo wir anfangen &#8212; Teil 01, Kapitel 1-10"},"content":{"rendered":"<p>20 July 2022<\/p>\n<p>Bemerkung: Diese deutsche \u00dcbersetzung wird von dem Autor durchgef\u00fchrt, nur als eine Art Sprach\u00fcbung.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Das Ende ist es, wo wir anfangen<br \/>\nEin Roman<br \/>\nvon Robert John Bennett.<\/p>\n<p>\u2014<br \/>\nUrheberrechtlich gesch\u00fctzt 2008 \u2014 Robert John Bennett<br \/>\n\u2014<\/p>\n<p>INHALT<\/p>\n<p>\u201eMein lieber Freund,\u201d sagte er, \u201ees gibt keinen Grund dazu, \u00fcberrascht zu sein oder dich in deinen Erwartungen get\u00e4uscht zu sehen. Es passiert oft, dass das autobiographisches Element eines Romans \u00fcberhaupt nicht der Erz\u00e4hler ist, sondern der Charakter, den der Erz\u00e4hler beschreibt.\u201d \u2013 Nils Sondergaard<\/p>\n<p>Teil Eins:<\/p>\n<p>Harvard \u2014 das erste Jahr<br \/>\n\u2014<br \/>\n\u2014<br \/>\n\u2014<br \/>\nTeil 1, Kapitel 1<\/p>\n<p>Forsitan et haec olim meminisse juvabit\u2026.<br \/>\n\u2013Vergilius<br \/>\nAeneidos<\/p>\n<p>Eines Tages wird es vielleicht angenehm, sich auch an diese Dingen zu erinnern\u2026.<br \/>\n\u2013Vergil<br \/>\nDie \u00c4neis<\/p>\n<p>Er w\u00fcrde nicht von dir erwarten, dass du glaubst, eine Geschichte wie diese k\u00f6nnte der Wirklichkeit entsprechen. Manchmal konnte auch er es nicht glauben. Viel davon musste er sich zwingen, sich daran zu erinnern; auf viel davon war er nicht sehr stolz. Eigentlich aber hatte er das Gef\u00fchl, dass sein Leben ziemlich bedeutungslos w\u00e4re, wenn er nicht versuchte, allerwenigstens, irgendetwas davon schriftlich festzuhalten, egal wie plump und unbeholfen sein Schreiben sein k\u00f6nnte. Und egal wie viel Angst er davor haben k\u00f6nnte, seine Geschichte zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Diese Geschichte handelt sich um einen Jungen, um einen jungen Mann in Harvard, einen, der das Gesicht eines Unschuldigen hatte \u2013 strahlend, offen, aber manchmal auch ratlos und verletzt. Er war erf\u00fcllt von Energie und Ideale und einer jugendlichen Liebe zu allem, was er \u00fcber das intellektuelle Leben gelernt hatte. Nat\u00fcrlich glaubte er, dass er ein wenig von den schmerzlichen und h\u00e4sslichen Seiten des Lebens w\u00fcsste, aber er war fast \u00fcberzeugt davon, dass all das relativ unwichtig w\u00e4re. Er glaubte, dass das Einzige, was er zu tun h\u00e4tte, sei, diese Seite des Lebens aus seinen Gedanken herauszudr\u00e4ngen. Er wusste, dass es B\u00f6ses auf der Welt g\u00e4be, aber was ihn betrifft, gab es nichts B\u00f6ses, dem er nicht ausweichen konnte, nichts B\u00f6ses, worum er sich eigentlich k\u00fcmmern musste, nichts B\u00f6ses, das ihn je beeinflussen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Am Anfang in Harvard, war die Art von Professor, in dessen Vortr\u00e4gen Seelengr\u00f6\u00dfe mitschwang, das, wovon er sich am meisten bewusst war. Diese Professoren aber konnten ihm auch eine seltsame Sorte von Schmerz und Verlegenheit bereiten, wegen der selbstgef\u00e4lligen, sp\u00f6ttischen und herablassenden Art und Weise, wie sie \u00fcber die gro\u00dfen Schriftsteller und Dichter der englischen Literatur sprachen. Als sie das taten, erregten sie in ihm ein merkw\u00fcrdiges Gef\u00fchl von Dem\u00fctigung im Namen dieser l\u00e4ngst Gestorbenen, die der L\u00e4cherlichkeit so elegant und gewandt preisgegeben wurden.<\/p>\n<p>Also, weil dieser junge Mann den Hochmut eines Heranwachsenden hatte, schwor er sich, auf irgendeinem tiefen Niveau seines Geistes und ohne wirklich zu verstehen, was er tat, dass niemand seine Schriften mit diesem wenig mitf\u00fchlenden Auftreten mustern w\u00fcrde. Es w\u00fcrde, versprach er es sich, keine Schriften zu mustern geben.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter aber ist er zu der Einsicht gelangt, dass er wenigstens seine eigene Geschichte schreiben m\u00fcsste und dass er dabei hoffen br\u00e4uchte, dass andere Menschen diese Geschichte mit m\u00f6glichst gro\u00dfem Mitgef\u00fchl und Verst\u00e4ndnis lesen w\u00fcrden. Er hoffte auch, dass sie die Art und Weise \u00fcbersehen w\u00fcrden, wie er sich \u00e4u\u00dferte. Es war die einzige Art und Weise, wie er sich \u00e4u\u00dfern konnte. Er musste alles verschl\u00fcsseln, sozusagen, in seiner Begriffsstutzigkeit und Dummheit. Er dachte, dass Begriffsstutzigkeit und Dummheit ihn sch\u00fctzen w\u00fcrden, vor der Beachtung von irgendjemand, der dar\u00fcber lachen w\u00fcrde, was er zu sagen hatte. Er war so hochmutig, dass er nie aufh\u00f6rte, sich um solche Dinge Sorgen zu machen.<\/p>\n<p>Er hoffte auch, dass einige Leute versuchen w\u00fcrden, hinter der Verschl\u00fcsselung zu sehen. Er hoffte, dass sie denken w\u00fcrden, das sei der M\u00fche wert. Wenn sie aber ab und zu nicht umhinkonnten, ihn auszulachen, w\u00fcrde er es verstehen. Er war hochmutig, aber auch er konnte sich auf jeden Fall auslachen.<br \/>\n\u2013<br \/>\n\u2013<br \/>\n\u2013<br \/>\nTeil 1, Kapitel 2<\/p>\n<p>\u201cThere are no dangerous thoughts, thinking itself is dangerous.\u201d<br \/>\n\u2013Hannah Arendt<br \/>\nThe New Yorker, December 5, 1977<\/p>\n<p>\u201cEs gibt keine gef\u00e4hrlichen Gedanken, das Denken selbst ist gef\u00e4hrlich.\u201c<br \/>\n\u2013Hannah Arendt<\/p>\n<p>In Harvard zu studieren, das war f\u00fcr David so wichtig, dass er das Gef\u00fchl hatte, sein Leben w\u00fcrde nur dann richtig anfangen, als er Harvard endlich erreichte. Seit langem wird Harvard f\u00fcr ihn der Mittelpunkt der Welt. Harvard sogar war die Welt manchmal, denn er konnte an nichts anderes denken, in den Monaten, die vor seiner Reise nach Cambridge vergangen sind.<\/p>\n<p>Er hatte das Gef\u00fchl, dass die Universit\u00e4t in gewisser Hinsicht ein endlos geheimnisumwitterter Ort sei, mit Tausenden von heimlichen \u00d6ffnungen, die in unendlich weitl\u00e4ufige Dimensionen f\u00fchrten.<\/p>\n<p>Er rechnete damit, dass er in Harvard die Art Freunde finden w\u00fcrde, nach denen er sein ganzes Leben lang suchte. Es w\u00e4ren begabte Freunde, instinktiv liebevolle Freunde, die ein tiefes und intuitives Verst\u00e4ndnis f\u00fcr einander und f\u00fcr die intellektuelle und materielle Welt, die sie umgab, hatten. Sie w\u00fcrden sich alle an Gespr\u00e4chen \u00fcber die gr\u00f6\u00dften Wahrheiten und die h\u00f6chsten Ideale beteiligen. Ihre Ideen w\u00fcrden sich spiegeln und vervielfachen, bis diese eine Art von engelhaftem Glanz annahmen. Zusammen w\u00fcrden David und seine Freunde ferne und bis dahin unbekannte Gedankenwelten erforschen. Alles, nach dem sie suchten und nicht finden konnten, w\u00fcrden sie f\u00fcr sich selbst gestalten. Ein ganzes Universum von Weisheit w\u00fcrde vor ihnen liegen, und sie w\u00fcrden sich durch dessen endlose Gebiete bewegen, als ob sie dort zu Hause w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Er wusste, dass es viele Leute gebe, die sagen w\u00fcrden, dass solche Tr\u00e4ume durch seine eigene \u00fcberw\u00e4ltigende Einsamkeit verursacht wurden, und er vermutete, dass das wahr sei. Seine Tr\u00e4ume aber wurden auch durch alles verursacht, was er \u00fcber Harvard gelesen hatte, und \u00fcber die Menschen, die dort studiert hatten.<\/p>\n<p>Auf fast jeder Seite der Literatur und Geschichte seines eigenen Landes sah er sich mit Andenken dieser Menschen und dieser Universit\u00e4t konfrontiert. Es war, als es wenigstens versteckte Hinweise darauf g\u00e4be, in beinahe allem, was er las, so dass, auch bevor er dorthin ankam, Cambridge diese \u201eferne, gl\u00e4nzende Stadt\u201c f\u00fcr ihn geworden war.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich jetzt w\u00e4re auch er der Meinung \u2013 das Leben muss ihn davon \u00fcberzeugt haben \u2013 dass all das gef\u00e4hrliche Illusionen seien, obwohl er damals gewiss nicht dachte, sie seien Illusionen.<\/p>\n<p>Das aber, was die Sache noch schlimmer machte, war, dass, als er endlich nach Cambridge kam, die Wirklichkeit von allem, wovon er getr\u00e4umt hatte, schien, dadurch best\u00e4tigt zu werden, dass die dingliche und materielle Umgebung dem \u00e4hnelte, was er hatte sehen wollen und womit er gerechnet hatte.<\/p>\n<p>Alles gl\u00fchte in diesen weichen Farben eines Herbstes in Neuengland. Die Geb\u00e4ude auf dem Harvard Yard wurden nur aus Ziegelsteinen und Granitbl\u00f6cken gebaut, aber als er sie durch seine unschuldigen \u2013 oder wenigstens unreifen \u2013 Augen ansah, leuchteten sie wie Juwelen. Alles wurde lichtgeladen, sozusagen, und die mehrfachen Reflexionen strahlten durch seine Gedanken aus. Der ganze Harvard Yard wurde aufgeleuchtet, als ob durch Feuer, vor den Herbstfarben der B\u00e4ume, die sich hoch oben bogen und nacheinander griffen und dabei das Zentrum der Universit\u00e4t zu einer einzigen enormen Kathedrale aus Farben machten \u2013 auf jeden Fall in seinen Augen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich sprach er \u00fcber diesen Ideen mit niemandem, zumindest nicht am Anfang. Warum sollte er das tun? Zun\u00e4chst hielt er es f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich, dass alle andern die Welt sahen, genauso wie er es sah.<\/p>\n<p>Als es aber anfing, ihm zu d\u00e4mmern, dass die Welt, die er wahrnahm, k\u00f6nnte vielleicht ganz anders sein, als diejenige, die andere Menschen sahen, wurden all diese neuen inneren und \u00e4u\u00dferen Aspekte f\u00fcr ihn immer r\u00e4tselhafter. Er suchte nach jemandem, der ihn beruhigen und seine Wahrnehmungen best\u00e4tigen w\u00fcrde, aber niemand in seine Umgebung etwas anbieten konnte, abgesehen davon, dass alle ihm sagten, er m\u00fcsste einfach glauben, dass sie alles sehr gut verst\u00fcnden, was er erf\u00fchre.<\/p>\n<p>Er war \u00fcberbereit, ihnen in dieser Hinsicht zu vertrauen. Eigentlich glaubte er sehr gern, dass andere viel mehr \u00fcber ihn wussten, als er selbst es wusste, weil ein solches Vertrauen es ihm leichter machte, in einer Welt zu leben, die immer verwirrender wurde.<\/p>\n<p>Wenn er ab und zu vermutete, dass, trotz dem, was sie sagten, andere Leute gar keine Ahnung davon hatten, was ihm am wichtigsten sei, wunderte das ihn nicht, egal was er sonst noch empfunden haben mag.<\/p>\n<p>Warum sollten andere Leute eine Ahnung davon haben, was ihm lieb sei? Schlie\u00dflich hatten seine Eltern keine Ahnung davon. Manchmal benahmen sich diese, als ob sie gar nicht w\u00fcssten, dass er existiere. Auf jeden Fall konnten sie nicht wissen, was im Kern seines Wesens lag. Eigentlich schien es, als ob sie das nicht wissen wollten.<\/p>\n<p>Seine Eltern gingen den Angelegenheiten ihrer t\u00e4glichen Leben nach, als ob er unsichtbar w\u00e4re. Also, sagte er sich, wenn das, was er dachte und tat, keine Wirkung auf seine eigene Eltern zu haben schien, dann d\u00fcrften die Unwissenheit oder die Gleichg\u00fcltigkeit oder das vorget\u00e4uschte Verst\u00e4ndnis anderer Leute nicht ungew\u00f6hnlich zu sein scheinen. Trotzdem jagten ihm solche Dinge irgendwie Angst ein.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich waren nicht alle gleichg\u00fcltig, aber diejenigen, die es nicht waren, glaubten, dass er schlie\u00dflich entt\u00e4uscht werden w\u00fcrde, obwohl sie ihm damals nicht sagen wollten oder es nicht sagen konnten.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter schloss er daraus, dass diese Menschen schon oft den Schmerz anderer Studienanf\u00e4nger gesehen haben m\u00fcssten, die unrealistische Erwartungen darin gesetzt h\u00e4tten, was Harvard sein w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Diese Art Studienanf\u00e4nger in Harvard hatte es immer gegeben, der entdeckte, dass er alles anders s\u00e4he, als die meisten Menschen. Als diese Entdeckung stattfand, war die erste Reaktion dieses jungen Mannes, eine fast unwiderstehliche Sehnsucht danach zu sp\u00fcren, jedem Menschen, den er mochte, seine Welt zu beschreiben, als ob er ein unermesslich wertvolles Geschenk hatte, das er ihnen machen wollte.<\/p>\n<p>David war einer dieser Studienanf\u00e4nger, der eine Beschreibung davon aussch\u00fctten musste, was er gerade gesehen oder erfahren hatte. Gleichzeitig, als er das tat, hatte er einen Gesichtsausdruck, der so offen, so redlich, so verletzlich aber auch seltsam aggressiv war, dass er fast idiotisch schien, als ob der Junge irgendein merkw\u00fcrdig unschuldiges Wesen w\u00e4re, der seine Freunde ansprach, nur um der Liebe willen, die er f\u00fcr sie empfand.<\/p>\n<p>Alles aber, was diese Art Junge sah und beschrieb, enthielt ein ern\u00fcchterndes und ergreifendes Element: Die M\u00f6glichkeiten waren so sehr gro\u00df, dass er nie \u00fcberleben w\u00fcrde. Er war inneren Kr\u00e4ften ausgeliefert, Kr\u00e4ften \u2013 man konnte sie kaum \u201eSt\u00e4rke\u201c nennen \u2013 die ihn zwangen, die Welt um ihn herum anzuschauen und das zu berichten, was er dort sah und empfand, ohne R\u00fccksicht auf die Folgen.<\/p>\n<p>F\u00fcr andere Menschen war das Problem, dass das, was ein solcher junger Mann sah oder empfand, auf keine Art und Weise best\u00e4tigt werden konnte. Also fragten sie sich, ob es sich lohne, ihm zu helfen zu \u00fcberleben. Schlie\u00dflich k\u00f6nnte er einfach noch ein begeisteter Heranwachsender sein?<\/p>\n<p>Und wenn er das nicht war, dann was war er, wirklich? Auf jeden Fall, sagten sie sich, vielleicht stellte er eine Bedrohung ihrer Existenz dar, der Art und Weise, wie sie die Welt sahen.<\/p>\n<p>Trotzdem konnte ein solcher junger Mann das Interesse seiner Freunde und anderer Leute so wach halten, dass alles andere in ihren Augen geringer wurde, im Vergleich zu ihm. Leider konnten sie ihn nie wissen lassen, dass das der Fall sei. Also schien es ihm, dass das, was er sah oder dachte, relativ wenig wert sein muss.<br \/>\n\u2013<br \/>\n\u2013<br \/>\n\u2013<br \/>\nTeil 1, Kapitel 3<\/p>\n<p>\u201eSchrecklich ist die Verf\u00fchrung zur G\u00fcte\u201c.<br \/>\n\u2013Berthold Brecht<\/p>\n<p>Er sah nicht anders aus, als die anderen Studienanf\u00e4nger, die \u00fcber den Harvard Yard eilten. Er trug das, was alle damals trugen, n\u00e4mlich eine Jacke und Krawatte, und er hatte das frische und fast zu saubere Aussehen, das um diese Zeit irgendwie schien, typisch amerikanisch zu sein. In seinen eigenen Augen aber, war er voller Makel und Unvollkommenheit, und gel\u00e4hmt durch Unsicherheit.<\/p>\n<p>Und doch war er sehr oft gl\u00fccklich, w\u00e4hrend dieser ersten Tage in Harvard, teilweise dar\u00fcber, dass er in der Tat wirklich in Harvard war. So viele Menschen, deren Leben er bewunderte, hatten ihre Ausbildung in Harvard erhalten, wurden in Harvard geformt. Und jetzt war auch er da.<\/p>\n<p>So viele gro\u00dfe Geister sind in Harvard geformt worden. Also m\u00fcsse auch er echter Gr\u00f6\u00dfe f\u00e4hig sein, glaubte er, ohne daran zu denken, dass es Hunderte von anderen Harvard-Studienanf\u00e4nger um ihn herum gab, die genau dasselbe glaubten.<\/p>\n<p>Er hatte auch keine Ahnung, wie seine angebliche F\u00e4higkeit zu Gr\u00f6\u00dfe sich \u00e4u\u00dfern w\u00fcrde, aber er ging davon aus, dass das einfach in der Natur der Dinge liege. Er ist zum Schluss gekommen, dass, letzten Ende, ein echt gro\u00dfes Leben \u2013 wie ein echt gro\u00dfes Kunstwerk \u2013 einzigartig ist. Es gibt nichts, das die entfernteste \u00c4hnlichkeit mit so einem Leben hat. Also, fragte er sich, wie kann jemand wirklich im Voraus wissen, wie so ein Leben aussehen wird oder welche Kr\u00e4fte es gestalten werden, und wie es auf diese Kr\u00e4fte reagieren wird?<\/p>\n<p>Als er aber von Gr\u00f6\u00dfe tr\u00e4umte, nat\u00fcrlich zur gleichen Zeit qu\u00e4lte ihn sehr oft ein fast vollkommener Mangel an Selbstvertrauen; manchmal wurde er auch von einem Gef\u00fchl der Unzul\u00e4nglichkeit beinahe \u00fcberw\u00e4ltigt. Obwohl es ihm normal schien, zu den gro\u00dfen Geistern der Vergangenheit aufzusehen, trotzdem f\u00fchlte er sich begriffsstutzig und unf\u00e4hig, als er sich mit anderen Harvard-Studienanf\u00e4nger verglich \u2013 und es muss noch einmal gesagt werden, dass es ihm nie einfiel, dass eine gro\u00dfe Menge von ihnen dasselbe Gef\u00fchl hatte.<\/p>\n<p>Er tritt w\u00e4hrend des Essens in den Speisesaal ein und sah diese Massen von jungen M\u00e4nnern. Er wusste, er einfach wusste, dass sie alle sehr klug und intelligent seien; sie schienen ganz anders als er: Die sahen unvergleichlich sorglos und unbefangen aus. Wie konnten sie von demselben nagenden Gef\u00fchl der Besorgnis \u00fcberhaupt befallen sein, das er hatte? Sie waren so sehr selbstbewusst einander gegen\u00fcber; sie konnten alle so sehr leicht und flie\u00dfend unter sich reden. Er sah zu, wie sie sich selbstsicher bewegten und er wusste \u2013 aus tiefster Seele wusste er es \u2013 dass sie alle die Natur intelligenter junger K\u00f6nige teilten, w\u00e4hrend er sich selbst so vorkam, als ob er ein Niemand w\u00e4re.<\/p>\n<p>Als er mit ihnen redete, nat\u00fcrlich konnte er gew\u00f6hnlich eine Weile tun, als ob er sich beherrschte, so gut wie sie, aber er konnte die Verstellung nicht sehr lange aufrechterhalten. Bald f\u00fchlte er sich isoliert und \u00e4ngstlich. Er fragte sich, wie all die anderen so entspannt aussehen konnten, und wie sie mit einander so m\u00fchelos reden konnten.<\/p>\n<p>Wie konnten sie sich einander so brillant erwidern? Wie konnten sie so viel gelernt haben, und er so wenig? Er fragte sich, ob er je aufh\u00f6ren w\u00fcrde, sich unbehaglich zu f\u00fchlen, in der Gegenwart dieser Zeitgenossen, die \u2013 er war sich dieser Sache sicher \u2013 eine h\u00f6here Denk- und Verhaltensweise erreicht hatten.<\/p>\n<p>Viele Jahre sp\u00e4ter, sagte einer seiner Bekannten, dass er nicht sch\u00fcchterner oder unbeholfener gewesen w\u00e4re, als der durchschnittliche Studienanf\u00e4nger in Harvard. Man sagte ihm, dass fast jeder Studienanf\u00e4nger in Harvard manchmal glaube, dass er ein einfacher B\u00fcrgerlicher sei, unter adligen Wesen vornehmer Abkunft. Und jeder normalerweise verbirgt den anderen sein ihn schmerzendes Gef\u00fchl der Unsicherheit, auf dieselbe Art und Weise, wie David es tat.<\/p>\n<p>Wenn er sich unter den anderen Studenten h\u00e4tte sehen k\u00f6nnen, h\u00e4tte er gewusst, dass er so gut dachte und sprach und sich bewegte, wie die Besten unter ihnen. Allem Anschein nach, schien auch er einer der goldenen Jugendlichen, ein halbverkleideter junger K\u00f6nig. Sp\u00e4ter f\u00e4llt es ihm schwer, das zu glauben. Es w\u00e4re ihm damals sogar schwerer gefallen, so etwas zu denken.<\/p>\n<p>Trotzdem, wenn er doch ein K\u00f6nig w\u00e4re, bestand sein Land aus den Gebieten seiner eigenen Gedanken: einem Innenbereich, wo die ersten gravierenden Konflikte schon anfingen, sich zu r\u00fchren.<br \/>\n\u2013<br \/>\n\u2013<br \/>\n\u2013<br \/>\nTeil 1, Kapitel 4<\/p>\n<p>\u201eAch Harry, wir m\u00fcssen durch so viel Dreck und Unsinn tappen, um nach Hause zu kommen! Und wir haben niemand, der uns f\u00fchrt, unser einziger F\u00fchrer ist das Heimweh\u201c.<br \/>\n\u2013Hermann Hesse<br \/>\nDer Steppenwolf<\/p>\n<p>Andere Menschen w\u00fcrden sp\u00e4ter sagen, dass seine Konflikte nur Anzeichen extremer Labilit\u00e4t seien.<\/p>\n<p>Wo es sich um solche Sachen handelte, auch wenn diese Sachen ihn betrafen, war David l\u00e4ngst zu dem Schluss gekommen, dass seine eigene Meinung wenig z\u00e4hlte. Nat\u00fcrlich aber, wenn irgendjemand ihm danach gefragt h\u00e4tte, h\u00e4tte er gesagt, dass er glaube nicht, diese Konflikte seien Anzeichen der Labilit\u00e4t, ob extrem, ob m\u00e4\u00dfig.<\/p>\n<p>Er hat immer gedacht, dass diese Konflikte sich ergaben, als ein junger Mann sich abm\u00fchte, gut zu bleiben. Nat\u00fcrlich damals konnte er sich nicht dieser Sache sicher sein, weil er immer gelesen hat, dass alle Menschen neigten dazu, sich in solchen Fragen zu t\u00e4uschen, und er glaubte, dass das stimme. Er dachte, der einzige Weg, diese Tendenz auszugleichen, war, jede verheerende Bewertung von ihm kritiklos hinzunehmen. Er glaubte, die Wahrheit w\u00fcrde schlie\u00dflich herauskommen.<\/p>\n<p>Andere Menschen \u2013 seine Mutter, sein Stiefvater, verschiedene Lehrer, Priester, Psychiater, Freunde \u2013 m\u00fcssen immer Recht haben, dachte er. Auch wenn diese nicht Recht h\u00e4tten, glaubte er, dass es eine Art Tugend sei, alles hinzunehmen, ohne eine Auseinandersetzung, was sie \u00fcber ihn sagten.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter, nat\u00fcrlich, begann auch er, sich nicht all das zusammenreimen zu k\u00f6nnen, was alle von ihm hielten, weil er sehen konnte, wie oft die verschiedenen Meinungen \u00fcber ihn sich selbst widersprachen. Allm\u00e4hlich gewann er den Eindruck, dass die Meinung von ihm, die andere Menschen h\u00e4tten, eigentlich in gar keinem Zusammenhang mit ihm oder mit seiner Pers\u00f6nlichkeit oder mit seiner Situation st\u00fcnde. Allm\u00e4hlich d\u00e4mmerte es ihm, dass der Rat von anderen Menschen vielleicht nicht darauf gerichtet sei, ihm zu helfen, sondern vielmehr darauf, irgendein Bed\u00fcrfnis zu befriedigen, das sie selbst h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich, wenn er irgendjemandem erz\u00e4hlt hatte, dass er so etwas d\u00e4chte, h\u00e4tte man gesagt, dass solche Ideen seinerseits einfach noch ein Anzeichen f\u00fcr einen unausgeglichenen Geisteszustand w\u00e4ren. Diese Meinung \u00fcber ihn h\u00e4tte er \u2013 ausnahmsweise \u2013 nicht hingenommen, obwohl er sich nie dar\u00fcber gestritten h\u00e4tte. Er h\u00e4tte sich einfach daran erinnert, dass schlie\u00dflich, ganz egal was die Wahrheit sein mag, es die Wahrheit ist, die sich im Laufe der Zeit offenbaren wird, und so klar, dass die Leute keine andere Wahl haben werden, als sie zu akzeptieren. Er glaubte, dass auch wenn Menschen leidenschaftlich behaupten, dass irgendetwas der Wahrheit entspricht, und dadurch glauben, dass sie es wahr machen k\u00f6nnen, werden ihre Illusionen und Selbstt\u00e4uschungen schlie\u00dflich vergessen werden, auf dieselbe Art und Weise, wie man aufwacht und einen Traum vergisst. Nur die Wahrheit wird \u00fcbrig bleiben.<\/p>\n<p>Erst sp\u00e4ter aber wurde diese Denkweise echt voll entwickelt. Am Anfang seines ersten Jahr in Harvard, fiel es ihm schwer, solche Gewissheit zu haben. Er konnte nur verstehen, dass er in einer Welt lebte, die andere Menschen als voll von Illusionen betrachtet h\u00e4tten, wenn sie das gewusst h\u00e4tten, was er wirklich dachte.<\/p>\n<p>Wie schon darauf hingewiesen, stand im Mittelpunkt der Welt Davids die Frage von Gr\u00f6\u00dfe. Es war nat\u00fcrlich nicht unbedingt seine eigene Gr\u00f6\u00dfe, sondern wenigstens die Vorstellung von Gr\u00f6\u00dfe im Allgemeinen. Es schien ihm, dass alle um ihn herum st\u00e4ndig von Gr\u00f6\u00dfe redeten. Diese Sache war anscheinend ein ganz normales Element der Welt in Harvard. Er h\u00f6rte es in den Vortr\u00e4gen bestimmter Professoren, Vortr\u00e4gen, die schienen, einen Sinn f\u00fcr die endlose Dimension zu verraten, nach der er suchte, als er nach Harvard kam, eine Dimension, die eigentlich das sich weithin erstreckende Gebiet des menschlichen Geistes war.<\/p>\n<p>Merkw\u00fcrdigerweise \u2013 wenn man Davids Interessen betrachtet, aber vielleicht nicht so merkw\u00fcrdig, wenn man sich daran erinnert, welcher Bereich des intellektuellen Lebens den gr\u00f6\u00dften Einfluss auf unsere Welt jetzt aus\u00fcbt \u2013 war es w\u00e4hrend der Vortr\u00e4ge eines Professoren f\u00fcr Naturwissenschaft, wo David zum ersten Mal auf dieses ganz neue Gef\u00fchl f\u00fcr das Leben stie\u00df.<br \/>\n\u2013<br \/>\n\u2013<br \/>\n\u2013<br \/>\nTeil 1, Kapitel 5<\/p>\n<p>\u201eWarum war denn dieses Sternbild dem jungen Werther so teuer? Weil er, so oft er es sah, immer wieder erkannte, dass er vor ihm durchaus kein Atom und kein Nichts war, dass diese ganze unermessliche Tiefe der geheimnisvollen Wunder Gottes durchaus nicht mehr bedeute als sein Denken, als seine Erkenntnis, nichts H\u00f6heres ist als das in seiner Seele enthaltene Sch\u00f6nheitsideal und folglich ihm gleich ist und ihn mit der Unendlichkeit des Seins verbindet\u2026\u201c<br \/>\n\u2013Fiodor Dostojevski<br \/>\nTagebuch eines Schriftstellers<\/p>\n<p>Er tritt in den hinteren Teil des H\u00f6rsaals in Burr Hall ein und blickte hinunter, auf das tief unter ihn liegende Podium, das am Ende einer steilen und fast Schwindel erregenden Neigung von Sitzen errichtet wurde. Diese Aussicht verursachte ein Hochgef\u00fchl. Gleichzeitig gab es auch etwas Furcht Erregendes. Er war einsam; er sah sich mit einer unbekannten Welt konfrontiert, oder wenigstens mit einer ihm unbekannten Welt. Egal, was er \u00fcber die Frage der Gr\u00f6\u00dfe gedacht haben mag, genau in dem Augenblick brachten ihm solche Ideen gar kein Selbstvertrauen.<\/p>\n<p>Er setzte sich irgendwo in die Mitte des H\u00f6rsaals und sah zu, wie seine Kommilitonen eintraten: die jungen M\u00e4nner, unterschiedlich gestimmt, einige nachdenklich und einige lachend, und die jungen Frauen von Radcliffe, fast alle sehr ernst. Dann, um genau acht Minuten nach der vollen Stunde, trat Professor George Wald ein, und seine Anwesenheit stand sofort im Brennpunkt des Interesses.<\/p>\n<p>Wenn es jemals einen Professor in Harvard gab, der sich wie ein Mitglied einer intellektuellen Aristokratie benahm, war es George Wald. Gleichzeitig aber konnte man immer einen humoristischen Anflug in seinem Auftreten sp\u00fcren, eine Art von leiser Selbstverspottung. Das leise L\u00e4cheln, das ihm fast immer im Gesicht geschrieben stand, schien meistens auf ihn selbst gerichtet zu werden. Manchmal aber verzog sich sein L\u00e4cheln zu einem breiten Grinsen und leuchtete, als ob er uns sagen wollte, \u201eEs ist mir ein echt gro\u00dfes Vergn\u00fcgen, Sie alle hier zu sehen! Es ist eine wahre Wonne, dass wir alle da sind, oder?\u201c In solchen Augenblicken hatte David den Eindruck, dass Walds Gesicht die Art Licht widerspiegelte, das man in einem Gem\u00e4lde von Rembrandt finden konnte. Ringsherum schien die Luft selbst, irgendwie, vor freudiger Erwartung zu gl\u00e4nzen.<\/p>\n<p>George Wald schwieg einen Augenblick und sah sich im H\u00f6rsaal um. Er l\u00e4chelte, als ob er die Beachtung gen\u00f6sse, die dreihundert junge Geister ihm schenkten. \u201eWir werden heute Morgen anfangen,\u201c sagte er, \u201emit der Darlegung eines Gedankens, das heutzutage fast ein Gemeinplatz ist: die Idee, dass wir alle aus demselben Stoff gemacht sind, der die Materie sterbender Sterne einmal bildete.\u201c<\/p>\n<p>Damals f\u00fcr David war diese Idee kein Gemeinplatz, und als Professor Wald sie zum Ausdruck brachte, stellte David sich vor, dass er das verstand, was einer der alten Entdeckungsreisenden empfunden haben muss, als er in ein Land einreiste, das niemand wie er jemals gesehen hatte. \u201eUnser Sonnensystem,\u201c erkl\u00e4rte Wald, \u201emit seinen Planeten und allen Gesch\u00f6pfen, die auf unserer Welt leben, ist ein Nebenprodukt des Todes einer fr\u00fcheren Generation von Sternen.\u201c Er hielt inne und, mit seinem bekannten Sinn f\u00fcr das Dramatische, lie\u00df er uns die Implikationen ins Bewusstsein dringen. \u201eAuch rein materialistisch betrachtet,\u201c fuhr er fort, \u201esind wir Menschen nicht ohne Wichtigkeit im Kosmos. Wir haben ein Recht darauf, sich \u00fcberall zu Hause zu f\u00fchlen, wir haben ein Recht darauf, eine Verwandtschaft mit den Sternen wahrzunehmen \u2013 und mit allem, was diese dem menschlichen Geist immer bedeutet haben.\u201c<\/p>\n<p>Wie man vielleicht h\u00e4tte erwarten k\u00f6nnen, an einer Universit\u00e4t wie Harvard, gab es ein paar Studenten, die Wald dann auszischten, mehr oder weniger aus Scherz. Wald, wie immer, reagierte durch eine kleine Handbewegung und ein freudiges L\u00e4cheln. Er wusste, dass er die Gedanken der Studenten ergriffen und ihre Vorstellungskraft vervielfacht h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Als der Vortrag zu Ende war, ging David nach drau\u00dfen. Walds Vortrag hatte ihm zahlreiche neue Anregungen gegeben. Gleichzeitig aber, in einem kleinen, dunklen Bereich seines Denkens sp\u00fcrte er die Art Unbehagen und Verwirrung, die ihn zu einem gewissen Grad sein Leben lang begleitet hatte.<\/p>\n<p>Unbehagen, Verwirrung und Angst \u2013 alle drei waren die Folge eines andauernden, scheinbar endlosen Kampfes. Einerseits sp\u00fcrte er den Wunsch danach, ein guter Mensch zu sein \u2013 was einige als naiv bezeichnet hatten. Andererseits wurde er dem unerbittlich steigenden Bewusstsein der Existenz des B\u00f6sen auf der Welt und auch das Potenzial an B\u00f6se, das er \u2013 wie alle Menschen \u2013 auch hatte. Er dachte daran, was der Heilige Augustinus einmal geschrieben hatte: n\u00e4mlich, dass es keine b\u00f6se Tat gibt, die ein Mensch je begangen hat, die nicht von allen Menschen begangen werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>David glaubte auch, dass er das B\u00f6se einfach ignorieren k\u00f6nnte, egal welches B\u00f6se es w\u00e4re und egal wo er es vielleicht wahrnehmen w\u00fcrde. Er war sich davon sicher, dass er seine Gedanken einer anderen Sache einfach zuwenden k\u00f6nnte. Er war davon \u00fcberzeugt, dass er schlie\u00dflich, als die Jahre vergingen, nicht mehr von all dem gest\u00f6rt w\u00e4re, das unrecht ist, unrecht nach den Kenntnissen, die er schon in fr\u00fcher Jugend erworben hatte. Nicht gest\u00f6rt zu sein \u2013 das k\u00f6nnte er lernen. Letztendlich war es nicht das, was so viele andere Menschen getan hatten? Es w\u00e4re ihm doch ein Leichtes, dasselbe zu tun, oder?<br \/>\n\u2013<br \/>\n\u2013<br \/>\n\u2013<br \/>\nTeil 1, Kapitel 6<\/p>\n<p>\u201e\u2026Ehrgef\u00fchl \u2026gegen einen, den es zu vernichten galt\u201c.<br \/>\n\u2013Thomas Mann<br \/>\nJoseph und Seine Br\u00fcder<\/p>\n<p>Im Glanz dieses Herbstnachmittags, schien das Zeitlose fast wahrnehmbar zu sein. Alles war frisch, neu und mysteri\u00f6s: strahlende M\u00f6glichkeiten boten sich ihm an, durch alles, was er anschaute: das Licht, das auf die Backsteine eines T\u00fcrrahmens fiel; die wei\u00dfen, in der Sonne leuchtenden, georgianischen T\u00fcrme, die nach dem sanften Himmel von Cambridge griffen; der pl\u00f6tzliche Bogen der Fl\u00fcgel einiger V\u00f6gel, als sie sich j\u00e4h in die Luft erhoben. All dies auch verursachte ihm ein Gef\u00fchl der \u00dcberraschung und Verwirrung, denn er verstand nicht, warum er die Welt auf diese Art und Weise sah; er wusste es auch nicht, was er dagegen unternehmen m\u00fcsste.<\/p>\n<p>Das, was er als dieses \u201eneue Bewusstsein\u201c betrachtete, schien, jede allt\u00e4gliche T\u00e4tigkeit zu erh\u00f6hen. Es schien, dem Kampf gr\u00f6\u00dfere Bedeutung zu verleihen, dem Kampf, gut zu sein, Gott zu lieben, und dem ganzen Umfang geistlicher Ideale, die fast allen anderen anscheinend sinnlos waren, Ehre zu machen.<\/p>\n<p>All seine echt engen Freunde, schien es, fand er in B\u00fcchern oder unter den Heiligen, zu denen er betete \u2013 und das war, nat\u00fcrlich, ein klares Zeichen der Probleme, die vor ihm lagen. Er verstand nicht, wie gef\u00e4hrlich es war, dass er nicht unter den Leuten, die um ihn herum waren, diese intellektuelle Gemeinschaft finden konnte, nach der er sich sehnte. In der Literatur und im Beten schien es ihm, dass etwas sehr viel Besseres existierte. Wenn er die Gefahr aber nicht verstand, wenigstens fragte er sich manchmal, ob er sich einer Illusion \u00fcberlie\u00df, oder nicht. Nat\u00fcrlich waren alle, die um ihn herum waren, sich davon sicher, dass das der Fall war.<\/p>\n<p>Er glaubte aber, dass, auch wenn es eine Illusion w\u00e4re, seine Freunde zu finden, wo er sie fand, er nicht auf sie verzichten w\u00fcrde. Mancher w\u00fcrde sagen, dass das sein fataler Irrtum sei.<\/p>\n<p>Sicherlich, auf eine gewisse Art und Weise, f\u00fchlte er sich allein. Immer wieder aber, als er in die dunkle, ruhige Kirche in der N\u00e4he von Harvard Square eintrat und vor dem Tabernakel sa\u00df, und als er den kleinen Vorhang ansah und wusste, dass es hinter diesen eine \u00d6ffnung gab, der Ewigkeit zu, f\u00fchlte er sich immer noch allein, ganz bestimmt, aber allein in der Gegenwart einer Person, die nach dem, was David glaubte, in gewisser Hinsicht vielleicht immer allein war. Ob er es deswegen verdient, oder nicht, von vern\u00fcnftigeren Menschen verspottet zu werden, glaubte er, dass er allein war, mit jemandem, dessen Liebe es notwendig machte, dass er nach den h\u00f6chsten Grundprinzipien lebe, die er kannte. Das war alles, was er damals wusste; es war alles, was er sp\u00e4ter wusste. Seiner Meinung nach waren diese Werte die einzigen, nach denen er leben konnte, egal wie unbeholfen er es tat und egal wie oft er damit scheiterte.<\/p>\n<p>Diese Werte hat er schon fr\u00fch erworben, und sie sind ein notwendiger Bestandteil von ihm geworden. Ohne diese Werte w\u00fcrde sein Leben keinen Sinn ergeben; ohne sie w\u00fcrde er selbst keinen Zweck haben. Als Kind, hatte er aus dem Katechismus gelernt, dass Gott ihn erschaffen hat, um Gott in diesem Leben zu kennen, zu lieben und ihm zu dienen und mit ihm im zuk\u00fcnftigen Leben f\u00fcr immer gl\u00fccklich zu sein.<\/p>\n<p>Ganz egal. was er tun oder denken oder sagen k\u00f6nnte \u2013 und ganz egal, wie t\u00f6richt vern\u00fcnftigere Menschen diese Ideen finden k\u00f6nnten \u2013 waren sie die echte Basis f\u00fcr seine Existenz. Er war sich nicht immer dieser Ideen bewusst und er lebte nicht immer, als ob er all ihre Implikationen verst\u00fcnde, aber die \u00fcbten einen tiefen, verborgenen Einfluss auf all sein Verhalten. Es ist wahrscheinlich nicht \u00fcbertrieben, wenn man sagt, dass dies ein Einfluss w\u00e4re, dass ein so wichtiger Bestandteil seines Gedankens war, dass er glaubte, er k\u00f6nnte sich nicht davon befreien, ohne das ganze Fundament seiner Pers\u00f6nlichkeit zu zerst\u00f6ren.<\/p>\n<p>Viele Jahre nach der Krise, die er in Harvard durchmachte und die sein Leben vielf\u00e4ltig \u00e4nderte, auf eine Art und Weise, die er nicht vorausgesehen haben konnte, sagte ihm einmal einer seiner ehemaligen Professoren, \u201eEs muss noch etwas in Ihrem Leben vorgekommen sein, als Sie damals in Harvard waren.\u201c David verneinte es, weil es ihm schien, dass irgendetwas dem Professor vorschwebte, dem David damals nicht zustimmen konnte. Auf irgendeine Art und Weise aber hatte dieser Professor Recht, denn es tats\u00e4chlich schien manchmal, dass eine ganz andere Wirklichkeit seine Existenz bedr\u00e4ngte und beeinflusste, so gr\u00fcndlich und eng, dass er sie als ein wesentlicher Bestandteil dieser Existenz betrachten musste, und nicht als das \u201eetwas anderes\u201c, an das der Professor dachte. David glaubte, dass es diese Wirklichkeit war, worauf sein Leben, seine Existenz und seine Identit\u00e4t schlie\u00dflich gegr\u00fcndet worden waren.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter, als die Jahre vergingen, glaubte er immer fester, dass diese Wirklichkeit einfach die Wirklichkeit Gottes sei, auf die unklare, wirre und fragmentarische Art und Weise wahrgenommen, wie bestimmte Menschen glauben, dass sie in diesem Leben Gott wahrnehmen.<\/p>\n<p>F\u00fcr ihn war Gott der absurd zerbrechliche K\u00f6rper, diese im Tabernakel weggeschlossene Hostie, am Altar der Kirche in der N\u00e4he von Harvard Square, wo nur eine einzige rote Kerze brannte. Das war das \u201eetwas anderes\u201c, das sein Leben enthielt, weil er glaubte, dass dort, vor ihm in der Kirche, hinter einem d\u00fcnnen Schleier, Einer war, den kein Mensch jemals ergreifen k\u00f6nnte und dessen Wege kein Mensch jemals verstehen k\u00f6nnte. Da, am stillen Punkt \u2013 seines Erachtens \u2013 war der Anfang und das Ende des ganzen geschaffenen Universums.<\/p>\n<p>In dieser Kirche f\u00fchlte er sich zu dem hingezogen, was er von Gott wusste, oder so es ihm schien. Er f\u00fchlte sich durch die Art Instinkt hingezogen, der die meisten Lebewesen dazu bringt, sich auf das Licht zu orientieren, obwohl sp\u00e4ter, und ziemlich lange, als es um echte erwachsene Entscheidungen ging, er sich als jemanden betrachten w\u00fcrde, der der Dunkelheit zugewandt hatte.<br \/>\n\u2013<br \/>\n\u2013<br \/>\n\u2013<br \/>\nTeil 1, Kapitel 7<\/p>\n<p>\u201eWenn man nicht macht, was man als notwendig, wenn auch nur mit pers\u00f6nlichen Unannehmlichkeiten behaftet, erkannt hat, dann kann man irgendwann auch nicht mehr erkennen, was zu machen ist\u201c.<br \/>\n\u2013Horst-Eberhard Richter<br \/>\nBedenken gegen Anpassung<\/p>\n<p>Nach einer Woche von Orientierung f\u00fcr neue Studenten, am Abend des ersten Tages des Semesters, ging er wie \u00fcblich in den Speisesaal, der f\u00fcr Studienanf\u00e4nger reserviert war. Es war das Ende eines hellen, warmen Fr\u00fchherbsttages, und als er von seinem Harvard-Yard-Wohnheim ausging und sich umschaute, dachte er daran, wie viel die alten Geb\u00e4ude selbst fast wie der Weisheit errichtete Denkm\u00e4ler schienen, mit ihren \u201eVeritas\u201c-Wappen und dieser Aura des geheimnisvollen Versprechens, das er sehr bald verstehen w\u00fcrde \u2013 davon war er sich sicher.<\/p>\n<p>Eigentlich im Speisesaal zu sein aber war eine weniger angenehme Erfahrung, als nach dem Speisesaal zu gehen.<\/p>\n<p>Der Raum war enorm, riesig, und erinnerte ihn an den gro\u00dfen Saal, den die Ritter von irgendeinem nordischen Stamm benutzen, in einer angels\u00e4chsischen Saga. Die Atmosph\u00e4re war voll mit L\u00e4rm and dem Klang zahlloser Gespr\u00e4che, gef\u00fchrt von jungen Menschen, die David gar nicht bekannt waren. F\u00fcr einen Menschen wie ihn, der so sch\u00fcchtern und unsicher war, war das eine Furcht erregende Situation, eine Qual, die er dreimal am Tag erleiden musste.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich, wenn es m\u00f6glich war, versuchte er immer, sich zu Tisch zu setzen, wo es ein paar Leute gab, die er schon kannte. Das war aber nicht leicht, weil er nur wenige Leute kennen gelernt hatte. An diesem Abend sah David den \u00e4lteren Studenten, der f\u00fcr das Harvard-Wohnheim, in dem er wohnte, zust\u00e4ndig war. Sein Name war Eric Billings und er war ein intelligenter, extravertierter Jurastudent. Er hat sich zu Tisch mit einigen Studienanf\u00e4ngern gesetzt, die David schon im Wohnheim gesehen hatte, und als David sich zu ihnen setzte, tat Eric alles, was er konnte, damit auch David an der Konversation teiln\u00e4hme. Es fiel Eric wahrscheinlich nicht leicht, das zu tun, wegen Davids Scheuheit und seiner Naivit\u00e4t, zusammen mit der Art und Weise, wie er es erwartete, dass andere ihn ignorieren w\u00fcrden, wie seine Mutter und Stiefvater ihn immer ignorierten, als er mit ihnen zu Tisch war, in ihrem Haus. Wie er es oft tat, in solchen Situationen, so tat David jetzt, als wollte er wirklich unsichtbar sein. Er blickte die anderen kaum an. Eric aber gr\u00fc\u00dfte ihn und stellte ihn allen vor.<\/p>\n<p>David h\u00f6rte einen Kommilitonen fragen, was er als Hauptfach studieren wollte. \u201eIch wei\u00df es noch nicht\u201c, sagte er und starrte seinen Teller an, mit gesenktem Kopf, ohne jemanden anzublicken, \u201eaber ich glaube, es wird englische Literatur sein\u201c. Pl\u00f6tzlich herrschte es Stille, oder so schien es David. Er fragte sich, ob er fortfahren sollte. Er warf einen kurzen Blick auf alle und dann fuhr fort zu reden, vielleicht ein bisschen zu laut, ein bisschen zu schnell. \u201eIch wei\u00df nicht, warum genau ich englische Literatur als Hauptfach studiere. Es ist nur, dass, als ich in der Oberschule war, dieses Fach mir einfach gefiel \u2013 vielleicht weil es meinen Lehrern auch gefiel. Diese anscheinend dachten, man k\u00f6nnte irgendetwas \u00fcber das Leben lernen, wenn man Literatur studierte.\u201c<\/p>\n<p>Einer der Anwesenden schnaubte ungl\u00e4ubig. \u201eMein Gott, gibt es immer noch Menschen, die der Meinung sind, dass sie irgendetwas \u00fcber das Leben lernen k\u00f6nnen, wenn sie Literatur studieren?\u201c Die sarkastische Bemerkung brachte David dazu, unter den Tisch sinken zu wollen. \u201eIch davon aus\u201c, fuhr die Stimme fort, \u201edass wir immer noch im Zeitalter der amerikanische Unschuld leben\u201c.<\/p>\n<p>Es war Eric, der mit seiner tiefen, ruhigen Stimme reagierte. \u201eOder es k\u00f6nnte sein, Parker, dass wir immer noch im Zeitalter der Gro\u00dfspurigkeit der heranwachsenden Snobs leben\u201c.<\/p>\n<p>Erics Bemerkung aber war zu sp\u00e4t. David war sich davon sicher, dass er etwas gesagt h\u00e4tte, was nicht nur nicht wieder gutzumachend dumm war, sondern auch unverzeihlich bl\u00f6d. Ein Gef\u00fchl, das Heranwachsende oft haben, ergriff ihn, ein Gef\u00fchl der Scham und Verlegenheit. Kritik verletzte ihn tief, wie immer. Andererseits haben ihm Lob und Ermutigung nie geholfen, denn er wusste, er w\u00fcrde diese im Nu vergessen. Irgendwie konnte er nicht glauben, dass er Lob und Ermutigung tats\u00e4chlich verdient hat.<\/p>\n<p>Es sei wahrscheinlich die Wahrheit, dachte er bei sich. Vielleicht sei er doch v\u00f6llig unerfahren, ein Unschuldiger. Er fragte sich aber, ob er sich deswegen sch\u00e4men solle. Er fragte sich, warum es zu existieren scheint, im Verhalten unserer Spezies, eine Art Instinkt, der darauf zielt, Unschuld zu vernichten und Idealismus zu verhindern, zumal wo es sich um intelligente, junge M\u00e4nner handelt, obwohl David sich in diesem Augenblick kaum als intelligenten jungen Mann betrachtete. Manchmal schien es ihm, dass dieser Instinkt eine Sehnsucht nach Rache darstellte, eine Sehnsucht \u2013 seitens anderer Menschen \u2013 das Zunichtemachen ihrer eigenen Unschuld zu kompensieren. Er dachte bei sich, dass es irgendwo in der menschlichen Psyche m\u00f6glicherweise eine Art von primordialem Glauben existierte, nach dem das Fortbestehen der Unschuld, auch in einem einzigen Menschen, das \u00dcberleben aller gef\u00e4hrden k\u00f6nnte. Schien ein unschuldiger Mensch vielleicht einfach begriffsstutzig, damit man sich nicht auf ihn verlassen k\u00f6nnte, oder hielt man ihn f\u00fcr nicht schlau genug, um zu \u00fcberleben?<\/p>\n<p>\u00dcberleben. Als die Zeit verging, lief alles auf eine Frage des \u00dcberlebens hinaus: \u201eWenn ich nur dieses Semester \u00fcberleben kann \u2014\u201c pflegte er zu denken, oder \u201eWenn ich nur diesen Klausurzeitraum durchstehen kann \u2014\u201c oder \u201eWenn ich nur bis zum Fr\u00fchling \u00fcberleben kann \u2014\u201c oder sogar \u201eWenn ich nur durch diesen Tag kommen kann \u2014\u201c<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich meinte er nicht akademisches \u00dcberleben. Das war f\u00fcr ihn nie ein Problem. Aber das \u00dcberleben all dieser Werte, die er als den Kern seiner Identit\u00e4t betrachtete, und das \u00dcberleben der Ideale, die er erworben hatte \u2013 all das war es, was immer schien, so bedroht zu werden, genau das war der Punkt, wo er sich immer so verletzlich f\u00fchlte.<\/p>\n<p>Aber anfangs, als er Student in Harvard war, sp\u00fcrte er kaum mehr als ein vages Gef\u00fchl der Besorgnis, eine Art Verwirrung, zumindest im Vergleich zu dem, was er sp\u00e4ter sp\u00fcren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter w\u00fcrden die Bef\u00fcrchtungen so sehr heftig werden, dass er sie als eine Art \u00fcberw\u00e4ltigender Angst empfinden w\u00fcrde, oder als Zorn und ein Gef\u00fchl der Emp\u00f6rung. Zuk\u00fcnftig in Harvard w\u00fcrde es auch so weit kommen, dass der blo\u00dfe Anblick aller und alles um ihn herum ihm reine panische Angst und Bange einfl\u00f6\u00dfen w\u00fcrde.<br \/>\n\u2013<br \/>\n\u2013<br \/>\n\u2013<br \/>\nTeil 1, Kapitel 8<\/p>\n<p>\u201eAuch habe ich viel getr\u00e4umt von dem Modell, wovon ich so lange rede, woran ich so gern anschaulich machen m\u00f6chte, was in meinem Innern herumzieht\u2026.\u201c<br \/>\n\u2013Goethe<br \/>\nItalienische Reise<\/p>\n<p>Das Studentenwohnheim, wo David wohnte, wurde Thayer Hall genannt, und es war eins der neueren Geb\u00e4ude in Harvard Yard, dem urspr\u00fcnglichen Zentrum des Hochschulgel\u00e4ndes, da Thayer im neunzehnten Jahrhundert gebaut wurde. Ihm wurde eine Suite von zwei Zimmern zugewiesen, die er mit einem Zimmergenossen teilte. Diese Zimmer waren spartanisch: ein Sofa mit ein paar Schreibtischen, Betten, und St\u00fchlen; die W\u00e4nde waren teils verputzt, teils holzget\u00e4felt, und teils aus freigelegtem Backstein gebaut.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der ersten paar Wochen teilte David diese Zimmer mit einem Harvard-Studenten, der \u2014 unter all den Studenten, die er in vier Jahren an der Uni traf \u2014 am best\u00fcrzendsten war. Sein Name war Bowers, und er und David h\u00e4tten nicht verschiedener sein k\u00f6nnen, wenn sie versucht h\u00e4tten, das zu sein. Bowers schien \u2013 fast durch seine Existenz allein \u2013 alles zu verleugnen, an das David glaubte, alles, was David war. Vielleicht war das der Grund dazu, dass David und Bowers dieselben Zimmer zugewiesen wurden. So etwas passiert oft in Harvard. Oder vielleicht waren David und Bowers alle beide so seltsam \u2013 obwohl auf unterschiedliche Arten \u2013 dass niemand wusste, wo sonst noch sie unterzubringen. Egal aber der Grund zu dieser Entscheidung, die Idee, dass zwei Menschen wie David und Bowers eigentlich zusammenleben k\u00f6nnten, war zum Scheitern verurteilt, von Anfang an, genau von dem Moment, wo sie im Gehirn eines namenlosen Universit\u00e4tsb\u00fcrokraten gestaltet wurde.<\/p>\n<p>Nachdem David in die Zimmer eingezogen war, war von Bowers mehrere Tage lang nichts zu sehen, aber eines Morgens w\u00e4hrend der Immatrikulationswoche, als David in die Zimmer zur\u00fcckkam, da war Bowers. Er war ungef\u00e4hr ein Jahr \u00e4lter als David \u2013 aber in mancher Hinsicht war der Altersabstand viel gr\u00f6\u00dfer. Bowers war st\u00e4mmig und sah z\u00e4h aus, mit einem unheimlichen, wilden Element in seinem Charakter.<\/p>\n<p>An dem Tag, wo David ihn kennen lernte, hatte Bowers verblichene Jeans und ein T-Shirt an, zu einem Zeitpunkt, wo jeder Harvard-Student immer eine Jacke, eine Krawatte und eine ordentlich geb\u00fcgelte Hose trug. Bowers sah so aus, als ob er sich nicht in mindestens achtundvierzig Stunden rasiert oder die Haare gek\u00e4mmt hatte.<\/p>\n<p>Er stand vor seiner Kommode und anscheinend versuchte, irgendetwas in der obersten Schublade anzuordnen. Als er David in das Zimmer eintreten h\u00f6rte, drehte er sich um und grinste. \u201eHallo. Du bist Dave Austin?\u201c<\/p>\n<p>\u201eGenau.\u201c<\/p>\n<p>\u201eBill Bowers.\u201c Er streckte seine Hand aus, damit sie sich die Hand sch\u00fctteln k\u00f6nnten. Die Hand von Bowers war voller feuchter Erde, als ob er in einem Garten gearbeitet h\u00e4tte.<\/p>\n<p>\u201eArbeitetest du drau\u00dfen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNein.\u201c Und er lachte. \u201eSchau mal.\u201c<\/p>\n<p>Er zeigte auf die ge\u00f6ffnete Schublade der Kommode. David schaute darin hinein und sah, dass der Boden der Schublade mit einer Erdeschicht gedeckt wurde, ungef\u00e4hr vier Zentimeter dick. Kleine, gr\u00fcne S\u00e4mlinge waren ordentlich in Reihen gepflanzt worden. \u00dcber der Schublade stand eine Lampe, die David als die Art Lampe erkannte, die man benutzte, um Pflanzen in einem Gew\u00e4chshaus zu ziehen.<\/p>\n<p>\u201eNur ein bisschen Grass\u201c, sagte Bowers. \u201eDu hast kein Problem damit, oder?\u201c<\/p>\n<p>David stand vor einem R\u00e4tsel. Das Wort \u201eGrass\u201c war damals in Harvard nicht sehr wohl bekannt. Er zwinkerte mit den Augen, sah auf die Pflanzen, dann auf Bowers, und wieder auf die Pflanzen.<\/p>\n<p>\u201eGras?\u201c sagte David, und er sah nochmals auf Bowers. \u201eWarum willst du Gras hier ziehen? Es gibt viel Gras drau\u00dfen. Die Rasenfl\u00e4che im Yard ist voller Gras.\u201c<\/p>\n<p>Und jetzt war es Bowers, der einen Augenblick fassungslos wirkte. \u201eWoher kommst du?\u201c sagte er.<\/p>\n<p>\u201eMichigan.\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd es gibt kein Grass in Michigan?\u201c Er fing an zu l\u00e4cheln, als ob etwas sehr Lustiges gerade eben geschehen war.<\/p>\n<p>\u201eNat\u00fcrlich gibt es Grass in Michigan,\u201c sagte David, und er begann, sich ver\u00e4rgert zu f\u00fchlen.<\/p>\n<p>\u201eDu bist nicht viel in der Welt herumgekommen, oder?\u201c Bowers schaute ihn weiter an. Bei David wirkte Bowers\u2019 Gesichtsausdruck sehr sp\u00f6ttisch, aber nicht unfreundlich. Trotzdem f\u00fchlte sich David ver\u00e4rgerter denn je. \u201eIch wollte nicht die Art Gras damit sagen\u201c, fuhr Bowers fort. \u201eIch meine, wei\u00dft du, Grass \u2013 Marihuana\u201c, und er zeigte David eine Art schlecht gerollter Zigarette mit klumpiger F\u00fcllung, auf beiden Enden gedreht. \u201eHier\u201c, sagte Bowers, \u201ewollen wir uns damit anturnen?\u201c<\/p>\n<p>Einfach mit Bowers zu plaudern \u2013 das machte alles f\u00fcr David ein bisschen unwirklich. \u201eMarihuana?\u201c sagte er. Und er dachte, \u201eRauschgift? Dieser Typ nimmt Rauschgift?\u201c<\/p>\n<p>\u201eGenau\u201c, und Bowers zuckte mit den Achseln. \u201eLetztes Jahr bin ich aus der Milit\u00e4rakademie der Vereinigten Staaten in West Point rausgeflogen, aus einer der renommiertesten Hochschulen des Landes, nur weil ich kiffte. Aber Harvard ist anders. Hier kannst du alles tun, was du willst.\u201c<\/p>\n<p>Jetzt konnte David ihn kaum h\u00f6ren. Das Wort \u201eRauschgift\u201c schien ihm \u00fcberall widerzuhallen, immer wieder und immer lauter, bis es fast ohrenbet\u00e4ubend war. Pl\u00f6tzlich war das Zimmer sehr eng geworden. Er musste rausgehen.<\/p>\n<p>Er ging direkt zum Zimmer von Eric, der Aufsichtf\u00fchrenden Person im Wohnheim, und sprach von Bowers. David war schockiert und ver\u00e4rgert und au\u00dfer Atem, und er musste auf Eric sehr jung und naiv wirkte, weil Eric einen Augenblick dasa\u00df, ohne etwas zu sagen. Er paffte seine Pfeife und sah David nachdenklich durch den Rauch an. Er war dreiundzwanzig und schien ein alter, weiser Mann zu sein \u2013 oder so dachte David. \u201eIch bin hier in Harvard\u201c, sagte er zu Eric, \u201ein Harvard \u2013 und ich muss mit jemandem zusammenleben, der Rauschgift benutzt \u2013 der auch Rauschgift produziert \u2013 Rauschgift, das so gef\u00e4hrlich ist, dass ich dessen Namen schon vorher nie geh\u00f6rt habe!\u201c<\/p>\n<p>Er redete und redete und als die Flut seiner Worte aufgeh\u00f6rt und er nichts mehr zu sagen hatte, schwieg er einen Augenblick und schaute Eric in die ruhigen, braunen Augen. \u201eMal sehen,\u201c sagte dieser, \u201ewas ich tun kann. Ich k\u00fcmmere mich darum.\u201c Er fasste seine Pfeife an und sah zum Fenster hinaus. \u201eWollen Sie in ein anderes Zimmer sofort umziehen?\u201c fragte er. \u201eOder wollen Sie ein paar Tage die Entwicklung der Dinge abwarten?\u201c<\/p>\n<p>David wusste nicht genau, was er meinte, aber er sagte zu Eric, er warte lieber ab, was passieren w\u00fcrde. Vielleicht k\u00f6nne man eine andere L\u00f6sung finden. Und das war alles. David war daf\u00fcr dankbar, dass Eric schien, \u00fcber die Lage die Kontrolle zu \u00fcbernehmen, aber in ein paar Jahren, w\u00fcrde er auf eine ganz andere Reaktion von Harvard-Funktion\u00e4ren sto\u00dfen. \u201eWann werden Sie endlich erwachsen werden?\u201c Dieser Satz spiegelte die h\u00e4ufigere Einstellung wider, die verschiedene Harvard-Personen sp\u00e4ter zu David haben w\u00fcrden. Oder manchmal sagte man, \u201eWann werden Sie anfangen, die Wirklichkeit ins Auge sehen und die Welt so zu nehmen, wie sie ist?\u201c Eric aber war ein Mensch, der fast einzig in seiner Art war. Zun\u00e4chst einmal sah es David ganz so aus, dass Eric au\u00dferstande war, sich \u00fcber ihn zu \u00e4rgern, egal wie unschuldig oder unerfahren oder naiv er wirken konnte.<\/p>\n<p>Nach zwei Tagen war Bowers weg. Er wurde in ein anderes Harvard-Wohnheim versetzt. David sah ihn nie wieder. Nach dem ersten Jahr in Harvard, sah er auch Eric nie wieder und wusste nie, was aus ihm geworden ist.<\/p>\n<p>Zu einem viel sp\u00e4teren Zeitpunkt dachte David sehr oft, dass, was auch immer aus Eric geworden sein mag, es David schwer fiel, zu glauben, dass Eric einer dieser Harvard-Jurastudenten war, der sp\u00e4ter nur Rechtsanwalt bei einer gro\u00dfen Firma wurde. Eric muss sich irgendwie einen Sinn f\u00fcr Mitleid bewahrt haben, dachte sich David, obwohl er dar\u00fcber auch nachgedacht, dass, in der Welt, in der wir heutzutage leben, es vielleicht unm\u00f6glich w\u00e4re, so etwas f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich zu halten.<br \/>\n\u2013<br \/>\n\u2013<br \/>\n\u2013<br \/>\nTeil 1, Kapitel 9<\/p>\n<p>\u201eIn welcher Schule ich auch war, in welcher Institution ich auch gearbeitet habe, ich pa\u00dfte nie ganz zu meiner Umgebung\u201c.<br \/>\n\u2013Marcel Reich-Ranicki<br \/>\nMein Leben<\/p>\n<p>Davids Pers\u00f6nlichkeit war zu unreif, um ihm zu erlauben, \u201eeines Freundes Freund zu sein\u201c, wenigstens nicht der Freund eines Menschen in seinem eigenen Alter. Er f\u00fchlte sich gar nicht sicher, er hatte zu viel Angst davor, dass all seine Schwachpunkte bekannt werden w\u00fcrden und dass man \u00fcber sie lachen oder sie ausnutzen w\u00fcrde, auf irgendeine Art und Weise.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich wollte er enge Freunde haben; das war es, was das Leben lohnenswert machte. Tief und tiefsinnige Gespr\u00e4che mit einem anderen Menschen f\u00fchren zu k\u00f6nnen, die neue intellektuelle Welt, die Harvard ihm \u00f6ffnete, zu teilen, das Gef\u00fchl der Neuheit und Aufregung, das er jetzt erfuhr und das seine Gedanken ausf\u00fcllte \u2013 fast nichts war ihm wichtiger.<\/p>\n<p>Fast nichts. Das, was ihm auch sinnvoller war, war sein unbeholfener, pubert\u00e4rer Versuch, ein geistliches Leben zu pflegen und zu entwickeln, was man in Harvard als etwas Idiotisches betrachtete, bestimmt damals. Was ihn betrifft, gab es immer noch keinen Konflikt zwischen dem geistlichen Leben und dem Leben des Intellektes, zwischen Glauben und Vernunft. Der eine erg\u00e4nzt die andere, und nat\u00fcrlich dachte er sich, dass es immer so bleiben w\u00fcrde.<\/p>\n<p>F\u00fcr David war das ideale Leben ein Streben nach diesen beiden Elementen. Wenn er von der Art und Weise weitertr\u00e4umte, wie er leben m\u00f6chte, tr\u00e4umte er davon, dass er ein unm\u00f6glich reines Gelehrtenleben \u2013 ein m\u00f6nchisches Leben \u2013 f\u00fchren w\u00fcrde. Nach dem, was er als Junge las und sich vorstellte, war es die Art Leben, das ein Mensch wie Anselm von Canterbury gef\u00fchrt hatte, eine Existenz, die die Suche nach Gott mit dem Streben nach Weisheit verband. Nat\u00fcrlich wissen alle, dass das eine Art Existenz sei, die es nie gab. Leider aber wusste David das nicht und tr\u00e4umte auch von der Idee von intellektuellem Spielen, eine Idee, die er in den gef\u00e4hrlichen B\u00fcchern von Hermann Hesse fand, insbesondere im gef\u00e4hrlichsten, Das Glasperlenspiel.<\/p>\n<p>David hatte keine Ahnung, dass in unserem Zeitalter w\u00fcrden immer mehr Leute \u2013 in allen Schichten \u2013 zu der \u00dcberzeugung gelangen, dass die lohnenswerteste Art von Leben aus Bet\u00e4tigungen bestanden, die etwas anders waren, als die Suche nach Gott und das Streben nach Weisheit. Einige Leute w\u00fcrden schlie\u00dflich lachen und sagen, dass, wenn er nicht seine Ideale erf\u00fcllen konnte, der Grund dazu war, dass diese Ideale einfach sinnlos waren. Andere w\u00fcrden sagen, er h\u00e4tte diese Ideale wirklich nicht ernst genug genommen, und vielleicht hatten diese Leute Recht. Vielleicht hat David sie damals nicht sehr ernst genommen, vielleicht hat er sie sogar nicht verstanden.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter in seinem Leben aber nahm er sie ernst.<\/p>\n<p>Zu einem viel sp\u00e4teren Zeitpunkt, nachdem er so viele verschiedene Arten von Leben gelebt hatte, sozusagen, waren diese Ideale alles, was ihm wirklich sinnvoll schien. Obwohl er vielleicht den Eindruck erweckte, als ob er f\u00fcr immer genauso unf\u00e4hig sein w\u00fcrde, diese Ideale zu erf\u00fcllen, wie er bis dahin gewesen war, trotzdem blieben diese Ideale immer das, was f\u00fcr ihn den Sinn des Lebens ausmachten. Und wenn er manchmal \u00fcber die D\u00fcsterkeit dieses Lebens und \u00fcber die gro\u00dfe Gefahr des Scheiterns in einem grenzenlosen \u00d6dland der Zeitverschwendung fast verzweifelte, konnte er Zuflucht mindestens in den geheimen Seiten finden, die er schrieb und die wahrscheinlich niemand jemals lesen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Dort, mindestens in jenen Seiten, konnte er noch ein letztes, verzweifeltes Gebet zum Ausdruck bringen. Er konnte noch einen inartikulierten Schrei aussto\u00dfen, dass alles doch gut sein wird, schlie\u00dflich, \u201eund alle Dinge gut sein werden.\u201c Als er jene Seiten schrieb, wusste er, dass der junge Mann, der so blind auf Gott und Weisheit hoffte, immer existieren w\u00fcrde. Er wusste, dass er eines Tages \u2013 wenn er irgendwie weiter\u00fcberleben k\u00f6nnte \u2013 letztlich das finden w\u00fcrde, was er suchte, das, was er immer gesucht hatte.<br \/>\n\u2013<br \/>\n\u2013<br \/>\n\u2013<br \/>\nTeil 1, Kapitel 10<\/p>\n<p>\u201eNiemand und nichts kann uns schaden, Kind, au\u00dfer das, was wir f\u00fcrchten und lieben\u201c.<br \/>\n\u2013Sigrid Undset<br \/>\nKristin Lavranstochter<\/p>\n<p>Da es ihm fast unm\u00f6glich war, mit anderen Studenten in seinem Alter in Harvard befreundet zu sein, war ein Ehepaar namens Clayton und Ann seine ersten engen Freunde. Diese aber waren eher wie Eltern als wie Freunde.<\/p>\n<p>Damals sah David all seine Freunde \u2013 und fast jeden Menschen, den er kennen lernte \u2013 nicht wirklich wie sie waren sondern wie er wollte, dass sie sein w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter w\u00fcrde er sich fragen, ob all diese Menschen \u2013 zu der Zeit, als er sie kannte \u2013 tats\u00e4chlich vielleicht genauso so gut und intelligent geworden waren, wie er sie sich vorstellte, und ob sie m\u00f6glicherweise eine Weile so blieben.<\/p>\n<p>Noch sp\u00e4ter dachte er, dass dies eine verdrehte Idee war, einfach eine weitere Illusion, die er damals hegte. Und doch sogar damals wollte er immer noch glauben, dass andere Menschen auf das, was er von ihnen erwartete, eingehen k\u00f6nnen, dass sie tats\u00e4chlich das sein k\u00f6nnen, was sie verm\u00f6gen, nur weil jemand anderes das Beste in ihnen erkennt und daran appelliert.<\/p>\n<p>Was immer die Wahrheit \u00fcber Ann und Clayton auch sein mochte, hatte David sie gern und bewunderte sie, mit all der Kraft und Energie, \u00fcber die ein junger Mann verf\u00fcgen kann. Sehr lange waren sie die bedeutendsten Menschen, die er in Harvard kannte, weil sie die einzigen waren, denen er wirklich nahe stand. Egal, welche Art Menschen sie wirklich waren, sah er sie als Menschen weiter, die au\u00dfergew\u00f6hnliche Eigenschaften aller Art hatten; sah er in ihnen alle Ideale, die er erwartete, als er nach Harvard kam; sah er sie als die gl\u00e4nzenden, sanft leuchtenden Freunde, die er gesucht hatte.<\/p>\n<p>Dass all das l\u00e4cherlich geklungen h\u00e4tte, wenn er es irgendjemandem sagte, das konnte er sich gut vorstellen. Trotzdem glaubte er, es sei wahr. Er f\u00fchlte sich so scheu und einsam, sodass Ann und Clayton die einzigen waren, mit denen er seine tiefsten Gedanken und Gef\u00fchle teilen konnte. Also f\u00fcr ihn strahlten diese zwei Menschen vor einer Art von innerem Licht.<\/p>\n<p>Manchmal waren seine Gedanken und Gef\u00fchle fast zum \u00dcberlaufen damit voll, dass er wusste, dass Menschen wie Ann und Clayton, die so weise und intelligent schienen, tats\u00e4chlich existierten, und in diesen Augenblicken tr\u00e4umte er davon, dass er Gro\u00dfes leisten w\u00fcrde, um sich ihnen gegen\u00fcber dankbar zu zeigen: Er w\u00fcrde gro\u00dfe B\u00fccher schreiben, und ganze B\u00e4nde voller Gedichte. Manchmal verfasste er im Stille die Widmungen dieser B\u00fccher, als er zu Ann und Clayton nach Hause ging oder als er sp\u00e4ter durch die ruhigen, lautlosen Stra\u00dfen von Cambridge nach Adams House, seinem Studentenheim, zur\u00fcckkehrte.<\/p>\n<p>In sp\u00e4teren Jahren dachte er bei sich, wenn Ann und Clayton doch nicht die Art Menschen waren, die in seiner Einbildung existierten, wem kann man die Schuld daran geben, wirklich? Schlie\u00dflich stellte er sich auch nicht als der Mensch heraus, den Ann und Clayton erwartet hatten.<\/p>\n<p>David hat Ann in einer kleinen Lehrveranstaltung von zehn oder zw\u00f6lf Studenten kennen gelernt, eine Lehrveranstaltung, die eigentlich ein Teil von einem viel gr\u00f6\u00dferen Einf\u00fchrungskurs in englischer Literatur war. Zuerst hat er ihr keine gro\u00dfe Beachtung geschenkt. Erst, als einer der anderen Studenten eines Tages \u00fcber \u201ediese merkw\u00fcrdige Frau mittleren Alters\u201c in unserer Klasse Bemerkungen machte, f\u00e4llt sie ihm eigentlich auf. Damals war Ann gut neunundzwanzig Jahre alt, und ihre mutma\u00dfliche Merkw\u00fcrdigkeit war tats\u00e4chlich nur ein Ausdruck der Individualit\u00e4t, die Harvard-Frauen oft kultivieren. Wo es sich damals um Ann handelte, hie\u00df \u201eMerkw\u00fcrdigkeit\u201c, dass sie immer eine eher unauff\u00e4llige Erscheinung war. Zu einem Zeitpunkt, wo fast alle jungen Frauen in Harvard sich schminkten, wenigstens ein bisschen, schminkte sich Ann \u00fcberhaupt nicht. Zu einem Zeitpunkt, wo die meisten Harvard-Studentinnen m\u00f6glichst modisch bekleidet waren, trug Ann \u00e4u\u00dferst unscheinbare Kleidung. Erst sp\u00e4ter fing sie an, sich auf die absichtlich einfache und elegante Art und Weise anzuziehen, die die echte Sch\u00f6nheit, die er immer in ihr sah, hervorhob.<\/p>\n<p>Erst mehrere Wochen nach dem Anfang des Herbstsemesters sprach David zum ersten Mal mit Ann. Er war in die Mensa der Studienanf\u00e4nger zum Abendessen gegangen und ist an einem Tisch mit anderen Studenten aus Thayer, seinem Studentenheim, gesessen. Es gab ein Mensa-Tablett auf dem Tisch, vor dem Platz neben ihm. Man hat das Geschirr darauf schon benutzt und es war leer, aber David bemerkte die Spur eines Lippenstifts auf der Kaffeetasse. \u201eIrgendein M\u00e4dchen aus Radcliffe hat ihr Tablett liegen lassen\u201c, dachte er bei sich. (Radcliffe war damals die Abteilung f\u00fcr Frauen in Harvard.)<\/p>\n<p>Ein paar Minuten sp\u00e4ter kam \u201edas M\u00e4dchen aus Radcliffe\u201c zur\u00fcck und sich setzte. Es war Ann.<\/p>\n<p>Inzwischen hatte sie begonnen, diese leuchtende, halb verborgene Sch\u00f6nheit, die sie ihm f\u00fcr immer unvergesslich machen w\u00fcrde und die ihn eifrig bem\u00fcht sein lie\u00df, mit ihr zu reden. Eine Weile sprachen sie \u00fcber den Englischkurs, den sie besuchten, und dann erz\u00e4hlte sie ihm von ihrem Mann und ihre drei S\u00f6hne. \u201eWillst du sie kennen lernen?\u201c fragte sie ihn. \u201eBitte komm zu uns heute Abend. Clayton wird mich in ein paar Minuten abholen.\u201c<\/p>\n<p>Ihr Zuhause war nur ein paar Blocks weit entfernt von Harvard Square. Es war eins dieser Cambridger H\u00e4user, die im neunzehnten Jahrhundert gebaut wurden, ein Haus, das immer warm und irgendwie zeitlos schien, durch die Art und Weise, wie es einen begr\u00fc\u00dfen und umarmen konnte. Es muss noch bestehen. Es wird ganz bestimmt immer in seinen Gedanken bestehen, weil sehr oft w\u00e4hrend der Abende, die er dort verbrachte, in jugendlicher Begeisterung, er sich in diesen Zimmern umsah und dachte, \u201eDiesen herrlichen Ort, dieses Licht, diese unvergleichlichen Leute \u2013 f\u00fcr das Gl\u00fcck, das ich empfinde, werde ich dieses Zimmer und diese Augenblicke verewigen, genauso wie sie jetzt sind\u201c.<\/p>\n<p>Welche arme Existenz aber hat er ihnen eigentlich je verliehen? Sehr wenig vielleicht, aber er k\u00f6nnte mindestens den Versuch unternehmen, das zu tun. Sp\u00e4ter, nach Jahren, versuchte er immer weiter, so lange wie er es konnte, das Versprechen einzul\u00f6sen, das er damals als Jugendlicher gab. Aber um das zu tun, h\u00e4tte er versuchen m\u00fcssen, w\u00f6rtlich alles zu \u00e4u\u00dfern, und wer k\u00f6nnte so etwas machen? Alles, was er je tun konnte, war, zu hoffen, dass sein unbeholfenes Schreiben irgendein Verst\u00e4ndnis bieten w\u00fcrde, f\u00fcr den wahren Kern der Wirklichkeit, die er einmal gekannt hatte.<\/p>\n<p>Auch bevor er in das Wohnzimmer ihres Hauses an diesem ersten Abend eintrat, gab es schon ein Gef\u00fchl des Staunens in seinen Gedanken. Clayton und Ann waren so anders als alle anderen Leute, die er in diesem innerhalb der Grenzen des amerikanischen Mittleren Westens gelebten Leben gekannt hatte. Clayton hatte David die Hand gesch\u00fcttelt und ihm mit Intelligenz, Verst\u00e4ndnis und Interesse in die Augen gesehen. Er war mehrere Jahre \u00e4lter als Ann, fast so alt wie Davids Eltern, und es machte David gl\u00fccklich, dass irgendjemand dieser Generation seine Existenz \u00fcberhaupt anerkennen w\u00fcrde. Das gab ihm ein Hochgef\u00fchl, auch ein Gef\u00fchl der Freiheit und Kraft. Es war, als ob Clayton und Ann schauten ihn an und sagten, \u201eWir wissen, wer du bist, und wir glauben, dass du ein au\u00dferordentlich wertwoller Mensch bist.\u201c<\/p>\n<p>Bis er Clayton und Ann kennen lernte, hatte der Zweifel an sich selbst, den seine Eltern ihm eingepflanzt hatten \u2013 um ihn an sie zu binden \u2013 ihn das Gef\u00fchl vermittelt, dass sein Leben f\u00fcr andere Leute von geringem Nutzen und Sinn sei. Das, was Clayton zu ihm sagte, war das Gegenteil davon, was seine Eltern immer wortlos vermittelt hatte: \u201eWir haben keine Ahnung, wer du bist, und selbst wenn wir dich kannte, vermuten wir, dass das sich nicht lohnen w\u00fcrde. Irgendwie aber werden wir dich an uns fesseln. F\u00fcr immer\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>20 July 2022 Bemerkung: Diese deutsche \u00dcbersetzung wird von dem Autor durchgef\u00fchrt, nur als eine Art Sprach\u00fcbung. &#8212; Das Ende ist es, wo wir anfangen Ein Roman von Robert John Bennett. \u2014 Urheberrechtlich gesch\u00fctzt 2008 \u2014 Robert John Bennett \u2014 INHALT \u201eMein lieber Freund,\u201d sagte er, \u201ees gibt keinen Grund dazu, \u00fcberrascht zu sein oder [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":112,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"jetpack_post_was_ever_published":false,"footnotes":""},"class_list":["post-614","page","type-page","status-publish","hentry"],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/P6P74S-9U","jetpack-related-posts":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archive.blogs.harvard.edu\/revision\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/614","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archive.blogs.harvard.edu\/revision\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/archive.blogs.harvard.edu\/revision\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archive.blogs.harvard.edu\/revision\/wp-json\/wp\/v2\/users\/112"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archive.blogs.harvard.edu\/revision\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=614"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/archive.blogs.harvard.edu\/revision\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/614\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9430,"href":"https:\/\/archive.blogs.harvard.edu\/revision\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/614\/revisions\/9430"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archive.blogs.harvard.edu\/revision\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=614"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}